Suchtmittel

Drogen-«Arena»: Kokser Anton Kohler verzweifelt an SVP-Abstinenzlerin Geissbühler

Moderator Sandro Brotz (Mitte) mit seinen Gästen Andrea Geissbühler (SVP), Ruedi Löffel (EVP), Andrea Caroni (FDP) und Ronja Jansen (Juso, v.l.n.r.)

Moderator Sandro Brotz (Mitte) mit seinen Gästen Andrea Geissbühler (SVP), Ruedi Löffel (EVP), Andrea Caroni (FDP) und Ronja Jansen (Juso, v.l.n.r.)

Wie umgehen mit verbotenen Substanzen? In der «Arena» wurde über Kokain, Heroin und Cannabis gestritten – und die legalen Suchtmittel Alkohol und Tabak. Die interessantesten Figuren sassen im Publikum – und erzählten ganz unterschiedlich von ihrem eigenen Drogenkonsum.

Einen derartigen Auftakt erlebte die «Arena» in der 26-jährigen Geschichte der Sendung wohl noch nie. Die gestrige Ausgabe war noch keine zwei Minuten alt, da hatte bereits ein bekennender regelmässiger Kokain-Konsument im Publikum die Wirkung der Droge als «zehnmal geiler als der beste Sex» beschrieben und Moderator Sandro Brotz, neben einem eindrücklichen Puderzuckerberg stehend – dieser sollte die 1.7 Kilogramm Kokain darstellen, die alleine in der Stadt Zürich jeden Tag konsumiert werden – mit einer aufgerollten Fünfzigernote demonstriert, wie das weisse Pulver konsumiert wird.

Es war ein bildstarker Start in eine unterhaltsame Sendung. Unter dem Titel «Kokain fürs Volk?» wurde über die Frage diskutiert, ob der Konsum von Substanzen wie Cannabis, Kokain oder Heroin straffrei sein sollte.

Zwei Befürworter eines solchen Schrittes, FDP-Ständerat Andrea Caroni und Juso-Präsidentin Ronja Jansen, standen zwei Gegnern gegenüber, SVP-Nationalrätin und Ex-Polizistin Andrea Geissbühler sowie dem Berner EVP-Grossrat Ruedi Löffel, Leiter der Fachstelle für Suchtprävention des Blauen Kreuzes Bern-Solothurn-Freiburg.

Am meisten zu überzeugen vermochte der freisinnige Appenzeller. Andrea Caroni, der früh in der Sendung bekannte, dass er noch nie eine Zigarette geraucht hat, Alkohol nicht besonders möge und die «Geschmacksnerven eines 7-Jährigen» sowie eine Schwäche für Schokolade und Energydrinks habe, lieferte einen konsistenten Auftritt, in dem er mit einfachen sprachlichen Bildern die Schwächen der aktuellen Schweizer Drogenpolitik illustrierte. Gleichzeitig zeigte er sich gesprächsoffen und lotete Gemeinsamkeiten mit der Gegenseite aus, etwa beim Thema Jugendschutz. 

Koks aus der Apotheke

Eine erste Kostprobe seines rhetorischen Talents lieferte der Anwalt Caroni, von Berufs wegen in der Kunst des effektiven Plädoyers bewandert, bereits nach etwas mehr als zehn Minuten. Von SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler, Anhängerin der Vision einer drogenfreien Gesellschaft, wollte er wissen, wieso sie denn einem 43-Jährigen, der einen unproblematischen Drogenkonsum habe, aber ab und zu aus Genussgründen einen Joint rauche, kriminalisieren wolle. «Bei jemandem, der das mit Alkohol macht, käme Ihnen das ja auch nicht in den Sinn.»

Diese Argumentationslinie zog sich bei Caroni durch den Abend. Die Einteilung in verbotene «böse» Drogen und legale «gute» Drogen sei willkürlich und falsch. Bei den verbotenen Substanzen schaffe man einen lukrativen Schwarzmarkt für Kriminelle und dränge Konsumenten in eine «dunkle Unterwelt» hinab. Der Staat bringe sich durch die Kriminalisierung von Drogen um sämtliche Handlungsmöglichkeiten.

