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Erste Studie zur Obdachlosigkeit zeigt: Hundert Menschen leben in Basel auf der Strasse

Szene in der reichen Schweiz: Hunderte von Menschen haben hierzulande kein Dach über dem Kopf. Archivbild: Nicole Nars-Zimmer

Szene in der reichen Schweiz: Hunderte von Menschen haben hierzulande kein Dach über dem Kopf. Archivbild: Nicole Nars-Zimmer

100 Menschen sind obdachlos, 200 haben keine eigene Wohnung: Diese auf Basel fokussierten Zahlen stammen aus der ersten wissenschaftlichen Studie zur Obdachlosigkeit in der Schweiz, welche die Christoph Merian Stiftung (CMS) in Auftrag gegeben hat.

Die Tür zur Wohnung zog Thomas (34) vor zwei Wochen hinter sich zu. Mit ihr schloss sich auch ein Kapitel in seinem Leben. Jenes eines Zuhauses. Seit zwei Wochen lebt Thomas nun auf der Strasse. Er ist obdachlos. In Basel – und in einem der reichsten Länder der Welt.

Wie viele Menschen hierzulande kein Dach über dem Kopf haben, ist unklar. Auch die Wissenschaft hat das Thema vernachlässigt. Nun liefert eine Studie von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Zahlen über die Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit in Basel. Gemäss den Studienautoren ist es die erste Studie schweizweit zu dieser Thematik.

Sie zeigt: In Basel leben rund 100 Obdachlose. Knapp die Hälfte dieser Menschen verbringen die Nächte im Freien, die andere Hälfte vorwiegend in der Notschlafstelle. Verhältnismässig leben in Basel wenige Menschen auf der Strasse. Doch: Im Stadtkanton gibt es weitere 200 Personen, die sich nicht in eine eigene Wohnung zurückziehen können. Sie verfügen über keine Privatsphäre, kommen aber bei Bekannten oder Freunden unter.

Mehr als ein Jahr auf der Strasse

Während die Studienautoren Matthias Drilling und Jörg Dittmann gestern ihre Resultate gegenüber den Medien präsentierten, fallen draussen schwere Schneeflocken. Thomas würdigt ihnen keinen Blick. Er sitzt im Tageshaus für Obdachlose, rührt in seinem Kaffee und erzählt. Von seiner Mutter, deren Tod ihm schwer zu schaffen machte. Von der gemeinsamen Wohnung in einem Haus, aus dem alle Mieter ausziehen mussten, weil es kernsaniert wurde. Von den geerbten Schulden, seiner verlorenen IV-Rente und der erfolglosen Suche nach einer eigenen Bleibe. «Als ich vor drei Monaten begann, eine Wohnung zu suchen, war mir nicht bewusst, wie schwierig das werden würde», sagt er.

Thomas heisst nicht Thomas. Er will seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Die meisten seiner Freunde und Bekannten wissen nicht, dass er abends in der Notschlafstelle in ein Bett schlüpft. «Wie soll ich ihnen das auch sagen?», fragt er. Zu gross sei die Angst, dass sie den Kontakt abbrechen oder über ihn tuscheln würden. «Was ich nicht brauche, ist, dass jemand sagt: ‹Das ist doch ein armer Siech›.» Auch deshalb sei es sein oberstes Ziel, baldmöglichst einen Wohnungsmietvertrag zu unterschreiben.

Der Fall von Thomas zeigt: Der Abstieg in die Obdachlosigkeit kann schnell passieren. Dass jemand freiwillig auf der Strasse lebt, komme extrem selten vor, hält die Studie fest. Von den Befragten gaben zwei Drittel an, dass sie seit mehr als einem Jahr obdachlos sind und im Freien übernachten. Von der Wohnungslosigkeit sind die Befragten im Schnitt 2,6 Jahre lang betroffen. Anders als noch vor zehn Jahren suchen nicht mehr primär arbeitslose und drogensüchtige Menschen die Tageseinrichtungen auf. Zunehmend halten sich dort auch Menschen mit psychischen Problemen, Arbeitssuchende aus Zentral- und Osteuropa, Sans-Papiers und Asylsuchende auf.

Wenig Frauen in Notschlafstelle

In Basel sind vier Mal mehr Männer als Frauen obdach- oder wohnungslos. Viele der Männer geraten nach einem Job-Verlust in eine Abwärtsspirale. Die meisten Betroffenen sind zwischen 26 und 50 Jahre alt; etwa die Hälfte haben einen ausländischen Pass. Unabhängig vom Geschlecht kämpft die Mehrheit der Obdachlosen mit komplexen Schwierigkeiten: Sie haben oft gesundheitliche, psychische und finanzielle Probleme, die miteinander zusammenhängen. Die Studienautoren kommen deshalb zum Schluss: «Das bestehende Hilfesystem stösst im Umgang mit den Mehrfachproblemen der Menschen offensichtlich an Grenzen.»

