Schweiz

1000 Polizisten jagten Peter Kneubühl: Im Gefängnis erzählt der 76-Jährige, wie er hier ein Stück Freiheit gefunden hat

Peter Hans Kneubühl, 76 Jahre alt, in seiner Zelle 006: Er sitzt freiwillig im härtesten Haftregime.

Peter Hans Kneubühl, 76 Jahre alt, in seiner Zelle 006: Er sitzt freiwillig im härtesten Haftregime.

Vor zehn Jahren hat sich Peter Hans Kneubühl gegen die Räumung seines Hauses in Biel gewehrt und sich vor tausend Polizisten versteckt. Demnächst kommt der Fall vor Gericht und ins Kino. Das Drama zeigt die Grenzen des Justizsystems auf.

Peter Hans Kneubühl, 76, ist ein höflicher Herr. Aus dem Gefängnis antwortet er dieser Zeitung in einem Brief, dass er bereit sei, Besuch zu empfangen. Er schreibt: «Vielen Dank für Ihr Interesse an meinen Abenteuern.»

Vier Tage später öffnet der 1,95 Meter grosse Mann die Türe von Zelle 006 des Regionalgefängnisses Thun und führt in sein zwölf Quadratmeter kleines Zuhause. Die Hälfte seiner bisherigen zehn Haftjahre hat er hier verbracht. Überall liegen Papiere, fein säuberlich gestapelt und beschriftet. Auf Tausenden Seiten hat er mit seinem Kugelschreiber, den er in der Brusttasche seines karierten Hemdes mit sich trägt, seine Geschichte aufgeschrieben und sich bei allen möglichen Amtsstellen beschwert. Meistens laute die Antwort: «Nicht zuständig».

Der Bildschirm über dem Bett ist schwarz, der Anschluss fehlt. Kneubühl sagt: «Fernsehen macht passiv. Ich aber will aktiv bleiben.» Er liest Zeitungen und schreibt. Mit seinem Kugelschreiber kämpft er gegen das System an.

Verfolgungsjagd mit Helikopter und Panzer

Am 8. September 2010 hat er den Kampf mit Waffengewalt geführt. Die Sondereinheit Enzian der Berner Kantonspolizei hätte an diesem Tag sein Elternhaus am Mon-Désir-Weg in Biel räumen sollen, das nach einem Erbstreit zwangsversteigert wurde. Doch der damals 67-Jährige verliess sein Haus nicht freiwillig. Als die Polizei vorfuhr, verbarrikadierte er Türen und Fenster und schoss auf die Beamten. Die Polizisten umstellten das Haus, evakuierten das Quartier und sperrten die Strassen. Nach elfstündiger Belagerung stürmte Kneubühl nach Mitternacht plötzlich aus dem Haus, schoss einen Polizisten an und verschwand in der Dunkelheit. Er floh durch die Gärten der verlassenen Nachbarhäuser. Die Polizisten verloren ihn aus den Augen, weil sie auf diese Situation nicht vorbereitet waren.

Peter Kneubühl erzählt, wie er sich vor tausend Polizisten versteckt hat.

Peter Kneubühl erzählt, wie er sich vor tausend Polizisten versteckt hat.

Neun Tage lang versteckte sich Kneubühl an unbekannten Orten, bis er in der Taubenlochschlucht gesichtet und verhaftet wurde. Während der Fahndungsaktion standen im Einsatz: 1057 Polizisten mit 150 Nachtsichtgeräten und 40 Maschinenpistolen, ein Helikopter des Typs Super Puma und ein Radschützenpanzer Piranha.

Der Polizeieinsatz 2010: Die Sondereinheit Enzian jagt Kneubühl. Doch er entwischt.

Der Polizeieinsatz 2010: Die Sondereinheit Enzian jagt Kneubühl. Doch er entwischt.

Kneubühl kämpft für seine vier Wände – damals und heute

2013 wurde Kneubühl von der Bieler und Berner Justiz für schuldunfähig erklärt. Weil ihm Verfolgungswahn attestiert wurde, musste er sich nicht für die Schüsse auf die Polizei verantworten. 2014 wurde das Urteil vom Bundesgericht bestätigt. Der Senior wurde zu einer stationären Therapie verurteilt. In seinem Fall bedeutete dies eine Psychotherapie im Gefängnis. Doch er verweigert das Gespräch mit Psychiatern bis heute. Er ist überzeugt, dass nicht er krank sei, sondern das Justizsystem.

