Atomkraft

ETH-Professor: «Die Schweizer Bevölkerung nimmt die Energiewende selbst in die Hand»

Trügerische Idylle: Kühe vor dem AKW Gösgen

Trügerische Idylle: Kühe vor dem AKW Gösgen

Stromkonzerne wie Alpiq oder Axpo geraten ins Schleudern, Atomkraftwerke wie Mühleberg und Beznau kommen in ein kritisches Alter. Die Atomenergie lebt von Märchen und wir müssen rasch umdenken, fordert ETH-Professor und Unternehmer Anton Gunzinger.

Herr Gunzinger, Sie sind Ingenieur, Unternehmer und ein Gegner der Atomkraft. Warum?

Weil es ein schlechtes Geschäft ist. Früher kostete Strom von AKWs zwei Rappen pro Kilowattstunde. Heute produzieren neueste Werke Strom mit 15 Rappen pro Kilowattstunde. Kernenergie hat eine negative Lernrate: Je mehr man produziert, desto teurer wird es. Dazu kommt das Risiko: Wenn man beispielsweise das Risiko von Beznau I korrekt berechnen würde, dann käme man auf einen Betrag von über 800 Millionen Franken. Das bei einem Jahresgewinn von gerade Mal 16 Millionen Franken – wenn es gut läuft. Unternehmerisch macht das keinen Sinn.

Ist das nicht eine zu kurzsichtige Betrachtungsweise? Es braucht doch AKWs, damit es immer genügend Strom hat.

Beim Strom muss die angebotene Leistung immer der Nachfrage folgen. AKWs können das nicht, in der Sommernacht führt das zusammen mit den Flusskraftwerken sogar zu einem Überangebot. Man hat das System um die AKWs herum gebaut und behauptet nun, es brauche die AKWs.

Sind die Schweizer AKWs nicht so sicher, dass das Risiko minim ist?

Das schwächste Glied in der Kette ist der Reaktor. Seine Qualität wird beim Bau bestimmt und kann später nicht mehr verändert werden.

Aber die Schweizer AKWs werden doch regelmässig mit dreistelligen Millionenbeträgen erneuert.

Das betrifft nur die Systeme rund um den Reaktor herum, und da hat es tatsächlich grosse Fortschritte gegeben. Diese Systeme müssen im Notfall sicherstellen, dass der Reaktor immer noch gekühlt werden kann. Aber die Qualität eines Reaktors wird beim Bau festgelegt, nachher kann sie nur sehr aufwändig verbessert werden. Dazu müsste man das AKW abbauen. Der Reaktor in Beznau I wurde vor 50 Jahren gebaut mit dem damaligen Stand der Technik.

  • «Die Qualität eines Reaktors wird beim Bau festgelegt, nachher kann nichts mehr verändert werden.»

Was bedeutet das für die Sicherheit?

Beznau I beispielsweise rechnete beim Bau damit, dass durchschnittlich alle 300 Jahre ein Unfall passieren könnte. Das finde ich absolut unverantwortlich. Zum Vergleich: Bei Eisenbahnsystemen ist die Anforderung an die Eintretenswahrscheinlichkeit für einen Unfall grösser als 100'000 Jahre, also mehr als 300 Mal mehr Sicherheit als bei Beznau I. Was mich als Ingenieur zusätzlich auf die Palme bringt: Ich bin nicht der einzige, der diese Zahlen kennt. Aber niemand hat in der Vergangenheit auf dieses Problem hingewiesen. Wir unterdrücken dieses Wissen kollektiv.

Wie erklären Sie diese kollektive Verdrängung?

Vermutlich gab es ein Denken: «Es kann nicht sein, was nicht sein darf.» Ein anderes wichtiges Thema bei solchen Systemen lautet: Ein Einzelfehler darf nie zu einer Gefährdung führen. 

Und gegen diese Regel wird auch in Schweizer AKWs verstossen?

