Angefangen hat es in der Romandie. Dort haben Tierrechtsaktivisten in den letzten zwei Jahren einen McDonalds mit Kunstblut beschmiert, setzten sich mitten in Lausanne an einen Tisch mit Kuhkopf und entfürten 18 Ziegen von einem Schlachhof in Rolle VD.

Dieses Jahr haben die radikalen Tierschützer bereits mehr als zwanzig Metzgereien, Restaurants und Pelzgeschäfte angegriffen. Über die letzte, gemässigtere Aktion der Szene berichtete letzte Woche die «Tribune de Genève»: In der Nacht auf Dienstag plakatierten Tierschützer in zahlreichen Städten jenseits des Röstigrabens Wände mit Postern und dem Schriftzug «Lasst uns die Schlachthöfe schliessen!».

Ausgeführt werden all diese Aktionen von Aktivisten verschiedener kleiner Organisationen, die sich als Antispeziesisten verstehen. Heisst: Sie verurteilen die Überlegenheit der Menschen gegenüber der Tierwelt.

Auch in der Deutschschweiz sind die radikalen Tierschützer immer aktiver – und auch hier immer öfters bereit, die Grenzen des Legalen zu überschreiten. Anfang April haben sie in Bern die Vitrine einer Metzgerei verunstaltet. In Oensingen besetzten sie Ende 2018 den Schlachthof von Bell und ketteten sich dort an.

Bei der Räumung durch die Polizei gab es Verletzte. In Zürich zerstörten sie Jagd-Hochsitze. Der Nachrichtendienst des Bundes beobachtet seit 2018 eine Zunahme von Gewalttaten aus der Tierrechtsszene, wie er dem «Blick» kürzlich bestätigte.

Aktivisten hindern Bell beim Schlachten

Aktivisten hindern Bell beim Schlachten (21. November 2018)

Diverse Aktivisten belagern das Gelände der Bell Food Group in Oensingen (SO). Der Schlachtbetrieb ist eingestellt.

Zahlreiche Demonstrationen geplant

Viele Aktionen dieser «veganen Armee» laufen aber friedlich ab. Und es werden immer mehr: Die Organisation «Tier im Fokus» ist dieses Wochenende an der BEA-Messe in Bern, währenddessen werden in Freiburg Aktivisten gegen die Kokain-Versuche der Universität protestieren. Nächste Woche plant der Verein «Animal Rights Switzerland» eine Demonstration gegen das Ozeanium Basel, im Oktober findet dann das Schweizerische antispeziesistische Treffen in Genf statt. Die Aktivisten des «The Save Movement» ihrerseits halten regelmässig Mahnwachen vor Schlachthöfen ab.

Mindestens in den Medien haben es diese neuen Vereine geschafft, die etablierten Tierschutzorganisationen wie PETA oder den Schweizer Tierschutz zu verdrängen. Dies unter anderem mit radikaleren Forderungen: Die neuen Tieraktivisten wollen die Nutztierhaltung nicht freundlicher gestalten, sondern sie ganz abschaffen. Pablo Labhardt, Geschäftsleiter von «Animal Rights Switzerland»: «Der Tierschutz muss mit der Zeit gehen. Es ist veraltet, wenn er heute noch für Biofleisch wirbt, wenn täuschend echte Pflanzenburger auf dem Markt sind.»

Diese Forderungen stossen in der Bevölkerung zunehmend auf offene Ohren. Eine repräsentative Umfrage von «Tier im Fokus» zeigt: 17 Prozent der Schweizer Bevölkerung befürworten die Schliessung der Schlachthäuser, in der Westschweiz sind es gar 35 Prozent. Tobias Sennhauser, Präsident des Vereins: «Noch vor wenigen Jahren wären solche Zahlen unvorstellbar gewesen. Innert kurzer Zeit ist es uns gelungen, in der Bevölkerung einen Bewusstseinswandel zu erreichen.» Dieser Wandel zeigt sich auch bei den Mitgliederzahlen: Verschiedenen Tierschutz-Organisationen mit ähnlichem Gedankengut erlebten 2018 einen regelrechten Mitgliederboom (watson berichtete).

Grund dafür ist sicher auch, dass die jungen Organisationen auf neue Aktionsformen setzten. Beispiele: Wer sich dieses Wochenende an der BEA ein kurzes Video zur Schweizer Nutztierhaltung anschaute, bekam von «Tier im Fokus» einen Franken bar auf die Hand.

Manche Aktivisten, wie diejenige von «The Save Movement», stellen sich vor Schlachthöfe, filmen die Tiere und posten die Fotos und Videos auf Facebook. Regionalverantwortlicher Silvano Lieger: «Diese Bilder sind für die Öffentlichkeit sehr eindrücklich – die Tiere verängstigt, kurz vor ihrem Tod und nach einem langen und stressigen Transport zu sehen ist nichts, was man jeden Tag sieht.»

Politik gefordert

Die Tieraktivisten können schon manche Teilerfolge feiern. Durch ihre Aktionen nimmt der Druck auf die Anbieter zu, vegane Alternativen anzubieten. In Schweizer Städten gibt es inzwischen an jeder Ecke Cappuccinos mit Soja- oder Mandelmilch. Coop verkauft seit Mitte April den Vegi-Burger Beyond. Und sogar McDonald lanciert ende Monat in diversen Ländern (noch nicht in der Schweiz) den «Big Vegan TS»-Burger, wie das Unternehmen kürzlich bekanntgegeben hat.

«Was es jetzt noch braucht», so Pablo Labhardt, Geschäftsleiter von Animal Rights Switzerland, «sind offene Ohren seitens der Politik: «Keine Partei will bisher pflanzliche Konkurrenzprodukte zu Fleisch, Eiern und Milch fördern, um die Tierwürde zu schützen. Keine Partei sieht es bisher als Problem, dass jährlich über 65 Millionen Schweizer Tiere für solche Lebensmittel unnötig getötet werden.»

Repräsentative Umfrage des Marktforschungsunternehmens DemoSCOPE im Auftrag von Swissweg, Zahlen aus 2017.

Repräsentative Umfrage des Marktforschungsunternehmens DemoSCOPE im Auftrag von Swissweg, Zahlen aus 2017.