Man trifft ihn in der totalen Idylle, im sankt-gallischen Amden auf 903 Meter über Meer. Hier ist er zu Hause, der König der Likes. Auf Facebook folgen ihm 130 000 Menschen, auf dem Fotoportal Instagram sogar 278 000.

Als der Bus in die Haltebucht der Station Brugg einfährt, drücken drei Primarschüler ihre Nasen an die Scheibe: «Schaut, schaut, dort steht Samedin», rufen sie.

Samedin Selimovic will ein Vorbild für die Jugend sein, und er hat genügend Selbstvertrauen, um zu sagen: «Das bin ich längst. Schliesslich habe ich mehr Follower als Xherdan Shaqiri.»

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Ein Bett, ein grosser Spiegel, ein Fernseher mit Game-Konsole, die goldig-blaue Flagge Bosniens mit ihren fünfzackigen Sternen – Selimovics Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Der wichtigste Gegenstand steht dem Bett gegenüber: der Computer. Er ist sein Schlüssel zum Erfolg, vor ihm zermartert er sich manchmal stundenlang den Kopf. Bis er sich wieder einen Spruch ausgedacht hat oder im Internet oder in den Liedern deutscher Rapper auf einen gestossen ist, der Tausende zu begeistern vermag.

Selimovic schreibt: «Wenn du nachdenken musst, ob du liebst, dann liebst du nicht.» Oder: «Wenn er dumm genug ist zu gehen, sei schlau genug, ihn gehen zu lassen.»

Denn er weiss: «Wir wollen doch bloss wieder Kinder sein, weil aufgeschlagene Knie viel schneller heilen als gebrochene Herzen.»

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Vom Ruhm getrieben

Posts, die auf Instagram weniger als 20  000-mal und auf Facebook weniger als 1000-mal geliked werden, löscht Selimovic wieder. Sähe man diese auf seinem Profil, wenn man es zum ersten Mal besucht, wäre dies rufschädigend.

Den Ansprüchen seiner Fans zu genügen, sei harte Arbeit. «Ich denke rund um die Uhr an meinen Auftritt, schlafe nur fünf, sechs Stunden pro Nacht», sagt Selimovic.

Seine Ausbildung zum Detailhandelsverkäufer komme manchmal fast zu kurz. Täglich schaltet er zwischen drei und zehn Beiträge auf.

«Ich könnte es mir nicht leisten, mehrere Tage nichts zu posten», sagt er. «Weil ich mir bewusst bin, dass mein Ruhm schon morgen vorbei sein könnte, muss ich konstant Höchstleistung erbringen.»

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Selimovic wurde im September 1994 in Srebrenica geboren, wenige Monate vor dem Massaker, bei dem rund 8000 Bosniaken getötet wurden. 1999 wanderte die Familie in die Schweiz aus und kam in Arth-Goldau unter, wo ein Jahr später Samedins jüngerer Bruder geboren wurde.

2006 wurde die Familie abgeschoben, weil «keine Kriegsgefahr mehr» bestand, wie es hiess. Zwei Jahre später verstarb der Vater an einem Herzinfarkt, Samedin musste, 13-jährig, für seinen Bruder eine Vaterrolle übernehmen.

Alleinerziehend sah die Mutter in Bosnien bald keine Zukunft mehr, mit ihren beiden Söhnen reiste sie 2008 erneut in die Schweiz.

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Trauerarbeit auf der Timeline

Hautnah mitzuerleben, wie die Eltern litten, habe ihn seelisch runtergezogen, sagt der 20-Jährige. «Das Leben hat mir einen Rucksack voll mit Steinen mitgegeben.»

Als er vor zwei Jahren feststellte, dass er mit dem Verlust des Vaters nicht klarkommt, suchte er professionelle Hilfe. Die Psychiaterin riet ihm, die Trauer schreibend zu verarbeiten.

Selimovic tat dies, auf der Suche nach Bestätigung, auf seinem Facebook-Profil. Als ihm Kollegen sagten, er spamme ihre Timeline voll und störe sie mit seinen vor Moral triefenden Sprüchen, erstellte Selimovic eine Facebook-Fansite. Er war nun öffentlich. Und auf einmal gewann er immer mehr Anhänger.

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«Wenn Männer offener wären und ihre Emotionen nicht in sich hinein fressen würden, gäbe es weniger Probleme auf der Welt», ist er überzeugt.

Vielleicht erreicht er mit seinen Weisheiten, die die Grenze zum Kitsch fast immer überschreiten, deshalb vor allem Frauen: 86 Prozent seiner Facebook-Fans sind weiblich, die Hälfte ist zwischen 18 und 24 Jahre alt.

Auf Instagram schreibt er: «In einer Frau lebt ein Miststück, eine Zicke oder eine wunderschöne Prinzessin. Es kommt darauf an, wie du sie behandelst.»

Es ist ein Gefühl der Geborgenheit, die Selimovic vermittelt, eine Sehnsucht nach einer Welt voller Liebe und ohne Probleme. Damit hilft er vor allem auch sich selbst. «Ich weiss nun, dass ich nicht alleine bin», sagt er.

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