Austauschstudenten

Erasmus muss warten: Studenten gehen wegen Corona nicht ins Ausland

Obwohl die Universitäten mehr Studierende verzeichnen, dürfte die Zahl der Studierenden wegen der Coronaeinschränkungen kleiner werden.

Obwohl die Universitäten mehr Studierende verzeichnen, dürfte die Zahl der Studierenden wegen der Coronaeinschränkungen kleiner werden.

Weil der Austausch wegen Corona komplizierter geworden ist, bricht die Zahl der Studenten ein. In der Schweiz stellen den Einbruch alle Universitäten fest.

Seit Ende August studiert Ayla Florin in Stockholm, das Semester läuft in Schweden schon. Doch den Campus der Universität hat die Studentin noch nicht betreten. Sie macht zwar ein Austauschsemester. Aber eines unter besonderen Umständen. Wenn Florin, die sonst in Zürich studiert, ein Seminar oder eine Vorlesung hat, setzt sie sich vor ihrem Computer. Und nimmt via Zoom teil.

Alljährlich reisen Tausende Schweizer Studenten ins Ausland, um dort einen Austausch zu absolvieren. Umgekehrt kommen jungen Menschen aus der ganzen Welt in die Schweiz. Doch dieses Jahr haben viele Studenten ihren Aufenthalt abgesagt oder verschoben. Die Coronakrise hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein Grossteil der Universitäten setzt zumindest teilweise auf Fernunterricht. Darunter leidet zwar nicht unbedingt das Studium. Doch im Austausch geht es auch ums Soziale. Darum, Bekanntschaften zu schliessen. Eine neue Kultur kennen zu lernen.

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Gerade das lässt Corona derzeit nur eingeschränkt zu. In Stockholm, wo Ayla Florin studiert, gibt es mittwochs zwar nach wie vor einen Pubabend für die Austauschstudenten. Aber er findet nur digital statt.

Vielerorts ein Rückgang um bis zur Hälfte

Unter diesen Umständen wollten viele Studenten nicht ins Ausland. In der Schweiz stellen das alle Universitäten fest. Die Universität St.Gallen etwa meldet, dass eigentlich 750 ihrer Studenten ein Austauschsemester geplant hatten. Antreten werden es nun nur noch 216. Damit ist die Zahl der St.Galler Studenten, die als sogenannte Outgoings an einer Partneruniversität in Europa oder Übersee studieren, regelrecht implodiert: von 769 im Herbstsemester 2019 auf noch etwas über 200 im aktuellen Jahr.

An anderen Schweizer Universitäten ist der Einbruch nicht ganz so stark. Doch spürbar ist er überall. Die ETH Zürich meldet einen Rückgang von über 50 Prozent, an der Universität in Genf sind es 58 Prozent, in Zürich 40. Die Universität Lausanne schreibt, dass einige ihrer Studenten den Austausch von zu Hause aus machen und die Kurse an der ausländischen Hochschule online besuchen. Auch in die andere Richtung stockt die Mobilität, wobei der Rückgang hier oft nicht ganz so gravierend ist. Nach St.Gallen etwa kommen statt 297 Studenten im Jahr 2019 nun noch 161. An der ETH ist die Zahl der Austauschstudenten um die Hälfte zurückgegangen. Der Austausch ausserhalb von Europa wurde dort komplett abgesagt.

Das halten zwar nicht alle Universitäten so. Aber generell gilt, dass wegen Einreisebeschränkungen und anderer Hürden vor allem eine Mobilität noch einigermassen funktioniert: jene innerhalb Europas. Das zeigt sich zum Beispiel an den Zahlen der Universität Zürich. Von dort aus gehen heuer sogar deutlich mehr Studenten nach Deutschland als noch 2019.

Gleichzeitig beginnen am Montag 75 Studenten aus dem nördlichen Nachbarland ihren Austausch. Das sind fast gleich viele wie im Vorjahr. Chinesen und Japaner kommen dafür deutlich weniger. Auch anderswo sind es primär die Studenten aus Übersee, die heuer fehlen.

Der Austausch, eine Erfahrung fürs Leben

Michael Hengartner ist der Präsident des ETH-Rats. Hengartner sagt, es schmerze ihn, dass der Studentenaustausch wegen der Coronakrise leidet. Für viele Studenten, so Hengartner, sei ein solches Semester «eine der prägnantesten Erfahrungen ihrer Bildungslaufbahn», weil die Studenten aus ihrer Komfortzone gerissen würden. Ein Austausch mache sich gut im Lebenslauf – und sei gut für die Persönlichkeitsentwicklung. «Ich hoffe, dass viele Studenten ihr Auslandsemester nachholen, wenn die Situation sich wieder beruhigt hat», so Hengartner.

Ayla Florin hat das Glück, in Schweden Bekannte und Verwandte zu haben. Sie sei deshalb nicht einsam, könne sich aber vorstellen, dass andere Austauschstudenten unter der Situation leiden. «Auch mir fehlt aber die direkte Interaktion, die Erfahrung, einen neuen Campus kennen zu lernen», sagt sie. Ganz hat Florin die Hoffnung auf ein Stück Normalität aber noch nicht aufgegeben: Nächste Woche fällt der Entscheid, ob die Universität ab November in den Normalbetrieb zurückkehrt.

Autor

Dominic Wirth

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