Sein Kampf gegen die Polizei war nur neun Tage lang erfolgreich. Sein Kampf gegen den Justizvollzug hingegen ist schon seit neun Jahren erfolgreich. Dreimal hat er sich mit einem Hungerstreik dagegen gewehrt, in einer psychiatrischen Abteilung oder in einer normalen Strafvollzugsanstalt untergebracht zu werden. Stattdessen will er im Regionalgefängnis Thun bleiben. Aussergewöhnlich ist: Das ist ein Untersuchungsgefängnis.

Kneubühl unterwirft sich damit freiwillig dem härtesten Haftregime. In U-Haft haben Gefangene am wenigsten soziale Kontakte. In der Regel ist man 23 Stunden am Tag eingeschlossen. Das stört Kneubühl nicht, im Gegenteil. Er sagt: «Viele Junge halten es nicht aus, alleine zu sein. Für mich aber ist das befreiend.» Am Ort mit der grösstmöglichen Unfreiheit findet Kneubühl ein Stück Freiheit – und ein Zuhause. In seiner Zelle fühle er sich sicherer als früher in seinem Haus, weil er hier nicht mehr verfolgt werde.

Im Strafvollzug müsste er arbeiten und wäre eingebunden in ein fein austariertes System von kleinen Bestrafungen und Belohnungen. So wolle man ihn «umprogrammieren in einen guten Staatsbürger», sagt er. Dem kann er sich in Thun entziehen.

Peter Kneubühl erklärt, weshalb er freiwillig im härtesten Haftregime sitzt

Peter Kneubühl erklärt, weshalb er freiwillig im härtesten Haftregime sitzt

Hinzu kommt die symbolische Bedeutung, die ihm wichtig ist: Die Unterbringungsart suggeriert, dass eine Untersuchung laufe. Aus seiner Sicht wurde sein Fall nie richtig aufgeklärt. Die Verfolgung, welche die Gerichtspsychiaterin als Wahn einstuft, ist für ihn real: Er sieht sich als Opfer einer korrupten Justiz, die von seiner Schwester instrumentalisiert werde. Der Erbteilungsstreit mit ihr führte dazu, dass sein Haus geräumt wurde. Das Ausharren im Untersuchungsgefängnis ist sein stiller Protest für eine Untersuchung seiner Vorgeschichte.

Eigentlich ist Kneubühls Unterbringung menschenrechtswidrig. Sie wäre ein Skandal, wäre er nicht freiwillig hier. Für einen Fall Kneubühl bieten die Paragrafen schlicht keine geeignete Lösung an. Die Berner Justiz hat für ihn ein Sondersetting geschaffen, von dem beide Seiten profitieren. Mit Kosten von 220 Franken pro Tag ist seine derzeitige Haft günstiger als in einer spezialisierten Einrichtung.

Das Regionalgefängnis Thun hat 98 Plätze. Die durchschnittliche Haftdauer beträgt 37 Tage. Es ist ein Kommen und Gehen. Nur in Zelle 006 sitzt immer derselbe.

Kneubühls Abendmahl.

Kneubühls Abendmahl.

Das Sondersetting hat allerdings ein Ablaufdatum. Weil die stationäre Massnahme nie wirklich in Kraft war und als gescheitert gilt, soll sie nun in eine Verwahrung umgewandelt werden. Am 5.  März wird der Entscheid an einer Gerichtsverhandlung in Biel gefällt. Die Behörden stufen Kneubühl weiterhin als gemeingefährlich ein. Deshalb soll er solange eingesperrt bleiben, bis sich die Gefahrensituation ändert. Für Kneubühl bedeutet dies: Wahrscheinlich wird er im Gefängnis sterben.

Wenn die Verwahrung in Kraft treten würde, wäre es allerdings noch schwieriger, Kneubühls Verbleib im Untersuchungsgefängnis zu rechtfertigen. Die Situation ist paradox: Er müsste verlegt werden, damit er angenehmere Haftbedingungen hat. Gemütlichkeit ist aber subjektiv. Was normale Leute als angenehm empfinden, macht Kneubühl krank. So steht er wieder vor einer ähnlichen Situation wie vor zehn Jahren: Er wird sich mit Händen und Füssen dagegen wehren, seine vier Wände zu verlassen. Im Gespräch kündigt er an: «Ich gehe nicht nach Biel an die Gerichtsverhandlung.»