Ja, leider. Betrachten wir das Beispiel Mühleberg. Mühleberg war ursprünglich nicht so gebaut, dass es einem starken Hochwasser – wie es sich etwa vor 300 Jahren ereignet hat – gewachsen gewesen wäre. Oder ein Bruch des Gruyère-Dammes hätte möglicherweise gar den Reaktor aus dem Boden gerissen. Das wurde inzwischen korrigiert. Es ist auch bekannt, dass der Aufprall eines Passagierjets auf das Reaktorgebäude, ein Einzelfehler, zu einem GAU führen würde. 

Die neuesten AKWs in Finnland und Frankreich dürfen ihren Betrieb nicht aufnehmen, weil sie zu wenig sicher sind. Kann man überhaupt sichere AKWs bauen?

Mit den AKWs sind wir an der sicherheitstechnischen Grenze des menschlich Machbaren erreicht, vielleicht haben wir diese Grenze sogar überschritten. Ein Problem heutiger AKWs besteht darin, dass sie nur einen sicheren Betriebszustand haben: Sie sind noch nicht eingeschaltet worden. Ab dann muss die Sicherheit immer aktiv bewirtschaftet werden. Wir Menschen sind dann gut, wenn wir aus unseren Fehlern lernen können. Das ist im Schienen- und Luftverkehr möglich. Im AKW steuert im Normalbetrieb der Computer die Anlage, in gefährlichen Situationen müssen jedoch Menschen übernehmen, können das aber in der Praxis nicht einüben. Deshalb stellt sich die Frage: Kann das Personal in einem Störfall auch adäquat reagieren?

  • «Atomenergie hat ihren Höhepunkt bereits 2006 überschritten, also noch vor Fukushima.»

Atomenergie ist somit weder wirtschaftlich noch sicher.

Kernenergie arbeitet mit hohen Drücken und hohen Temperaturen, das verursacht hohen Verschleiss und braucht daher viel Erneuerung. Es muss viel für die Sicherheit getan werden. Man braucht ein Endlager. All das kostet Geld. Die Grenzkosten von Kernenergie sind deshalb sehr hoch. Bei der Solarenergie hingegen haben wir sehr tiefe Grenzkosten. Solarzellen haben keine beweglichen Teile und brauchen deshalb geringen Unterhalt. Langfristig ist Solarenergie die kostengünstigste Energie.

Bis vor kurzem war die Kombination Atomkraftwerk / Pumpspeicherwerk ein Supergeschäft. Warum funktioniert dieses Modell nicht mehr?

Wir haben heute in Europa eine «Stromschwemme», da erneuerbare Energie ausgebaut werden und Kohlekraftwerke nicht ausgeschaltet werden. Deshalb sind die Preise für Strom im Keller.

Aber es werden ja noch immer AKWs gebaut.

Atomenergie hat ihren Höhepunkt bereits 2006 überschritten, also noch vor Fukushima. Der Grund dafür dürften die hohen Kosten sein. Weltweit sind zur Zeit 67 AKWs in Bau, 29 davon in China. 11 davon sind seit den 90er Jahren im Bau. Atomkraftwerke werden vor allem von Staaten gebaut, die ein Interesse an Plutonium haben. Rein wirtschaftlich orientierte Staaten bauen keine AKWs mehr. Jährlich gehen zwischen 6 und 7 neue Meiler ans Netz, 10 bis 15 werden abgeschaltet. Die Kernenergie nimmt ab. Bei erneuerbaren Energien hingegen wurde 2014 die Energiemenge von etwa 20 Atomkraftwerken zugebaut. Das jährliche Wachstum beträgt rund 30 Prozent. 

In den letzten Jahrzehnten sind wir doch in der Schweiz mit dem Energiemix – Bandenergie von AKWs und Flusskraftwerken, Spitzenenergie von den Speicherkraftwerken – gut gefahren. Können Sie verstehen, dass man davon nicht abrücken will?

Ich kann das verstehen, denn es gab in der Vergangenheit keine Alternative. Heute sind günstigere erneuerbare Energien als Kernenergie verfügbar. Mit der Kernenergie gehen wir ein sehr hohes Risiko ein, wir hatten bisher einfach sehr viel Glück gehabt. Weshalb aber sollen wir weiterhin ein so hohes Risiko eingehen, ohne signifikanten finanziellen Gewinn? Wegen fünf AKWs setzen wir unsere gesamte Volkswirtschaft aufs Spiel. Kommt dazu, dass die Rechnung für den Abbau der AKWs die künftigen Generationen berappen müssen.

