Bundesbahnen

FDP-Nationalrat Thierry Burkart im Interview: «Die SBB haben ein Sicherheitsproblem»

Thierry Burkart (FDP/AG).

Thierry Burkart (FDP/AG).

Der Aargauer Verkehrspolitiker Thierry Burkart ortet bei den SBB systemische Probleme auf Stufe Management. Er bemängelt, Probleme würden zwar bekämpft, aber zu wenig in den Gesamtkontext gestellt.

Bei den SBB läuft zurzeit vieles nicht so, wie es sollte. Wo orten Sie als Verkehrspolitiker das Hauptproblem?

Thierry Burkart: Ich bin selber viel im Zug unterwegs und muss feststellen: Das Angebot der SBB ist qualitativ schlechter geworden.

Können Sie Beispiele machen?

Ich meine zum Beispiel die mangelnde Pünktlichkeit auf den Hauptverkehrsachsen und die Praxis, im Fahrplan vorgesehene Stationen auszulassen, um Verspätungen aufzuholen. Das ist unhaltbar. Auch die Qualität in den Wagen selber nimmt aufgrund der extrem hohen Passagierbelegungen ab. Der tragische Fall des tödlich verunglückten Zugbegleiters in Baden zeigt: Die SBB haben auch ein Sicherheitsproblem.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der SBB-Führung?

Mir fällt auf, dass man sich der auftretenden Probleme zwar annimmt, diese aber zu wenig in den Gesamtkontext stellt. Die Probleme im Bereich Qualität haben meist übergeordnete Ursachen, um die sich die Konzernführung zu wenig kümmert. Hier braucht es Verbesserungen, sonst geht das Vertrauen in den öffentlichen Verkehr verloren.

Welche übergeordneten Probleme meinen Sie?

Ich meine damit, dass man nicht bei jedem Negativereignis von einem Einzelfall sprechen kann. Im aktuellen Fall ist ein Kundenbegleiter von einer Zugtüre eingeklemmt und mitgeschleift worden. Jetzt stellt sich heraus, dass von 1000 kontrollierten Wagentüren bei 20 der Einklemmschutz nicht funktioniert. Offensichtlich besteht ein technisches Problem, das man erst jetzt entdeckt hat. Die Sicherheit muss im Vordergrund stehen.

SBB-Konzernchef Andreas Meyer ist schon seit 13 Jahren CEO. Wäre es Zeit für einen Wechsel an der Spitze?

Ich will nicht auf eine einzelne Person abzielen. Aber wer Führungsverantwortung in einem solch grossen Unternehmen hat, muss sich immer der kritischen Prüfung des Eigners aussetzen.

Macht Meyer seinen Job gut?

Ich will nicht über einzelne Personen sprechen. Ganz offensichtlich bestehen qualitative Mängel und Sicherheitsprobleme. Beides hat sich in den vergangenen Monaten verschlechtert. Es sind keine Einzelfälle, sondern systemische Probleme auf Stufe Management.

Im Volksmund sagt man: Der Fisch stinkt vom Kopf.

Das ganze Management ist in der Pflicht, Strategien für eine Verbesserung der Lage aufzuzeigen.

Die SBB befinden sich zu 100 Prozent in Besitz der Eidgenossenschaft. Wie gut nehmen der Bundesrat und das Bundesamt für Verkehr ihre Aufsichtsfunktion wahr?

Ich habe den Eindruck, das BAV ist in den letzten Jahren gegenüber den SBB kritischer geworden. Früher mangelte es an Distanz.

Der öffentliche Verkehr in der Schweiz wächst und wächst. Sind die aktuellen Probleme auch Ausdruck davon, dass das System an seine Grenzen gelangt?

Das ist eine berechtigte Frage. Wir haben ein sehr engmaschiges ÖV-System. Allerdings ist gerade der Bahnverkehr für das Funktionieren unseres Landes sehr wichtig. Wir haben einen hohen Standard. Dafür müssen wir auch die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen. Es wird in der Tendenz teurer.

Welches sind die grössten Kostentreiber?

Das Bevölkerungswachstum, der zunehmende Wohlstand und der technologische Fortschritt. Das Bundesamt für Raumplanung prognostiziert für die nächsten Jahrzehnte eine Verkehrszunahme von 20 Prozent auf den Strassen und 50 Prozent auf der Schiene. Darauf müssen wir unsere Systeme ausrichten, und das ist anspruchsvoll.

Stichwort Eisenbahn: In welchen Regionen und auf welchen Strecken könnte man redimensionieren?

Es gibt verschiedene Strecken, bei denen man sich fragen kann, in welcher Dichte sie befahren werden müssen, oder ob man sie durch Busverbindungen ersetzen könnte. Die Bevölkerung will aber ein umfassendes ÖV-System.

Ist der öffentliche Verkehr in der Schweiz immer noch Weltspitze?

Auf den Hauptverkehrsachsen im Ausland – etwa in Italien oder Frankreich – findet man mittlerweile eine hohe Qualität vor, die der Schweiz nicht nachsteht. Als jemand, der im Ausland oft Zug fährt – ich war gerade in Norddeutschland – muss ich sagen: Die SBB sind nicht einfach überall besser.

Meistgesehen

Artboard 1