Denn nur in einem regulierten Markt könne der Staat Regeln aufstellen und durchsetzen. Viel besser wäre es, so Caroni, Konsumenten könnten beispielsweise in der Apotheke Drogen kaufen. Dort hätten Konsumenten – «natürlich nur volljährige» – die Sicherheit, dass der Stoff rein ist und könnten sich von Fachleuten beraten lassen.

Die «Scheisst-mich-an»-Mentalität

Davon wollte SVP-Frau Geissbühler nichts wissen. Der Drogenkonsum sei gesundheitsschädigend und insbesondere für die Jugendlichen äusserst gefährlich. Das Gehirn entwickle sich bis ins Alter von 25 Jahren, weshalb Cannabiskonsum in den Jugendjahren besonders schädlich sei. Man habe die Probleme beim Jugendschutz ja nicht einmal beim Alkohol oder beim Tabak im Griff. «Es ist deshalb völlig falsch, andere Drogen zu legalisieren.» Denn etwa mit Cannabis gerieten Jugendliche in eine «Es scheisst mich an»-Mentalität. Das Ziel müsse aber eine gesunde, leistungsfähige Jugend sein.

Das Argument, der Verkauf an Minderjährige bliebe verboten, liess die Bernerin nicht gelten. Wenn Erwachsene ihren Stoff legal beziehen könnten, würden sich die Dealer vermehrt auf Jugendliche als potenzielle Kunden konzentrieren. Caroni merkte scharfsinnig an, damit gebe Geissbühler ja zu, dass eine Legalisierung den Schwarzmarkt massiv einschränken würde – was grundsätzlich schon mal positiv sei. Ausserdem würden die Dealer auch heute nicht nach dem Ausweis verlangen, um das Alter ihrer Konsumenten in Erfahrung zu bringen.

Noch ein weiteres Argument, weshalb es eine Legalisierung des Drogenkonsums und ein Ende des Schwarzmarkts brauche, brachte Juso-Chefin Ronja Jansen ins Spiel, deren Performance, geprägt von sich wiederholenden Argumenten, ansonsten im Vergleich zu Caroni abfiel. Die internationalen Drogenkartelle und die Gewalt, die sie anwendeten, kosteten weltweit zehntausenden Menschen das Leben – mehr Menschenleben als der Drogenkonsum.

Nadelstiche gegen Caronis FDP

Hier widersprach EVP-Grossrat und Präventionsstellenleiter Ruedi Löffel energisch: Alleine in der Schweiz würden jeden Tag zwei Dutzend Leute an den Folgen von Tabak sterben. Löffel hob sich mit seiner ruhigen Art deutlich von seiner Mitstreiterin Andrea Geissbühler ab. Seine Argumente waren nachvollziehbarer hergeleitet als jene der SVP-Frau. Und auch inhaltlich unterschied er sich von ihr: So bezeichnete er etwa Geissbühlers Vision einer drogenfreien Gesellschaft als illusorisch.

Vereinzelt setzte Löffel Nadelstiche gegen Caroni. Beispielsweise kritisierte er die Weigerung von Caronis Partei, der FDP, dem Bundesrat eine Erhöhung der Tabaksteuer zu ermöglichen oder schärfere Regeln für ein Werbeverbot für Alkohol- und Tabakprodukte zu unterstützen. Deshalb könne er auch den Begriff Regulierung im Zusammenhang mit den bisher verbotenen Substanzen nicht mehr hören: «Was bei den erlaubten Substanzen seit Jahrzehnten passiert, ist eine Deregulierung.»

Hier vermochte sich Juso-Chefin Jansen in Szene zu setzen: Das Problem bei Tabak und Alkohol sei, dass hier mächtige Lobbys dafür sorgten, dass das Geschäft gewinnbringend ablaufe. Sollte man Cannabis oder Kokain legalisieren, würde ein staatlicher Markt dafür sorgen, dass nicht der Profit, sondern der missbräuchliche Konsum eingeschränkt werde.