Kneubühl ist nicht nur der «Amok-Rentner», als der er nach der Eskalation in Biel berühmt wurde. Wenn jemand seine Freiheit bedroht, verteidigt er sich zwar mit allen Mitteln, was er bis heute nicht bereut: «Ich habe mich nur verteidigt und niemanden angegriffen. Ich bin nicht gefährlich.» Lässt man ihn aber ihn Ruhe, ist Kneubühl ein freundlicher und gewitzter Senior. So lobt er die Arbeit des Gefängnisdirektors und dankt ihm für die Zelle, die er ihm bietet, und er muss im Interview heute noch lachen, wenn er erzählt, wie er tausend Polizisten ausgetrickst hat.

Die Schlüsselszene des Spielfilms «Peter K. – Alleine gegen den Staat»: Kneubühls Verhaftung.

Die Schlüsselszene des Spielfilms «Peter K. – Alleine gegen den Staat»: Kneubühls Verhaftung.

Der Regisseur: «Kneubühl ist eine tragische Figur»

Kneubühls Abenteuer ist filmreif. Der Bieler Regisseur Laurent Wyss hat daraus einen Spielfilm gedreht, der sich derzeit in der Postproduktion befindet. Eigentlich hätte der Streifen dieses Jahr in die Kinos kommen sollen. Der Kinostart wurde auf 2021 verschoben, da der Filmcrew das Geld ausgegangen ist. Das ursprünglich vorgesehene Budget von 300'000 Franken reicht nicht aus. Derzeit läuft eine weitere Finanzierungsrunde. Wyss hat Kneubühl mehrmals im Gefängnis besucht und sagt: «Er ist eine tragische Figur, weil ihm niemand helfen kann. Er ist eingeschlossen in seiner eigenen Welt.»

Peter Kneubühl sagt, was er vom Kinofilm über ihn erwartet.

Peter Kneubühl sagt, was er vom Kinofilm über ihn erwartet.

Kneubühl wuchs in einer Bieler Arbeiterfamilie auf und ist stolz darauf, als erster Kneubühl eine höhere Ausbildung absolviert zu haben. Er war Elektroingenieur, arbeitete zuletzt als Mathematik- und Physiklehrer und wurde zum Einzelgänger. Früher habe er aber mehrere Beziehungen gehabt, die zwei bis drei Jahre dauerten. Damals in den 68er-Jahren sei eine langfristige Beziehung ohnehin nicht das Ziel gewesen.

Kneubühl schätzt seine Zelle 006, weil er von hier die Welt beobachten kann. Die Welt besteht aus einer viel befahrenen Strasse und einer grossen Baustelle. Wenn er durch die Gitterstäbe blickt, stellt er Veränderungen fest: «Die Moden ändern sich. Die Frauen tragen wieder längere Haare.»

Wenn Kneubühl genügend Geld hat, leistet er sich den «Spiegel». Zum Cover sagt er: «Das passt».

Wenn Kneubühl genügend Geld hat, leistet er sich den «Spiegel». Zum Cover sagt er: «Das passt».

Die Vorgeschichte der Querulanten

Kneubühl wird im Gefängnis von zwei Seelenverwandten besucht: von Andres Zaugg, dem St.-Ursen-Brandstifter, und Kuno W., dem Richterbeisser. Die Fälle haben Parallelen.

Die Eskalationen vieler Querulanten haben eine Gemeinsamkeit. Es gibt eine Vorgeschichte mit einer Enttäuschung. Der Querulant (Latein: der Rechtsuchende) sucht das Recht und findet es nicht. Er beschwert sich und droht, weil er sein Unrecht nicht akzeptiert. Manchmal schreitet er zur Tat. Im Nachhinein zeigt sich oft: Hätte man die Drohungen ernst genommen, hätte die Tat verhindert werden können.

