Eritreer in der Schweiz

Er ist stolz auf das Land, in dem er nicht mehr willkommen ist

Er ist stolz auf das Land, in dem er nicht mehr willkommen ist:Tesfom Tekeste am Bahnhof Winterthur.

Er ist stolz auf das Land, in dem er nicht mehr willkommen ist:Tesfom Tekeste am Bahnhof Winterthur.

Tesfom Tekeste stammt aus Eritrea und flüchtete 2002 in die Schweiz. Hier wollte er leben und brachte sich selber Deutsch bei. Heute soll er seinen Landsleuten bei der Integration in der Schweiz helfen.

Als er sich am Zürcher Hauptbahnhof umsah, packte ihn das Unbehagen. Kein einziger Landsmann in Sicht.

Tesfom Tekeste fühlte sich endlos allein. Das war im Sommer 2002. Kurz vorher war er aus einem Nachtzug ausgestiegen.

Dabei hatte der heute 31-jährige Eritreer bis dahin nicht einmal gewusst, wo die Schweiz liegt.

Da stand er nun, hatte weder Gepäck noch Geld, dafür einen knurrenden Magen. Er bat einen Ghanaer um Hilfe.

Dieser spendierte ihm einen Kebab und half ihm, einen Landsmann zu finden.

Aufgegriffen und abgeschoben?

Sechs Stunden nach seiner Ankunft sass Tekeste im Zug nach Kreuzlingen, wo er sich im Asylempfangszentrum melden sollte.

Die Spirale begann, sich zu drehen: Asylantrag, banges Warten, Nichteintretensentscheid, Verzweiflung, Untertauchen, Aufgegriffen- und Abgeschoben-Werden, erneutes Einreisen, erneut der Antrag.

Das während mehr als vier Jahren, bis Tekeste 2007 den ersehnten Status erhielt: die Aufenthaltsbewilligung. Erst der Entscheid der Asylrekurskommission von Ende 2005 hatte es ermöglicht: Militärdienstverweigerung in Eritrea wurde fortan als Asylgrund anerkannt.

Heute lebt Tekeste mit seiner Frau und zwei Töchtern in Winterthur. Wir treffen ihn im Bahnhofbuffet und bestellen Kaffee. Vor wenigen Jahren noch hatte er hier Surprise-Hefte verkauft.

Deutsch brachte er sich selber bei

Deutsch brachte er sich selber bei und fand schliesslich einen Job beim Technikum. Dort arbeitet er in der Kantinenküche und erledigt Hauswartsarbeiten. Er hat nun eine Niederlassungsbewilligung.

In der eritreisch-orthodoxen Kirche Schlieren amtet er als Vize-Präsident. Tekeste ist gut integriert und damit eine Ausnahme unter seinen Landsleuten.

Denn neun von zehn Eritreern hierzulande leben von Sozialhilfe. Im Kanton Zürich sollen Tekeste und zwölf weitere Personen dafür sorgen, dass sich ihre Landsleute besser integrieren (siehe Box).

Über Politik mag Tekeste nicht sprechen. Das, obwohl die Schweiz im Juni über die Asylgesetzrevision abstimmt. Einer Lex Eritreer, weil diese eine der grössten Flüchtlingsgruppen in der Schweiz ausmachen, bei der zwei von drei Asylsuchende auch tatsächlich Asyl bekommen.

Allein weil sie ihr Land illegal verlassen haben und drakonische Strafen drohen, darf die Schweiz sie nicht zurückführen.

Und trotzdem: Tekeste ist stolz, wenn sich der Unabhängigkeitstag heute Freitag zum 20. Mal jährt. «Irgendwann gehe ich zurück und helfe, mein Land aufzubauen», sagt er optimistisch.

Wie die meisten seiner Landsleute musste auch Tekeste ins Militär einrücken. 1998 wurde er eingezogen. An der Front musste er auf Äthiopier schiessen. Er tötete Menschen. Kameraden starben an seiner Seite.

«Es ging ums Überleben. Ich fühlte wenig, wenn ich auf meine Gegner schoss.» Bizarr: Auf seiner Flucht wurde ein Äthiopier Tekestes bester Freund. «Wir tranken zusammen, schliefen am selben Ort», sagt er.

Und das, obwohl die beiden feststellten, dass sie gleichenorts und gleichentags gekämpft hatten. Gut möglich, dass Tekeste auf seinen späteren äthiopischen Freund geschossen hatte und umgekehrt.

Die eritreer hatten nach der Unabhängigkeit vor 20 Jahren an der Freiheit geschnuppert. Doch der Freiheitskämpfer und ehemalige Rebellenführer Isaias Afewerki machte seine Bürger zu dauermobilisierten Sklaven der erkämpften Unabhängigkeit.

Die Flucht nach Sudan

Der Aristokrat hält sich bis heute an der Macht und regiert mit eiserner Hand. Ohne Aussicht auf Besserung, ohne Perspektive, diesem Zustand zu entfliehen, entschied sich Tekeste für die Flucht.

Das war im März 2002 und es war der Beginn einer Odyssee durch Afrika, an deren Ende die gefährliche Überfahrt nach Italien und schliesslich die Zugfahrt in die Schweiz stand.

Im März 2002 flüchtete Tekeste ins Nachbarland Sudan, wo er Schleppern teures Geld bezahlen musste für die Weiterreise. Insgesamt 1700 Dollar sollte sie kosten. «Ein Klacks, vergleicht man die Summe mit dem, was die Flüchtlinge heutzutage bezahlen müssen», so Tekeste.

Das Geld hatte er vorher bei Verwandten im Ausland aufgetrieben. Zusammen mit 20 anderen Eritreern bestieg er den Toyota Pick-up jener bewaffneter Schlepper, die sie durch die Sahara nach Libyen bringen sollten.

«Es war der reine Horror»

«Tagelang kein Leben, nicht einmal eine Fliege, sondern nur Sand und ein paar Steine – es war der reine Horror», erinnert sich Tekeste. Die Fahrt dauerte zehn Tage bei 40 Grad Hitze und Frostnächten.

Tekeste zeigt auf die Espresso-Tasse – «das war die tägliche Wasserration.» Mehrmals blieb der Pick-up im Sand stecken. Die Flüchtlinge hoben ihn eigenhändig weg. Tekeste berichtet über Schläge und Vergewaltigungen der Frauen. Drei Männer und eine Frau überlebten die Strapazen nicht.

Der gefährlichste Teil ihrer Odyssee stand ihnen aber noch bevor: das Mittelmeer. Im Mai erreichte Tekeste die libysche Hauptstadt Tripolis. Eine ägyptische Schlepperbande sollte die Flüchtlinge nach Italien bringen.

Nach anderthalb Tagen stieg vor Sizilien der Schiffsmotor aus, weil die Schlepper vergessen hatten, Motorenöl nachzugiessen. Zum Glück war das Meer ruhig, schliesslich wurden die Menschen von der italienischen Marine gerettet.

Die Flüchtlinge durften an Land. Tekeste drückte die Behörde 100 Euro in die Hand und liess ihn gehen.

Er schaffte es bis im Juni nach Mailand, wo er sich an einem Sommerabend in einen Schlafwagen verkroch, der ihn unbemerkt nach Zürich brachte.

Dorthin, wo es ihm anfangs gar nicht behagte. Dorthin, wo Tesfom Tekeste Neuankömmlingen heute weiterhilft, offiziell mandatiert durch den Kanton.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1