In der Schweiz habe es zu wenig Sonne und zu wenig Wind für erneuerbare Energie, wird ebenfalls eingewandt.

Wir haben das fundiert durchgerechnet. Wir Schweizer können, wenn wir denn wollen, unser Land mit 100 Prozent erneuerbarem Strom versorgen.

Warum machen wir es dann nicht? Anders als etwa Frankreich haben wir ja keine mächtige Atomindustrie. Und marktwirtschaftlich gesehen macht es ebenfalls keinen Sinn mehr.

Es geht letztlich um einen Machtverlust. Ein Ausstieg aus dem Atomstrom ist auch eine Neuverteilung der Macht. 

  • «Elektroautos wurden lange belächelt, jetzt sind sie geil.» 

Cleantech ist doch längst zu einem Geschäft, Elon Musk mit Solarenergie und Elektroautos zum Vorzeige-Kapitalist geworden. Weshalb nimmt man das hierzulande nicht zur Kenntnis?

Nochmals, es ist eine Machtfrage, die nur mit Druck von unten, also vom Volk, entschieden wird.

Gibt es diesen Druck schon?

Ja, selbst die Amerikaner entdecken die Solarenergie. Wir haben ausgerechnet, dass die Amerikaner bei einer Umstellung auf nachhaltige Energie ab 2035 pro Jahr 800 Milliarden Dollar einsparen könnten. Das ist auch für die USA viel Geld.

In der Schweiz sind die grossen Stromversorger, vor allem Alpiq, in grosse Probleme geraten. Wird das zu einem Umdenken führen?

Vielleicht. Vielleicht muss Alpiq zuerst in den Konkurs gehen.

Kann ein Unternehmen wie Alpiq überhaupt in Konkurs gehen?

Natürlich. Der Staat muss dann einen Rettungsplan ausarbeiten, um die Stromversorgung zu gewähren. De facto passiert dies bereits – auf Kosten des Steuerzahlers. 

  • «Ein Ausstieg aus dem Atomstrom ist auch eine Neuverteilung der Macht.»

Wie kann die Schweiz vernünftigerweise aus der Atomenergie aussteigen?

Mein Vorschlag ist die Gründung einer Bad Bank. Dort sollen alle AKWs, das Zwischenlager am Paul Scherrer Institut und das Endlager zusammengefasst werden. So könnten die Stromkonzerne einen Neustart ins Auge fassen. Selbstverständlich sollten sie ihren Teil an die Kosten der Bad Bank beitragen. Sie haben in der Vergangenheit ja auch profitiert.

Der Steuerzahler würde aber ebenfalls zur Kasse gebeten.

Wir müssen den unangenehmen Tatsachen ins Auge sehen, anders geht es nicht. Ich würde unverzüglich Beznau I und II abschalten. Gleichzeitig würde ich Solar- und Windenergie massiv ausbauen und einen Ausstiegplan für Gösgen und Leibstadt ausarbeiten. Bis 2035 wären alle AKWs abgeschaltet.

Können Sie schon Anzeichen eines Umdenkens ausmachen?

Die Schweizer Bevölkerung hat den Umbau des Energiesystems in die Hand genommen. Letztes Jahr wurde 300 MW Solarenergie trotz der schlechten staatlichen Unterstützung zugebaut. Die Schweizer Bevölkerung geht schneller ans Werk als das Parlament.

Und kann die Marktwirtschaft den Umbau auf eine nachhaltige Energie auch schaffen?

Letztlich kommt es darauf an, wie sich die Bevölkerung entscheiden wird. In der Wärmedämmung hat das Umdenken bereits eingesetzt, man macht es heute einfach. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in ein paar Jahren uns ebenfalls nicht mehr fragen: Wollen wir Solarzellen auf dem Dach? Wir machen es einfach. Oder Elektromobilität: Elektroautos wurden lange belächelt, jetzt sind sie geil. Es wird wohl so geschehen wie mit dem Smartphone: Plötzlich hatten alle eines.

Meistgesehen

Artboard 1