Schweizer Moscheen

Experte: «Nicht jede Diyanet-Moschee hat einen eigenen Imam»

Ein Imam beim Gebet.

Ein Imam beim Gebet.

Wie sind Geldspritzen aus dem Ausland zu werten und warum müssen Imame ins Ausland?

Ganz gleich, ob er Erdogan heisst, im Dunstkreis des saudischen Königshauses steht oder gar als Scherge der Terrormiliz IS sein Unwesen treibt: Der Islamist gilt auch als Strippenzieher in Schweizer Moscheen. Doch solche Fälle hält der Luzerner Islamforscher Andreas Tunger-Zanetti für absolute Ausnahmen. In der Schweiz sehe der Normalfall anders aus: «In fast allen Moscheen gewährleisten die Mitglieder der entsprechenden Gemeinschaften den allergrössten Teil der Finanzierung.»

Zur in der «SonntagsZeitung» publik gemachten Finanzierung von rund fünfzig Moscheen in der Schweiz durch die staatliche Religionsbehörde der Türkei, Diyanet, sagt Tunger. «Die türkische Regierungsstelle finanziert das Gehalt des Imams, aber nicht den übrigen Betrieb. Und nicht jede Diyanet-Moschee hat einen eigenen Imam.»

Auch was die saudischen Finanzspritzen an die Basler Faysal-Moschee betrifft, relativiert Tunger. 20 000 Franken sind es pro Jahr gewesen. Ein kleiner Teil, wenn man es mit den jährlichen Kosten für den gesamten Moscheebetrieb vergleicht, wie Tunger findet.

Der Normalfall spiele sich in den grössten Muslimgemeinschaften in der Schweiz ab. Gerade bei albanischen und bosnischen Gemeinschaften hinge im Eingangsbereich meistens eine Liste, die Auskunft gebe, wie hoch die gezahlten Beiträge der einzelnen Mitglieder seien, so Tunger. Dies diene der Selbstverpflichtung und erhöhe den sozialen Druck auf den Nachbarn, seinen Beitrag auch einzubezahlen.

Die Uneinigkeit der Muslime

Direkten Einfluss auf die religiösen Gemeinschaften könnten ausländische Mächte vor allem über die von ihnen entsandten Imame nehmen. In der Schweiz ein üblicher Vorgang, weil hierzulande keine Imame ausgebildet werden. Ein Fakt, den der Berner Imam Mustafa Memeti kritisiert: «Solche Imame verfolgen zum Teil ihre eigene Agenda: Manche von ihnen kommen gerade einmal für drei Monate in die Schweiz, um hier Geld zu verdienen. Memeti ist deshalb dafür, dass alle Imame in der Schweiz ausgebildet werden.

Doch weil sich nicht einmal die Muslimorganisationen untereinander einig sind, kommt das Thema nicht auf die politische Agenda. Memeti kritisiert die muslimische Gemeinschaft innerhalb der Schweiz. «Es fehlt ein konstruktiver Dialog: Was wollen wir in der Schweiz? Wohin gehen wir?» Solche Fragen würden gar nicht ernsthaft diskutiert. Dasselbe gelte auch für eine Regelung betreffend Finanzierung: Memeti befürwortet eine öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islam in der Schweiz, also eine Angleichung an die Landeskirchen. Der Vorteil: Der Staat könnte bei den Muslimen eine Art Moschee-Steuern erheben, analog zu den Kirchensteuern.

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