Flüchtlingskrise

Europa ringt nach Lösungen und mittendrin liegt die Schweiz

Warten an der Ostgrenze: an den Bahnhöfen in St. Margrethen und Buchs endet die Flucht in die Schweiz. Warum kommen aber nun weniger Flüchtlinge als erwartet? Und wie rüsten sich die Behörden für den Ansturm? Ein Bericht aus der Ostschweiz.

Breitbeinig stehen fünf Grenzwächter auf dem Perron von Gleis 4. Es ist kurz vor zehn und die Beamten vermuten in jedem Zug aus Österreich, der im sankt-gallischen Buchs hält, Flüchtlinge. Menschen, die in der Schweiz Zuflucht suchen. So, wie es die Ungarn 1956 taten.

Eine Gedenktafel auf dem Perron erinnert an die Revolte von damals, die sowjetische Antwort und die Flucht, die viele tausend Ungarn mit der Bahn und via Buchs in die Schweiz brachte.

Quietschend stoppt der Zug. Die Beamten steigen ein und durchkämmen Waggon für Waggon. Nur wenige Reisende steigen aus. Es sind Europäer. Desinteressiert lassen die Grenzwächter sie passieren. Ein dunkelhaariger Mittdreissiger mit Dreitagebart, in Trainerhose und Crocs-Schuhen blickt aufgeregt aus der Waggontür.

Die Grenzwächter werden auf den Mann aufmerksam, fragen ihn nach seinen Papieren, folgen ihm in den Zug. Nach einer Weile steigen sie wieder aus. Der Mann rennt an ihnen vorbei, runter in die Unterführung. Fehlalarm, der Mann ist ein argentinischer Tourist und will mit seiner Frau nach Zürich. Nun muss er noch rasch das richtige Ticket lösen.

Hier kommen die Flüchtlinge in die Ostschweiz

Hier kommen die Flüchtlinge in die Ostschweiz

Im Warteraum für Flüchtlinge
Am Vortag kamen im Kanton St. Gallen 34 Flüchtlinge an. Die meisten von ihnen mit der Bahn in Buchs und St. Margrethen. In der ersten Novemberwoche waren es gemäss Statistik des Grenzwachtkorps fast hundert täglich. Offiziell geben die Behörden keine Prognosen für den November ab.

Die «BaZ» nannte diese Woche aus einem Papier des Staatssekretariats für Migration (SEM) die Zahl 10 000. Gegenüber der «Nordwestschweiz» heisst es beim SEM, die Entwicklung lasse sich nicht so klar beziffern. Klar sei nur, dass die bisherige Jahresprognose von 31 500 Gesuchen deutlich übertroffen werde.

In Buchs vertreiben sich die Zugbegleiterinnen die Zeit, welche die Kontrolle durch die Grenzbeamten beansprucht, mit Rauchen. Eine feilt sich die Nägel. «Flüchtlinge? Auf diesem Zug? Nein, eigentlich nie», sagt sie.

Die Lage sei volatil, die Zahl der Gesuche ändere sich von Tag zu Tag sehr stark, heisst es beim SEM in Bern.

Was aber tun Grenzwächter, wenn sich Flüchtlinge im Zug aufhalten? Sie lassen die Menschen aussteigen. Als Erstes werden sie kontrolliert und befragt: Bei Schlepperverdacht oder gefälschten Papieren holen die Grenzbeamten die Polizei.

Wer angibt, in der Schweiz gar kein Asylgesuch stellen zu wollen, den schickt die Grenzwache direkt zurück; in Buchs also nach Österreich. Wer in Buchs ein Asylgesuch stellt, den bringen die Beamten über den Bahnhofplatz zum alten Postgebäude.

Zu Wochenbeginn hat der Bund dort eine Art Warteraum eingerichtet. Die Behörden nennen ihn Sammelstelle. Sichtschutzwände verbergen den Sanitärbereich mit Toi-toi-Häuschen.

Der Zweck der Sammelstelle: Bevor die Menschen auf die Erstaufnahmezentren des Bundes verteilt werden, den Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ), können sie sich im alten Postgebäude verpflegen, duschen und ausruhen. Es hat Matratzen und Decken.

Der Aufenthalt dauert in der Regel nicht mehr als ein paar Stunden. Kommen Flüchtlinge jedoch spätabends in Buchs an, so verbringen die Flüchtlinge auch mal eine Nacht in der Sammelstelle, heisst es beim SEM.

Afghanistan–Schweiz in 25 Tagen
Die EVZ des Bundes sind voll. In Schaffhausen, Baselland und im Thurgau haben Gemeinden ihre Zivilschutzanlagen geöffnet um Flüchtlinge zu platzieren, die keinen Platz mehr in den Bundeszentren haben. Im Kanton St. Gallen ist das noch nicht nötig.

Die Zivilschutzanlagen stünden aber bereit, versichert uns Beat Tinner, Präsident der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidenten. «In unseren Anlagen können wir kurzfristig 1000 Asylsuchende unterbringen, sollten die Zahlen plötzlich wieder rasant steigen», sagt er.