Die tieferen Zahlen bei den Frauen seien zudem mit Vorsicht zu geniessen, stellt Studienautor Jörg Dittmann klar. Denn bei ihnen sei die Obdachlosigkeit und deren Hintergründe weit schwieriger zu erfassen als bei Männern. Dies, weil sie Notunterkünfte wie die kantonale Notschlafstelle bewusst meiden würden. Das habe verschiedene Gründe, sagt Studienautor Matthias Drilling. Die Frauen sähen die Notschlafstelle als Zeichen ihres tiefen Falls. Auch hätten sie Angst vor den Männern dort. Ein Problem, das der Kanton Basel-Stadt im vergangenen Herbst mit der Eröffnung einer Notschlafstelle nur für Frauen zu beheben versuchte. Doch gemäss Ruedi Illes, Leiter der Sozialhilfe Basel-Stadt, werde auch diese nur mässig gut genutzt.

Sandra hat die vergangenen Nächte in der Notschlafstelle verbracht. An diesem Mittwochmorgen sitzt sie in der Basler Gassenküche und frühstückt. Seit drei Jahren lebt die 45-Jährige auf der Strasse. Nichts an ihrem Äusseren verrät, dass sie keinen Rückzugsort hat. Sie trägt saubere Kleidung, ihre Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sozialhilfe beziehe sie keine, sagt Sandra. Sie komme mit ihrem «Strassentheater» über die Runden. Das sei mehr als betteln, denn es entstünden dabei lebendige Diskussionen. Zu einem finanziellen Zustupf käme sie jeweils an öffentlichen Veranstaltungen wie etwa dem Klosterberg-Fest. Dort sammelt sie leere Becher und löst das Depot ein. «Von diesem Geld kaufe ich mir dann beispielsweise mal ein T-Shirt», erzählt Sandra. Ganz am Anfang, als sie ihre Wohnung verlor, habe sie vorerst in einem Hotel übernachtet. Doch damit war bald Schluss. Seither verbringe sie die kalten Winternächte in der Notschlafstelle. Im Sommer zieht sie es vor, ihren Schlafsack in einem Park auszurollen.

Eine Notschlafstelle für alle

Es läge nicht an der Menge der zur Verfügung stehenden Betten, sondern am Zugang zu diesen, dass Menschen draussen übernachten, sagt Matthias Drilling. Wer in Basel angemeldet ist, bezahlt Fr. 7.50 pro Nacht in der Notschlafstelle, Auswärtige hingegen 40 Franken. Die Studienautoren fordern deshalb eine «bedingungslose Notschlafstelle für alle», egal wie viel Geld die Betroffenen zur Verfügung haben und von wo sie kommen. Man müsse von der Bedarfslage dieser Menschen ausgehen. Sozialhilfeleiter Roger Illes ist skeptisch. «Wir können als Kanton nicht für alle, die sich zufällig gerade in Basel aufhalten, eine Notschlafstelle anbieten.»

Die Studienautoren nehmen Kanton und Liegenschaftsbesitzer in die Pflicht. Unter dem Motto «Housing first» soll eine eigene Wohnung möglich sein, unabhängig davon, wie es einem Menschen gesundheitlich, sozial und finanziell geht. Die Person müsse zuerst wohnen und dann die Probleme lösen können. Geht es nach den Studienautoren, soll auch «temporäres, experimentelles Wohnen» gefördert werden. Etwa in sogenannten «Tiny Houses», wie Bauwagen oder Containern. Ist darin die Wohnfläche zwar gering, lässt sich dennoch eine gewisse Privatsphäre schaffen.

Die Studie hat die Christoph-Merian-Stiftung in Auftrag gegeben. Diese nimmt die Ergebnisse nun als Grundlage für ihr künftiges Wirken in der Armutsbekämpfung und der Wohnpolitik. Auch den Kanton nimmt die Christoph-Merian-Stiftung in die Pflicht. Fleur Jaccard, Leiterin der Abteilung Soziales, fordert einen «Paradigmenwechsel». Es fehle an Angeboten zwischen der Strassenobdachlosigkeit und dem selbstständigen Wohnen. Es brauche eine Gesamtstrategie in der Wohn- und Sozialpolitik. Die Stiftung selber will ihr Liegenschaftsportfolio überprüfen.

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