Der Bombenschutzanzug wiegt ganze 35 Kilogramm. Selbst schafft man es nicht, ihn anzuziehen. Steckt man darin, so sind Bewegungsfreiheit und Sichtfeld arg eingeschränkt. Ein steifer Kragen umgarnt den Hals. Er hält den mehrere Kilo schweren Helm an Ort und Stelle. Weil dieser mitsamt Kopf weggerissen werden könnte. Im Ernstfall, bei einer Explosion. Und bei der gewaltigen Druckwelle, die dem Entschärfer entgegenschlägt.

Markus Schwab hat den Bombenschutzanzug aus einem der Spezialfahrzeuge gehievt, die in der Einstellhalle seines Dezernats stehen. Schwab ist Mittfünfziger und leitet die Sonderabteilung der Kriminalpolizei, die Brandursachen ermittelt und gefährliche Gegenstände unschädlich macht. Wie beim Grosseinsatz vor drei Wochen um den Berner Bahnhof: Ein Kunststudent hatte ein Kunstwerk aus Drähten und Lehm deponiert. Passanten kam das Objekt verdächtig vor. Und der von der Berner Polizei ausgelöste Grosseinsatz hielt Bern mehrere Stunden lang in Atem, bis die Bombenentschärfer von Schwabs Dezernat den vermeintlich gefährlichen Gegenstand unschädlich machen konnten.

Der Einsatz stiess auf Kritik, der öffentliche Verkehr war teilweise lahmgelegt, Geschäfte mussten schliessen und Anwohner konnten nicht nach Hause. Schwab sagt: «‹Es isch äuä nüt›, gibt es bei uns nicht. Das wäre ignorant. Wir suchen die vollständige Lösung. Und bis wir sie haben, kann es dauern.»

Die Worst-Case-Polizisten

Für das Gespräch sitzen wir in einem farblosen Bürokomplex am Stadtrand von Bern, dem Stützpunkt von Schwabs 15 Mann starkem Trupp. Schwab verteidigt den Einsatz am Berner Bahnhof: «Als wir hinkamen, war kein Kunstwerk zu erkennen. Da waren nur Knetmasse und Draht. Plastischen Sprengstoff kann man so formen.» Die Entschärfer hatten gleich mehrfach Glück: Der Gegenstand entpuppte sich nachträglich als harmlos und die Polizisten konnten einen Roboter einsetzen. So mussten sie sich nicht selbst der potenziellen Gefahr aussetzen. Aus sicherer Entfernung kann ein Roboter in die Gefahrenzone gesteuert, das Objekt gefilmt, geröntgt und im besten Fall unschädlich gemacht werden.

Andere Orte, engere Platzverhältnisse: Wo der Roboter nicht einsetzbar ist, zwängen sich die Entschärfer in den unbequemen Schutzanzug. Schwab macht sich nichts vor: «Der Schutzanzug schützt dich vor Splittern, nicht aber vor der Druckwelle. Diese wirkt auf deinen Körper, wenn du zu nah stehst. Schutzanzug hin oder her.» Verletzungen der inneren Organe sind die wahrscheinliche Folge. «Wenn du vor einer Bombe stehst und sie explodiert, dann ist der Fall klar», sagt Schwab trocken.

Wie fühlen sich die Bombenentschärfer, wenn sie sich einem verdächtigen Gegenstand nähern? «Man schwitzt zwar im schweren Schutzanzug, aber man ist voll konzentriert», sagt Schwab. Und Todesangst hatte er noch nie? «Nein. Wenn, dann wird man im Nachhinein zittrig. Zum Beispiel wenn man sich bewusst wird, welch gefährlichen Gegenstand man vor sich hatte.»

Entschärfer nur nebenher

Pro Jahr rücken die Berner Bombenentschärfer 15-mal wegen gefährlicher Gegenstände aus. Hauptsächlich ermitteln die Spezialisten Brandursachen. Um die 700 sind es pro Jahr, das macht zwei Brände im Kanton Bern pro Tag.

Entschärfung ist nur ein Nebengleis. Schwab erinnert sich besonders gut an zwei Einsätze. Beim einen, im Emmental, stiessen er und seine Kollegen im Keller eines Mehrfamilienhauses auf eingetrocknete Pikrinsäure. Kommt diese mit Metall in Kontakt, entsteht daraus hochexplosives Pikrat. «Wir brachten den undichten Behälter ausser Haus und beim kontrollierten Unschädlichmachen kam es zu einer grossen Explosion», erzählt Schwab.

Beim zweiten Vorfall hatte es Schwab zum ersten und bisher einzigen Mal mit einer Bombe zu tun. Hintergrund war aber kein terroristischer, sondern ein Beziehungsdelikt: Der Täter hatte einen Karton mit einer selbst gebastelten Bombe vor einem Haus abgestellt. Schwabs Team konnte sie entschärfen.

Was aber heisst entschärfen genau? Schneidet man den blauen oder den roten Draht entzwei? Schwab lächelt. «Film und Realität darf man nicht verwechseln.» Eine Bombe würde auch nie gesprengt. «Würden wir Sprengstoff benutzen, dann hätten die Medien längst über Kollateralschäden schreiben müssen.» Aus «polizeitaktischen Gründen» darf Schwab nicht weiter in die Details gehen. «Unsere Gegenspieler könnten sich sonst auf unsere Möglichkeiten einstellen.»