Das taten sie schon einmal, im September. Damals waren die Zivilschutzanlagen der St. Galler Gemeinden für ein paar Tage in Betrieb. Tinner glaubt: «Der Bund wird in den kommenden Tagen auf unsere Zivilschutzanlagen zurückgreifen müssen.»

Vom Warteraum in der alten Post in Buchs werden die Flüchtlinge in Armeefahrzeugen nach Altstätten, Rheintal auswärts gefahren. Auch wir lassen Buchs hinter uns und fahren die Strecke ins Asylzentrum Altstätten ab.

Es ist das erste Stück Schweiz, das an den Flüchtlingen vorbeizieht: die Autobahn, daneben der Bahndamm und der Rhein, die Landesgrenze und dahinter Liechtenstein. In der Fläche etwas Industrie, dahinter die Gebirgsketten Vorarlbergs zur Rechten und der Alpstein zur Linken. Nach 20 Minuten die Autobahnausfahrt.

Etwas erhöht, das Stadtchen Altstätten, in der Ebene eine bunte Einfamilienhaus-Siedlung. Alle Häuschen sind auffallend neu. Und mittendrin die Asyl-Bundesunterkunft. Ein grauer Klotz, der hier seit mehr als 30 Jahren steht. «Damals war noch nichts hier», erzählt eine Anwohnerin. «Wir bauten als Erste hier.» Das günstige Angebot lockte. «Die attraktiven Baulandpreise haben wohl schon mit dem Asylzentrum zu tun», so die Frau.

Vor dem Asylheim spielen Kinder in der Sonne. Männer rauchen Zigaretten. Ahmad Yama wischt den Vorplatz. Er ist 18 Jahre alt, Afghane. Seine Hose hat er hochgekrempelt. Nackte Füsse stecken in Sandalen.

Sein Vater sei Gouverneur der Provinz Jawzjan, sagt er uns. Das Gebiet liegt an der Grenze zu Turkmenistan. Die radikalislamischen Taliban sind dort auf dem Vormarsch. «Sie haben meinen Vater erpresst und ihm in die Beine geschossen», sagt Ahmad. «Mein Vater sagte mir, ich müsse in die Schweiz gehen.» Warum? «Switzerland is a good country», wusste Ahmads Vater.

Der nicht sichtbare Ansturm
25 Tage hat Ahmads Reise gedauert. «Im Bus, im Zug, mit dem Schiff. Ich bin gegangen, gerannt, geschwommen», erzählt er. Der Menschenstrom leitete ihn: Via Iran in die Türkei, über die Ägäis nach Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien.

In Österreich folgte er immer noch den Menschen in Richtung Norden – und landete in Deutschland. Die Abzweigung in die Schweiz hatte Ahmad verpasst. «In Deutschland blieb ich eine Nacht. Ich habe geschlafen, dann bin in die Schweiz gegangen.» Seither ist Ahmad hier.

In Altstätten wohnt er nun mit 300 Menschen. In einem Zentrum, das eingerichtet ist für weniger als 200. Punkt halb 12 kommt eine Betreuerin zu den Männern in der Einfahrt. «Zeit zum Mittagessen, Ahmad», sagt sie.

Wir fahren weiter der Grenze entlang. Unser nächstes Ziel: St. Margrethen, der Grenzort, der die Schweiz wie Buchs mit Österreich verbindet. Auch dort kommen immer mehr Flüchtlinge an, in Zügen aus München. Und zahlreiche Regionalzüge aus Bregenz. Mal für Mal, ehe ein Zug einfährt, stehen die Grenzwächter erneut bereit. Doch auch hier haben sie wenig bis gar nichts zu tun an diesem Nachmittag.

Das Grenzwachtkorps hat bereits im September Personal an die Ostgrenze verschoben. Überstunden fielen keine an, heisst es aus Bern. Und eine Verstärkung durch die Armee – eine Idee der SVP – findet derzeit nicht einmal das Grenzwachtkorps gut.

Als der Euro-City aus München in St. Margrethen eintrifft, stehen fünf Grenzwächter da. Doch wieder nichts. Kein einziger Flüchtling hat seinen Weg in die Schweiz gefunden. Und das, obwohl der Speisewagen-Angestellte sagt: «Normalerweise reisen viele Flüchtlinge mit diesem Zug.»

Flüchtlinge, in grosser Zahl an der Schweizer Grenze? In dieser Woche ist der Flüchtlingsansturm nicht einmal gross. Und an diesem Tag bleibt er im St. Galler Grenzland ein Phantom: Wir sehen sie nicht, trotzdem zählt der St. Galler Asylkoordinator bis zum Abend 19 Menschen, die in seinem Kanton Zuflucht suchen.

Niemand in der Schweiz hofft auf den grossen Flüchtlingsandrang, erwartet wird er in St. Gallen trotzdem. Ob das Land bereit ist, wenn die Warterei ein Ende hat?

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