Im Fall Kneubühl waren es unzählige Briefe, die er an viele Ämter geschickt hat. Darin kündigte er an, er werde sein Haus bis zum Tod verteidigen. Die Briefe drangen im Verwaltungsdschungel aber nicht bis zur Polizei vor. Hätte sie Kenntnis davon gehabt, hätte sie die Situation besser einschätzen können.

Es gibt eine kleine verschworene Gemeinschaft, die in Kneubühl einen Volkshelden sieht. Noch während er auf der Flucht war, fand in Biel eine kleine Solidarisierungskundgebung statt für den «Bäppu», der von der Polizei aus seinem Elternhaus verjagt wurde.

Aus seinem früheren Leben hat Kneubühl keine Kontakte mehr. Dennoch sind seine Besuchstermine im Gefängnis oft ausgebucht. Zu den Stammgästen gehören Andres Zaugg, der St.-Ursen-Brandstifter, und Kuno W., der Richterbeisser.

Andres Zaugg hat 2011 als Protestaktion die St.-Ursen-Kathedrale angezündet. «Es war eine Notsituation», sagt er.

Andres Zaugg hat 2011 als Protestaktion die St.-Ursen-Kathedrale angezündet. «Es war eine Notsituation», sagt er.

Das Duo trifft sich mit dieser Zeitung auf einen Kaffee im Bahnhofbis­tro Olten. Zwei Männer in einem Umsteigebahnhof, die in ihren Leben den Anschluss verpasst haben. Ihre Geschichten haben Parallelen zum Fall Kneubühl.

Mit dem Begriff Querulant fühlen sich die beiden nicht verstanden. «Querdenker», präzisiert Zaugg. «Ich sehe mich in der Rolle eines Hofnarren», sagt Kuno W.

Wie es zum Brand und zum Biss kam

Zaugg, 71 Jahre alt, hat einst anständig verdient. 6300 Franken erhielt er für seine Arbeit im technischen Dienst von Coop. Dann sei es passiert: «Ich bin in einen Strudel geraten.» Ein Stalker habe ihm das Leben schwer gemacht, doch niemand konnte ihm helfen, weder der Staat noch die Justiz. Er schrieb Beschwerden und Briefe an Behörden und Politiker. Er drohte und protestierte. Doch die Energie verpuffte. Deshalb schritt er zur Tat. Am 4. Januar 2011 besuchte er die St.-Ursen-Kathedrale in Solothurn mit zwei Kanistern Benzin. Zaugg redet den Schaden klein: «Der Teppich, die Tannenbäumchen und der Altar haben ein bisschen gelitten.» Mit der Aktion habe er protestiert gegen «die römisch-katholisch unterwanderte Justiz». Er habe in einer Notsituation gehandelt.

W., 57 Jahre alt, sagt: «Mir wurde alles weggenommen.» Er verlor sein Haus, die Behörden trennten ihn von seinem Sohn. Er erhielt einen Fürsorgerischen Freiheitsentzug. «Mir wurde erklärt, was das ist, aber ich konnte nichts dazu sagen», erzählt er. Als ihm ein Gerichtsschreiber ein Dokument in die Hand drückte, schlug er diesem ins Gesicht und stürmte die Treppe hinunter. Dort traf er auf den Richter, der ihn in den Schwitzkasten genommen habe. So kam es zum Biss. «Es war eine Befreiungsaktion», sagt Kuno W.

Andres Zaugg und Kuno W. sagen: «Wichtig ist, was jeweils vor dem Donnergrollen geschehen ist.» Beide waren danach im Gefängnis, beiden wurde die Verwahrung angedroht, aber nicht angeordnet.

Kuno W. mit einer Schoggi-Pistole.

Kuno W. mit einer Schoggi-Pistole.

Kuno W. sieht sich heute als Kontrollinstanz, der dem Staat auf die Finger schaut. Er besucht die meisten Regierungssitzungen, die in Solothurn öffentlich sind. Der Staat und er haben inzwischen einen Umgang miteinander gefunden.

Kuno W. hat die Handynummer von Staatsschreiber Andreas Eng und meldet sich bei ihm jeweils, bevor er im Rathaus auftaucht. Manchmal tauschen sie sich per SMS über Probleme aus. Eng sagt: «Ich nehme ihn ernst wie jeden anderen Bürger auch.» Seither ist es in Solothurn ein bisschen ruhiger geworden.

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