Zürcher Kinderspital

Entlassener Kispi-Herzchirurg ist seit 73 Tagen im Hungerstreik: Mediation scheitert

A. S. vor einem Monat, als sein Hungerstreik schon 43 Tage dauerte.

A. S. vor einem Monat, als sein Hungerstreik schon 43 Tage dauerte.

Ein Arzt protestiert mit einem Hungerstreik gegen seine Entlassung durch das Zürcher Kinderspital. Er hat nach eigenen Angaben seit 73 Tagen nichts mehr gegessen. Nun ist ein Mediationsversuch zwischen ihm und dem Kinderspital gescheitert.

Bis vor einigen Monaten hat A. S* im Zürcher Kinderspital die Herzen von kleinen Patienten operiert, jetzt ist er im Hungerstreik. Seit 73 Tagen hat er laut eigenen Angaben nichts mehr gegessen. Damit protestiert der 42-Jährige gegen seine Kündigung durch das Kinderspital: «Meine Vernichtung», wie er es nennt. Es geht vor allem um die Kündigungsbegründung. Das Spital wirft ihm darin «ungenügendes Leistungsverhalten» und «mangelnden Respekt» vor.

A. S. dagegen ist überzeugt, dass er wegen eines persönlichen Konflikts mit dem Interimschef der Kinderherzchirurgie entlassen wurde. Er fühlte sich gemobbt. Als A. S. Anfang April in den Hungerstreik trat, zeigte er den Interims-Chefarzt wegen Körperverletzung an, weil er ihn wiederholt bei Operationen absichtlich geschnitten und gestochen habe.

In den letzten zwei Monaten fand nur ein Gespräch zwischen A. S. und der Leitung des Kinderspitals statt sowie eines zwischen den Anwälten. Sie führten zu nichts. Das Kispi versuchte letzte Woche, eine Mediation zu initiieren. Sie scheitert nun aber, bevor sie begonnen hat. A. S. stellte die Bedingung, dass Michael Hübler, der frühere Chef der Herzchirurgie, bei der Mediation dabei ist. Hübler, ein international renommierter Kinderherzchirurg, war im November 2018 von einem Tag auf den anderen freigestellt und der Interims-Chefarzt eingesetzt worden.

Das Kinderspital ist mit der Bedingung nicht einverstanden: «Wir haben vorgeschlagen, dass die Mediation frei von Voraussetzungen und Bedingungen starten soll», sagt Generalsekretär Urs Rüegg. Für A. S. ist Hüblers Anwesenheit aber nicht verhandelbar: «Hübler war während der ganzen Zeit mein Chef. Er weiss, ob die Vorwürfe zutreffen oder nicht. Wenn er sagt, ich sei ein schlechter Mitarbeiter gewesen, beende ich sofort meinen Hungerstreik, entschuldige mich und verlasse die Schweiz.»

«Das Kispi schindet Zeit»

A. S. verlangt seit Wochen, dass Hübler einbezogen wird. Nun sagt Kispi-Generalsekretär Rüegg: «Ein allfälliger Beizug von Michael Hübler im Verlauf der Mediation ist aus unserer Sicht nicht ausgeschlossen.» A. S. nimmt an der Mediation aber nicht teil, wenn nicht von Anfang an klar ist, dass Hübler dabei ist: «Das Kispi will nur Zeit schinden. Seit dem Mediationsangebot sind bereits neun Tage vergangen. Ich habe diese Zeit nicht, weil ich irgendwann sterben werde.» Hübler war gestern nicht erreichbar.

Die Geschichte der Kündigung von A. S. durch das Kinderspital ist eine Geschichte von Widersprüchen. In seiner Personalakte, die dieser Zeitung vorliegt, findet sich kein einziger Eintrag, der auf ungenügende Leistung oder fehlenden Respekt hinweist. Laut Aussage von A. S. wurde er auch nie mündlich wegen irgendwelchen Fehlverhaltens verwarnt. Im Gegenteil: Er erhielt drei Monate nach seiner Einstellung eine Lohnerhöhung. «Auch in Zusammenhang mit Ihrer Arbeitsleistung», wie die Personalabteilung in einem Brief festhielt. Später wurde sein befristeter Vertrag in einen unbefristeten umgewandelt. Das war kurz bevor A. S. wegen eines Bandscheibenvorfalls selbst zum Patienten wurde, sechs Operationen benötigte und zehn Monate lang nicht arbeiten konnte. An dem Tag seiner Rückkehr erhielt er die Kündigung.

Daran, dass er vom Interims-Chefarzt während Operationen absichtlich verletzt worden sei, hält A. S. fest. Ein Ex-Kollege stützt die Aussagen. Der Kardiotechniker F. L.* stand mit den beiden Dutzende Male im OP-Saal. Heute arbeitet er nicht mehr im Kispi. F. L. bestätigt, dass der Interimsleiter A. S. «sehr oft» gestochen habe. Es seien jeweils Blutproben genommen worden, um Infektionen auszuschliessen. «Ich kann mich an eine Woche erinnern, in der ich jeden Tag Blutproben von A. S. zur Betriebsärztin bringen musste, weil er vom Interimsleiter gestochen worden war», sagt der Kardiotechniker. «Ob Absicht dahinter war, kann ich nicht beurteilen.» Klar ist für ihn aber: Die beiden konnten nicht miteinander.

Die Stichverletzungen fehlen in der Akte

In der Akte von A. S. finden sich jedoch nur zwei Unfallmeldungen zu (Fremd-)Stichverletzungen. Das Kinderspital will zu all diesen Widersprüchen nichts sagen. In der Vergangenheit hat das Spital vehement bestritten, dass die Stich-Vorwürfe zutreffen. Für den Interims-Chefarzt gilt die Unschuldsvermutung.

Klar ist: A. S. eckte an. F. L. sagt: «Er ist sehr direkt und spricht aus, was er denkt. Damit stiess er im Kinderspital ziemlich oft jemanden vor den Kopf. Er hatte aber meistens recht.» Er habe A. S. immer als kollegial empfunden: «Ich habe keine Ahnung, wie das Kinderspital auf die Vorwürfe gegen ihn kommt.»

A. S. strebt nun eine Klage vor Arbeitsgericht wegen missbräuchlicher Kündigung an. Er sagt: «Ich werde den Hungerstreik aber nicht abbrechen, bis mein Ruf rehabilitiert ist oder ich tot bin.»

*Namen der Redaktion bekannt

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Autor

Leo Eiholzer

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