Einbürgerung

«Einbürgerungskriterien sind ein Spiegelbild unserer Gesellschaft»

Grafik: «die Nordwestschweiz»/ Barbara Adank

Einbürgerungen in der Schweiz von 1970 bis 2011

Grafik: «die Nordwestschweiz»/ Barbara Adank

Geschichtsprofessorin Brigitte Studer spricht über den Wandel von Einbürgerungskriterien. Dass diese ein Spiegelbild der Schweizer Gesellschaft sind, zeigt sie an Beispielen aus der nationalen Geschichte.

Frau Studer, mit Ihrem Buch «Das Schweizer Bürgerrecht» haben Sie die Geschichte der Einbürgerung abgehandelt. Was war der spannendste Punkt?

Brigitte Studer: Erstaunlich war, wie stark die Einbürgerungskriterien ein Spiegelbild der Befindlichkeit der Gesellschaft, der jeweiligen gesellschaftlichen Erwartungen und Normen sind. Was von Einbürgerungswilligen verlangt wurde, war jeweils das, was gerade an Ängsten, Befürchtungen und Erwartungen vorgeherrscht hat.

Gab es immer wieder offene und restriktive Phasen?

Eine Pendelbewegung ist nicht auszumachen. Das 19. Jahrhundert war insofern eine liberale Zeit, als die Kriterien der Einbürgerung auf nationaler Ebene praktisch inexistent waren. Die Kompetenz lag bis 1874, als die neue Bundesverfassung in Kraft trat, bei den Gemeinden und Kantonen.

Wann kamen die ersten Ängste bezüglich der Überfremdung auf?

Mit der Intervention des Politikers und Publizisten Theodor Curti, 1898, wurden erstmals solche Sorgen formuliert. Um 1900 kam der Begriff «Überfremdung» auf. In ganz Europa wurden damals nationale Diskurse geführt. Der Erste Weltkrieg galt dann als Einschnitt.

Wie meinen Sie das?

Der Krieg hatte Auswirkungen auf die Ausländerpolitik – dazu gehört ja auch die Einbürgerung. Damals hat sich die Idee etabliert, dass die Einwanderung eine Kontrolle braucht – auch durch den Bund. 1917 wurde die Eidgenössische Fremdenpolizei geschaffen. Die Schweiz galt plötzlich als Land mit einer begrenzten Aufnahmekapazität. Der Ruf nach Beschränkung wurde laut. Man wollte zudem eine gewisse Konformität, also verbindliche Kriterien für die Einbürgerung, schaffen.

Wie sah diese Konformität aus?

Mit dem Bundesgesetz von 1903 wurde die moralische Eignung zum Kriterium. Einbürgerungswillige mussten einen guten Leumund haben. Zentral war zudem immer die finanzielle Unabhängigkeit. Auch die Erwartung der Assimilation kam auf. In dieser Zeit verstand jede Gemeinde etwas anderes darunter und wendete dementsprechende Kriterien an. Beispielsweise musste in der Zeit um den Ersten Weltkrieg herum in einzelnen Kantonen ein Bewerber auch gesund sein. Dies ging bis hin zu eugenischen Sichtweisen. In der Zwischenkriegszeit schloss man Bewerber aus, die an erblichen Krankheiten litten.

Heute wird der Begriff Assimilation anders verstanden.

Damals war Assimilation das offizielle Wort. In den 1990er-Jahren wurde der Begriff Assimilation durch denjenigen der Integration ersetzt. Integration ist objektivierbarer. Man misst sie anhand der Erwerbstätigkeit, der Einbindung im sozialen Umfeld und auch an der Sprache.

Was geschah während des Zweiten Weltkriegs?

Beim Bund wurde eine Quote für jüdische Einbürgerungswillige eingeführt. Nicht mehr als zwölf Personen durften pro Jahr eingebürgert werden. Ausbürgerungen wurden neu auch vorgenommen. Dies betraf nicht nur Doppelbürger, so wurden denn auch Staatenlose geschaffen.

Zwischen 1950 und 1962 hat sich die Bevölkerung verdoppelt. Damals wurde darüber gesprochen, mehr Menschen einzubürgern, um den Ausländeranteil zu verringern. Ein Zeichen der Öffnung?

Die Bundesverwaltung ist auf die Diskrepanz aufmerksam geworden, dass ein grosser Teil der Bevölkerung rechtlos, also politisch nicht integriert, war. Die Argumentation der Fremdenpolizei, die den Vorschlag auf den Tisch brachte, stützte sich auf die gute Assimiliertheit der Ausländer, die schon in der Schweiz geboren waren. Damals diskutierte man über die erleichterte Einbürgerung der zweiten Generation. Sie ist aber nicht realisiert worden.

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