Energiegesetz

Ein 21-jähriger Grenchner spuckt Doris Leuthard in die Suppe

Für das Foto will Elias Meier nicht neben einem Windrad posieren. «Dafür stehe ich nicht hin», sagt er.

Für das Foto will Elias Meier nicht neben einem Windrad posieren. «Dafür stehe ich nicht hin», sagt er.

Nicht alle Umweltschützer befürworten das neue Energiegesetz, über das am 21. Mai abgestimmt wird. Der Grenchner Elias Meier ist einer von ihnen. Porträt über einen engagierten Opponenten*.

Die Kapuze über den Kopf gezogen, die Augen gegen Wind und Regen zusammengekniffen, stapft Elias Meier über eine schmale Zufahrtsstrasse. Er, der eigentlich gerne in der Natur ist, der gerne in die Höhe fährt, versucht, diesen Ort zu meiden. Denn hier oben, auf dem 1200 Meter über Meer gelegenen Mont Croisin, dem Pass im bernischen Jura, liegt der grösste Windpark der Schweiz. Und Meier mag keine Windpärke.

Er zeigt auf ein Bauernhaus in der Ferne und die rundum liegende, von gelben Blümchen gesprenkelte Wiese. «Das ist für mich Landschaft», sagt er. Dann dreht er sich zu den drei massiven Windkraftanlagen um, die wenige hundert Meter entfernt ihre Rotorblätter wuchtig im Kreis schleudern. «Aber das da, das ist für mich Industrie.» Auf dem Mont Croisin war Meier zuletzt im Herbst vergangenen Jahres. Damals standen die grössten der inzwischen 16 Windkraftanlagen noch nicht. Es ist das erste Mal, dass er nun die 150 Meter hohen Anlagen sieht. Er ist sichtlich abgeneigt.

Zur Windkraft kam Meier als 18-Jähriger. Aus reinem Interesse beschäftigte er sich mit dem geplanten Projekt einer Windkraftanlage in seinem Wohnort Grenchen. Das Thema liess ihn nicht mehr los, er begann dagegen aufzumucken. Er sagt, Windkraftanlagen seien nicht nachhaltig und würden die Landschaft verschandeln. Heute ist er 21 Jahre alt und der oberste Gegner von Windkraft in der Schweiz. Er präsidiert den Verband «Freie Landschaft Schweiz», die Dachorganisation der Gegner.

Nationale Aufmerksamkeit erhielt Meier, seit er an vorderster Front gegen das neue Energiegesetz kämpft, über das die Stimmberechtigten am 21. Mai abzustimmen haben. Während sich alle anderen grossen Umweltverbände – WWF, Greenpeace, Pro Natura und die Schweizerische Vereinigung für Solarenergie – für ein «Ja» an der Urne einsetzen, sagt Meier: «Dieses neue Energiegesetz ist umweltschädlich und muss abgelehnt werden.»

In Sachen Windkraft klar ...

Um die Abstimmung zu kippen, wurde ein «Umwelt-Komitee gegen das Energiegesetz» gegründet. Meier ist ihr Kampagnenleiter. Dass mit dem Gesetz auf erneuerbare Energien gesetzt werden soll, findet Meier zwar gut. Er befürchtet aber, dass dann vor allem neue Windkraftanlagen gebaut würden. Und das sogar auf geschützten Gebieten. Der Bundesrat definiere mit den Artikeln 12 und 13 im neuen Gesetz die Windkraft als nationales Interesse. «In der Realität heisst das, dass die Anwohner kaum mehr Einsprache erheben können, wenn sie sich gegen ein geplantes Projekt wehren wollen», sagt Meier.

Der Wind bläst kalt auf dem Mont Croisin. Meier zieht den Reissverschluss seiner Regenjacke bis zum Kinn. Er geht noch ein Stückchen weiter in Richtung der rotierenden Räder. Je näher diese rücken, umso imposanter wird ihre Wirkung. Ein leises Wummern der drehenden Rotoren wird hörbar. Meier sagt: «Es ist nicht nur der Lärm, der schädlich ist. Es ist auch die Vibration.» Studien hätten bewiesen, dass Schlafprobleme auftreten würden. Und ein anderes grosses Problem seien die Vögel. «Jedes Jahr sterben in Deutschland 12 000 Mäusebussarde, weil sie von Windrädern erschlagen werden.»

... darüber hinaus eher schwammig

Meier wirkt wie ein Routinier, der eloquent durch sein Thema führt. Er kennt die Zahlen, und er kennt die Argumente und weiss sie einzusetzen wie ein Profi. Nicht bei allen hat er sich damit beliebt gemacht. «Auf Facebook wurde ich auch schon übelst beleidigt», sagt Meier. Auch an seinem Wohnort ist sein Engagement so manch einem ein Dorn im Auge. Die örtliche SVP sieht den Windpark auf dem Grenchenberg, den Meier verhindern will, als eine Chance. Angefeindet wird er auch, weil er auf nationaler Ebene mit ebendieser Partei zusammenspannt. Die SVP bekämpft als einzige Partei das neue Energiegesetz.

Ist das eine unheilige Allianz? «Mir geht es nicht um Parteipolitik», sagt Meier. «Mir geht es um die Sache.» Er sei unabhängig, von niemandem bezahlt und aus eigenem Antrieb heraus engagiert. In eine Partei eintreten würde er nicht wollen.

Für seine Gegner ist Meier nicht einfach zu fassen. Denn er sagt auch Sätze wie: «Ich bin nicht gegen eine Energiestrategie, ich bin nur gegen dieses Energiegesetz.» Bei Themen abseits der Windkraft bleibt er stets ein wenig schwammig. Die Atomausstiegsinitiative der Grünen etwa habe er unterstützt. Zum geplanten Atomausstieg, der mit der kommenden Abstimmung gesetzlich geregelt werden soll, sagt er hingegen, dies sei der falsche Weg: «Ich finde ein Verbot von jeder Nukleartechnologie falsch.»

Seine Gegner schütteln über Meier den Kopf. Die kommende Abstimmung ist für sie ein wichtiger Meilenstein für die Zukunft der Energiepolitik: der Ausstieg aus der Atomenergie, die Investition in erneuerbare Energien, die Senkung der CO2-Emissionen. Eine «ganzheitliche Betrachtung» sei wichtig, und es sei falsch, sich in dieser Debatte alleine auf Windkraftanlagen zu versteifen. Zwar gibt es durchaus auch andere Stimmen aus Umweltverbänden, die das neue Energiegesetz aus ökologischer Sicht kritisieren. Alles in allem seien aber die Vorteile grösser als die Nachteile, sagen sie.

Meier aber will das nicht gelten lassen. Er sagt: «Ich bin jung und möchte Probleme ganzheitlich lösen.»

*In der ursprünglichen Fassung dieser Geschichte hiess es «Querulanten». Wir haben den Begriff auf Wunsch des Porträtierten geändert.

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