Interview

Epidemiologe Marcel Salathé: «In zwei Wochen können wir mit der App fertig sein»

Marcel Salathé, Epidemiologe.

Marcel Salathé, Epidemiologe.

Der ETH-Forscher ist wegen Datenschutzbedenken aus dem grössten europäischen Corona-App-Projekt ausgestiegen. Nun verfolgt er mit Hochdruck einen anderen Ansatz. Das sei auch nötig, denn die Schweiz befinde sich im Blindflug.

In asiatischen Ländern wie China, Südkorea aber auch Taiwan haben Apps eine wichtige Rolle gespielt, um das Virus rasch in den Griff zu bekommen. Warum fällt die Entwicklung einer solchen App in Europa so schwer?

Wir stellen andere Anforderungen an ein solche App. Deshalb braucht die Entwicklung mehr Zeit. In Europa legen wir mehr Wert auf Datenschutz und Privatsphäre. Das verkompliziert die Sache. Aber das sehe ich positiv. Wir wollen nicht von einer Gesundheitskrise in einen Überwachungsskandal schlittern.

Privatsphäre und Big-Data lassen sich also verbinden.

Contact Tracing ist «Very Small Data», vollkommen anonymisiert. Das lässt sich gut mit Privatsphäre verbinden.

Kann denn die App das wichtige Puzzleteil sein, das uns hilft, die Krise zu meistern?

Die App ermöglicht es, Übertragungsketten schneller nachzuvollziehen. Sie sagt mir, ob ich mit jemandem in Kontakt gekommen bin, der positiv auf das Virus getestet wurde. Die Technologie allein hilft aber noch nichts. Die Menschen müssen bereit sein, die App zu nutzen. Nur wenn genügend Nutzer diese App herunterladen, kann sie einen Effekt haben. Zudem müssen Menschen auch ihre Verantwortung wahrnehmen und sich in Quarantäne begeben, wenn ihnen die App anzeigt, dass sie Kontakt mit Infizierten hatten.

Sie sind aus dem europäischen Projekt Pepp-PT (Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing) ausgestiegen. Warum?

Nicht nur ich. Ein grosser Teil der anfänglich beteiligten Forscher ist ausgestiegen. Kollegen aus Deutschland, Italien und Belgien haben das Projekt ebenfalls verlassen, als klar wurde, dass hier auf einen zentralen Ansatz gesetzt wird, dass also die Daten nicht auf den einzelnen Endgeräten, sondern auf einem Server gespeichert werden. Das öffnet Tür und Tor für den Missbrauch.

Warum denn, die Daten werden dabei doch anonymisiert?

Das stimmt. Aber das ist trügerisch, solche Daten können unter Umständen auch wieder deanonymisiert werden – je mehr Daten auf dem Server gespeichert werden, desto eher ist das möglich.

Sie verfolgen nun unter dem Namen DP-3T ein anderes Projekt weiter, bei dem die Daten dezentral gespeichert werden. Warum ist dieses besser?

Natürlich kann man sagen, wir vertrauen auf den Staat. Aber viel besser ist es doch, wenn man niemandem vertrauen muss. Die dezentrale Technologie ermöglicht genau das. Der Nutzer behält die Kontrolle. Niemand anders verfügt über die Daten. Wir dürfen nicht die Gesundheit gegen die Privatsphäre aufwiegen. Zudem geben derzeit Google und Apple solche Contact-Tracing-Daten nicht für einen zentralen Rechner frei. Wenn man den zentralen Ansatz also weiterverfolgen würde, müsste man die Tech-Giganten davon überzeugen. Das scheint uns ziemlich absurd.

Das heisst also, die grosse europäische Forschergruppe hat wertvolle Zeit vergeudet, weil sie auf den falschen Ansatz gesetzt hat?

Das würde ich nicht sagen. Solche Diskussionen sind sehr wichtig. Wir alle hatten die Grundidee, eine App zu entwickeln, welche international funktioniert und welche die Privatsphäre schützt. Wenn man sich dann in die Details hineinbegibt, kommen die Knackpunkte. Diese sieht man aber nicht sofort.

Wann werden wir eine App haben?

Technisch können wir in zwei Wochen fertig sein. Aber damit ist die Arbeit noch nicht getan. Die App sagt bloss, wer mit wem in Kontakt gekommen ist. Es ist ein Kommunikationssystem. Wie gesagt: Die Menschen, müssen bereit sein sie zu nutzen. Und es gibt auch viele Fragen, die noch diskutiert werden müssen. Zum Beispiel diese: Wenn aufgrund der App herauskommt, dass jemand in Quarantäne muss, zahlt dann die Versicherung den Arbeitsausfall?