Kohler, der Kokser

Die interessantesten Gäste sassen wie so häufig bei der «Arena» im Publikum. Einer davon war der eingangs erwähnte Anton Kohler, pensionierter Kommunikationsfachmann. Er konsumiert laut eigenen Angaben mehrmals pro Woche Kokain. Als süchtig würde er sich selber nicht bezeichnen: «Ich habe einen kontrollierten Konsum, auch wenn er noch etwas tiefer sein könnte.»

Kokain sei eine tolle Erfahrung, die man auf keine andere Art erleben könne. Deshalb rege er sich dermassen auf, wenn Frau Geissbühler zu wissen behaupte, wie Kokain wirke: «Das ist wie wenn ich ihnen erklären würde, wie sich eine schwangere Frau fühlt. Das funktioniert so nicht.» Kokain sei faszinierend, aber man müsse lernen, damit umzugehen: «Das ist beim Alkohol oder beim Tabak nicht anders.» Im Gegensatz dazu gebe es beim Kokain aber keine körperlichen Schäden, wenn der Stoff rein sei.

Etwas Gesundheitsschädliches müsse sie sicher nicht ausprobieren, konterte Geissbühler. Sie sei «über das Niveau eines Tiers hinaus» und müsse ja auch nicht eine heisse Herdplatte anfassen, um zu wissen, dass eine Verbrennung schädlich sei. In ihren sieben Jahren als Polizistin habe sie mehr als genug Erfahrung gesammelt. Kokser Anton Kohler schüttelte ob dieser Aussage heftig mit dem Kopf.

Schockierende Ehrlichkeit

Der andere interessante Gast im Publikum hat ebenfalls Erfahrungen mit Drogen: Thomas Feurer, Leiter einer Beratungsstelle – seit 15 Jahren clean. Davor war er drogenabhängig und schaffte den Entzug auch in dreissig Versuchen nicht. Erst als er mit einer schweren Blutvergiftung, eine Folge seines Konsums, mehrere Monate im Spital war, hörte er auf.

Feurer wehrte sich zunächst dagegen, Kokain zu verharmlosen. Im Gegensatz zu Heroin, wo ein Abgabeprogramm helfen könne, «kriegt man vom Kokain nie genug». Die Behauptung von Anton Kohler, den er sympathisch finde, reines Kokain sei nicht schädlich, sei zwar herzig, aber Humbug. Feurer warnte davor, dass bei einer Legalisierung der Drogen sich Jugendliche an erwachsenen Konsumenten ein Vorbild nehmen könnten. Die Schwerstabhängigen, mit denen er in seiner Arbeit zu tun habe, sprechen sich laut Feurer gegen eine Legalisierung aus.

Juso-Chefin Jansen wies darauf hin, dass viele negative Auswirkungen von Kokain auf die beigemischten Substanzen zurückzuführen seien. Feurer widersprach. Auch das Kokain als solches habe enorm schädliche Auswirkungen. Er persönlich empfinde wegen seines Kokainkonsums kein Glück und keine Trauer mehr: «Dieser Bereich im Gehirn ist bei mir verkümmert.» Darüber spreche niemand, weil keiner hinstehen wolle und sagen, dass seine Reaktion auf die Geburt des eigenen Kindes lediglich ein «Gut hat es geklappt» sei.

Das Rätsel am Ende

Das ehrliche Eingeständnis beeindruckte das ganze Fernsehstudio sichtlich. Der zweite bemerkenswerte TV-Moment des Abends kam kurz vor Schluss, als Moderator Sandro Brotz den während des ganzen Abends auffällig gestikulierenden und nervös wirkenden Kokainkonsument Anton Kohler fragte, ob er momentan unter Drogeneinfluss stehe. Kohler verneinte, worauf sein Sitznachbar und Ex-Drogensüchtiger Thomas Feurer leise ein «natürlich» einwarf.

Weil wir in der «Arena» und nicht bei den Olympischen Spielen waren, gab es im Anschluss keine Dopingkontrolle, welche diese Frage abschliessend beantworten könnte. Es gilt: In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten.

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