Der Anfang ist italienisch. Meine vor zehn Tagen beantragte Akkreditierung ist trotz mehrmaliger Nachfrage nicht eingetroffen. Und auch das eilends in der Stadt gekaufte Ticket hilft nicht weiter, hier am Eingang 6 des riesigen Expo-Geländes im Mailänder Vorort Rho. Einlass findet nur, wer akkreditiert ist. 

Also ab ins Taxi und wie vom Personal angewiesen zu Eingang 8. Nur: Wo ist der? Der Fahrer hat noch nie davon gehört und das GPS-Gerät funktioniert nicht. In waghalsiger Manier hält er mitten auf der Strasse ein anderes Taxi an und erkundigt sich. Eine Stunde nach der offiziellen Türöffnung stehe ich endlich im Expo-Gelände.

Bis zur offiziellen Eröffnung durch Italiens Premierminister Matteo Renzi dauert es aber noch eine gute Stunde. Genügend Zeit für den letzten Feinschliff, sagen sich offenbar die Organisatoren. Überall liegen Kartonschachteln und Baumaterialien herum. Dahinter folgen die Putzkolonnen. Bis am Nachmittag sind tatsächlich die meisten Schutthaufen beseitigt – und sei es nur hinter eine Plastikplane.

Wer, wie die meisten Besucher, über den Expo-Bahnhof Rho Fiera Milano ankommt, kriegt allerdings kaum mit, dass hier buchstäblich bis zur letzten Sekunde (und darüber hinaus) gewerkt wird. Der Menschenstrom wird über eine Brücke aufs Gelände geführt und bewegt sich vor allem auf der 1,5 Kilometer langen Fussgängerzone, entlang derer die Pavillons von 145 Ländern liegen.

Es gibt am Morgen des Eröffnungstages drei Sorten von Länderpavillons: Diejenigen – es sind die meisten –, die fürs Publikum geöffnet sind. Diejenigen, bei denen der Akt der Einweihung noch bevorsteht, die aber soweit fertiggestellt sind. Und dann gibt es diejenigen, die noch auf unbestimmte Zeit geschlossen sein werden.

Etwa Kamerun: «Wir warten auf die Ausstellungsgegenstände. Sie stecken am Zoll fest», sagt ein Angestellter, der gerade eine Türe aufschliesst. Wie der Blick dahinter offenbart, gibt es allerdings im Raum selbst noch genügend Arbeit. Beim Pavillon von Nepal, einem hübschen Tempel mit Wasserbecken rundherum, dürfte es einen traurigeren Grund geben, dass er nicht fertiggestellt ist. Am Eingang steht eine Spendebox, in welche die Besucher Geld einwerfen können.

Unmöglich alles zu sehen

In einem Tag alle Pavillons zu besichtigen, ist unmöglich. Wer nicht mehr Zeit zur Verfügung hat, muss vorgehen wie im Essbereich einer Shoppingmall: Herumgehen und sich das herauspicken, was einem gerade ins Auge springt – was gar nicht so schlecht zum Expo-Motto «Ernährung» passt. Da wäre etwa Kasachstan: Wie kein zweites Länderhaus glänzt die spiegelverkleidete Fassade im Tageslicht. Vor dem Eingang trällert eine schmuckbehangene Frau zu Technopop. Blingbling, überall. Ali-G, Kult-Figur von Filmemacher Sacha Baron Cohen und Kumpel von Pseudo-Kasache Borat, hätte seine helle Freude daran.

Oder Brasilien. Das grösste Land Südamerikas schafft es, was wenigen gelingt: Einen optisch anspruchsvollen Auftritt mit einer Message zu verbinden. So geht der Besucher über ein Netz, das dank seiner immensen Grösse zu einer Art Trampolin wird, um ins Innere des Pavillons zu gelangen. Kinder sind begeistert und den Erwachsenen erschliesst sich die Symbolik, dass das Netz für den Zusammenhalt des multikulturellen Landes steht.

Und die Schweiz? Die im Vergleich zu anderen Pavillons bieder wirkende Fassade wurde zwar in letzter Sekunde noch etwas aufgepeppt, dennoch gilt für den Schweizer Auftritt mehr als für alle anderen: Inhalt kommt vor Auftritt.

Das Konzept – vier mit Lebensmitteln gefüllte Türme, deren Plattformen sich mit zunehmendem Verbrauch absenken – ist durchdacht und lässt die Besucher über die Nachhaltigkeit der Ressourcen und ihr eigenes Konsumverhalten nachdenken.

Wer den Schweizer Pavillon hinter dem anschaulichen Birkenwäldchen überhaupt findet, ist durchaus angetan, wie eine kurze Umfrage zeigt. «Ich kam, weil ich mir Gratis-Schokolade erhoffte. Das gabs zwar nicht, aber dafür ist es die beste Idee, die ich gesehen habe», sagt stellvertretend Alessandro.

Der Jazzer aus Turkmenistan

Das persönliche Highlight ist aber eines, das völlig unerwartet kommt: Müde vom stundenlangen Herumgehen setze ich mich kurz im estnischen Pavillon hin. Dass er wenig spektakulär und deshalb nicht überlaufen ist, ist mir gerade recht. Da kommt ein zentralasiatisch aussehender Mann mit entsprechender Tracht hinein, setzt sich an den mitten im Raum stehenden Flügel und spielt Improvisationsjazz, dass einem die Spucke weg bleibt.

So surreal die Szenerie ist, so mystisch ist sie. Ein Hauch von echter Völkerverständigung. Er sei im Pavillon von Turkmenistan angestellt und habe eine Pause, erklärt der Pianist. «Als mir dann jemand erzählt hat, dass es bei Estland einen Flügel habe, konnte ich mich nicht zurückhalten», sagt er und spielt weiter. Doch nicht für lange, turkmenische Pausen sind offenbar kurz. Beim Hinausschreiten ist ein Popsong amerikanischen Ursprungs zu hören. Aus dem Lautsprecher.

Wie man am einfachsten an die Expo nach Mailand kommt finden Sie HIER.