Interview

Digitec-Mitbegründer Marcel Dobler zur Hilfe für KMU: «Die Probleme sind nur verschoben»

Marcel Dobler: «Ich könnte mir vorstellen, dass Mieter, Vermieter und Bund je einen Drittel der Mieten übernehmen.»

Marcel Dobler: «Ich könnte mir vorstellen, dass Mieter, Vermieter und Bund je einen Drittel der Mieten übernehmen.»

FDP-Nationalrat und Franz-Carl-Weber-Mitbesitzer Marcel Dobler hält weitere KMU-Hilfsmassnahmen für dringend.

Wohl kein Parlamentarier in Bern weiss besser, wie der Detailhandel unter der Krise leidet. Der St.Galler FDP-Nationalrat Marcel Dobler gehört als Mitgründer der – inzwischen verkauften – Online-Handelsfirma Digitec nicht nur zu den Pionieren des Schweizer Online-Handels. Heute ist er auch Mitbesitzer des traditionsreichen Spielzeugwarengeschäfts Franz Carl Weber. Am Telefon warnt der 39-Jährige: Wenn KMU keine zusätzliche Unterstützung erhalten, drohten Konkurse en masse.

Sie sind an Franz Carl Weber beteiligt, einem traditionellen Spielwarengeschäft. Wie geht es der Firma?

Anfang Jahr war ich zuversichtlich, dass wir die Sanierung von Franz Carl Weber bereits in diesem Jahr erfolgreich abschliessen können. Inzwischen hat sich alles verändert, auch unsere Filialen müssen geschlossen bleiben. Bereits im März hatten wir einen Umsatzeinbruch von 30 Prozent. Die Leute gingen aus Angst nicht mehr in die Läden. Mit erheblichen Umsatzeinbussen und Verlusten ist auch nach dem Lockdown zu rechnen.

Ist der Online-Handel ein Ausgleich?

Leider ist es nicht möglich, mit 10 Prozent des Umsatzes Fixkosten und Mieten an 20 Standorten zu bezahlen.

Wie beurteilen Sie die bisherigen Wirtschaftshilfen des Bundes?

Der Bundesrat hat richtig reagiert, aber die politische Arbeit ist längst nicht erledigt. Man hat im Wesentlichen für Liquiditätshilfe gesorgt, um das System am Leben zu halten. Damit sind die Probleme nach hinten verschoben. Man hat sich Zeit gekauft, um eine Lösung zu erarbeiten.

Sie können als Parlamentarier bald über weitere Massnahmen mitbestimmen. Was ist aus Ihrer Sicht dringend?

Der Zeitraum für die Rückzahlungen der Kredite von fünf bis sieben Jahren wird im Einzelfall zu kurz sein. Es muss diskutiert werden, unter welchen Bedingungen ein Schuldenerlass eine Option ist. Dieser könnte für viele Firmen sehr wichtig sein, er kann aber auch zu Wettbewerbsverzerrungen führen, wenn ihn die einen in Anspruch nehmen und die anderen nicht. Und bei den Selbständigerwerbenden fehlt nach wie vor eine tragfähige Lösung. Die 3320 Franken, die nur ein Teil der Betroffenen erhalten, sind viel zu wenig, um eine Existenz zu sichern.

Sie fordern insbesondere bei den Mieten eine Lösung.

Ja. Wir zahlen hohe Mieten und können die Räume auf Grund des verordneten Notrechts nicht nutzen. An Toplage sind die Mieten gleich hoch wie die Personalkosten. Kurzarbeit als einzige Unterstützung wird vielen KMU nicht reichen, ihre Existenz zu sichern. Hier besteht Handlungsbedarf, sonst kommt es zu vielen Konkursen und leeren Gebäuden. Ich könnte mir vorstellen, dass beispielsweise Mieter, Vermieter und Bund je einen Drittel der Mieten übernehmen.

Der Staat greift mit Milliarden in die leidende Wirtschaft ein. Trotz der unbestrittenen Notwendigkeit – blutet da ein freisinniges Unternehmerherz nicht auch?

Mein Herz blutet bei Zwangsschliessungen von Betrieben mit Notrecht und beim Abschaffen der Wirtschaftsfreiheit. Wenn man die KMU als systemrelevant einstuft und ihre Existenz bedroht sieht, ist Hilfe nun schlicht notwendig. Die KMU als Rückgrat der Schweiz haben eine wichtige Versorgungsaufgabe, zahlen Steuern und beschäftigen einen Grossteil der Bevölkerung.

Braucht es nun möglichst rasch einen Ausstieg aus dem Lockdown?

Baldmöglichst. Wir brauchen sofort einen Plan, wie wir die Wiedereröffnungen dann schrittweise gestalten werden. Dass alle gleichzeitig öffnen, halte ich für abwegig. Und zu früh zu öffnen nützt nichts: Wenn die Kunden weiterhin Angst haben und nicht ins Geschäft kommen, kostet dies die Firmen auch bei einem Mindestpersonalbestand mehr, als wenn das Geschäft zu bleibt. Vor allem aber…

Bitte...

…Ein zu frühes Wiedereröffnen könnte das Risiko für eine zweite Coronawelle im Herbst verstärken. Das wäre dramatisch. Einen zweiten Lockdown in diesem Jahr überlebt unsere Wirtschaft kaum.

FDP und auch die SVP fordern ein rasches Ausstiegsszenario aus dem Lockdown. Damit wird automatisch die Frage gestellt: Geht die Gesundheit vor oder die Wirtschaft?

Man darf die Wirtschaft nicht gegen die Gesundheit ausspielen. Es braucht ein Miteinander. Trotzdem werden wir, auch wenn sich alle vor dieser Frage drücken, diese schwierige Diskussion wohl zwangsläufig führen müssen – gerade wenn im Herbst ein zweiter Lockdown droht, der das Ende für viele Firmen bedeuten würde.

Was heisst dies konkret?

Dass wir vielleicht trotzdem abwägen müssen. Wir als Gesellschaft akzeptieren ohne grosse Notiz, dass pro Jahr 2500 Personen an der Grippe sterben. Mit dem Lockdown haben wir nun verhindert, dass es Zehntausende Coronatote in der Schweiz gibt, meist Personen über 80. Dafür aber verschulden wir uns auf Generationen hinaus und geben zwischen 50 und 100 Milliarden Franken aus, also rund eine Million Franken pro verhindertem Todesfall. Wir kommen, so befürchte ich, nicht darum herum, diese Relationen mit Blick auf einen zweiten Lockdown bei einer zweiten Coronawelle zu diskutieren.

Eine ganz andere Frage: Sie sind mit Digitec ein Pionier des Online-Handels. Ist die jetzige Krise eine Chance für Schweizer Betriebe, um im Online-Handel Fuss zu fassen, oder werden das viele Betriebe nach der Krise wieder aufgeben?

Wer Online-Möglichkeiten hat, macht jetzt Umsatz, die anderen nicht. Wir sehen hier eine unmittelbare Marktverzerrung. Dies wird sich wieder einpendeln, wobei aber eine generell stattfindende Verschiebung vom stationären Handel in den Online-Bereich in diesem Jahr beschleunigt wird. Viele Leute sehen jetzt – gezwungener­massen – die Vorteile des Online-­Handels. Ich schätze diesen Verschiebungseffekt auf 5 bis 15 Prozent. Im nächsten Jahr wird er wieder tiefer sein.

Meistgesehen

Artboard 1