Solche Dinge sollten doch während einer solchen Krise rasch geregelt werden können.

Klar, wir arbeiten alle mit Hochdruck, weil wir wissen, dass Zeit ein sehr wichtiger Faktor ist. Ich warne bloss vor der Vorstellung, dass die App alles regeln kann.

Sie haben vor einem Monat auf Twitter geschrieben «mein Vertrauen in die Politik ist erschüttert». Haben Sie es in der Zwischenzeit wiedergefunden?

Es geht wieder in die richtige Richtung. Vielleicht war ich anfänglich auch etwas naiv. Ich dachte, die Schweiz sei gut genug aufgestellt für eine Pandemie. Dass sich dann herausgestellt hat, dass das nicht der Fall war, enttäuschte mich. Die Zusammenarbeit zwischen der Wissenschaft und dem Gesundheitssystem funktionierte zuerst auch nicht optimal. Sie muss von Grund auf neu gedacht werden. Hier haben wir anfänglich wertvolle Zeit verloren.

Nächste Woche kommt es zu den ersten Lockerungen, so öffnen beispielsweise Coiffeur-Salons wieder. Anfang Mai gehen die Schulen wieder auf. Ist das richtig?

Aus wissenschaftlicher Sicht kann man das nicht beurteilen. Dazu fehlen die nötigen Daten. Es wird noch immer zu wenig getestet, die Daten liegen zu wenig schnell in digitaler Form vor. Das muss sich unbedingt ändern. Derzeit ist es etwa so, wie wenn ein Finanzanalyst die Gesundheit einer Firma prüfen soll, aber keine Zahlen dazu hat, wie hoch die Ausgaben und wie hoch die Einnahmen sind.

Wir befinden uns also in einem Blindflug.

So ist es. Und das muss sich ändern. Wir haben nun mehr Testkapazität. Nun geht es darum, dass wir diese richtig einsetzen. Nur so kann man solche Lockerungen wissenschaftlich beurteilen und begleiten.

Wie sieht es mit den Angehörigen einer Risikogruppe aus? Sollen sich diese zurückziehen, bis es einen Impfstoff gibt? Ist das überhaupt praktikabel?

Grundsätzlich gilt: Das Risiko sinkt, je weniger Menschen infiziert sind. Wenn wir es schaffen mit Massnahmen wie App, Masken und Einhaltung von Hygienevorschriften die Rate tief zu halten, verhindert man die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung.

Ganz Ausrotten kann man das Virus aber nicht, solange man keinen Impfstoff hat.

Das ist so. Man braucht einen Impfstoff oder zumindest Medikamente wie Antivirale-Stoffe, welche verhindern, dass ein Krankheitsverlauf schlimme Folgen hat, ehe man bedenkenlos in den Normalzustand übergehen kann.

Davor gibt es keine Möglichkeit, dass etwa Grosseltern ihre Enkel wieder sorglos umarmen können?

Das ist letztlich eine persönliche Entscheidung. Je mehr man über das Virus weiss, desto besser kann man das Risiko abschätzen. Gerade was die Übertragung bei Kindern angeht, gibt es noch grosse Wissenslücken. In den nächsten Wochen und Monaten werden wir darüber mehr Klarheit erhalten.

Ist es mit dieser Wissenslücke nicht riskant, die Schulen wieder zu öffnen?

Die Frage ist tatsächlich schwierig. Wir wissen nicht, ob Kinder das Virus übertragen können. Soll man nun aufgrund dieser Datenlage die Schulen wieder öffnen? Ich persönlich verstehe, dass man sagt: Gut, wir versuchen es. Ebenso finde ich aber nachvollziehbar, wenn jemand das als ein zu grosses Risiko einstuft. Auch hier: Ohne Daten sind wissenschaftliche Entscheidungen unmöglich.

Grundsätzlich hat es in warmen Gebieten wie Südamerika oder Indien signifikant weniger Ansteckungen gegeben als in Europa. Helfen die wärmeren Temperaturen im Frühling und Sommer, das Virus zu stoppen?

Ein Gegenbeispiel: In Singapur schiesst die Kurve gerade wieder hoch. Man kann nicht von einem grossen saisonalen Effekt ausgehen. Die tiefen Zahlen vieler südlicher Länder sind wohl viel mehr fehlender Messkapazitäten geschuldet.

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