Frau Schutzbach, wie steht es heute um die Frauen in der Schweiz?

Franziska Schutzbach: Die Frage ist schwierig zu beantworten, weil es nicht «die Frau» gibt. Es gibt Migrantinnen und Schweizerinnen oder Akademikerinnen und Fabrikarbeiterinnen – sie alle haben unterschiedliche Anliegen. Was man sagen kann: Obwohl wir ein Gleichstellungsgesetz haben, das festhält, dass Frau und Mann gleichwertig sind, werden Frauen immer noch als das zweitrangige Geschlecht behandelt. Sie erfahren weniger Wertschätzung und gelten als weniger kompetent.

Woran machen Sie das fest?

An der Rollenverteilung zum Beispiel. 80 Prozent der Hausarbeit und der Kinderbetreuung übernehmen Frauen – obwohl sie berufstätig sind. Das ist unbezahlte Arbeit. Und für den gleichen Job erhalten sie rund 8 Prozent weniger Lohn als die Männer. Sicher hat heute eine Frau mehr Möglichkeiten als vor 30 Jahren und es gibt mehr erfolgreiche weibliche Berufsleute als früher. Doch dass einige wenige durchstarten, heisst nicht, dass Frauen gesamtgesellschaftlich gleichgestellt sind. Dafür fehlt ihnen die Macht. In den Entscheidungsgremien sind die Männer noch immer deutlich in der Überzahl.

Tag der Frau: «Gerade jetzt gibt es einiges, über das wir uns ärgern können!»

Tag der Frau: «Gerade jetzt gibt es einiges, über das wir uns ärgern können!»

In den Verwaltungsräten ist der Frauenanteil mit 17 Prozent fast halb so gross wie in Schweden oder England. Warum hinken wir so hinterher?

Die Schweiz lag in Gleichstellungsfragen immer schon weit zurück. Kein Land in Europa hat die weibliche Hälfte seiner Bevölkerung so lange nicht mitreden lassen. Das späte Frauenstimmrecht hat dazu geführt, dass wichtige politische Entscheide aus reiner Männersicht gefällt wurden. Die Debatten zur Gleichstellung setzten erst viel später ein als anderswo. Das haben wir nie aufgeholt.

Inwiefern?

Jeder Bauer, jede Kuh hat im mehrheitlich bürgerlichen Parlament eine grössere Lobby als die Frauen zusammen. Frauenanliegen werden oft mit dem Argument hintangestellt, sie schadeten der Wirtschaftsfreiheit. Geht es um Wirtschaftsregulierungen zugunsten der Landwirtschaft, hört man das nie.

Frauen bleiben in Schweizer Chefetagen Exotinnen

Frauen bleiben in Schweizer Chefetagen Exotinnen

Der jährliche Schilling-Report zeigt, dass die Gleichstellungsziele für Geschäftsleitungen von Schweizer Unternehmen noch immer in weiter Ferne sind. 

Ist die Politik Frauen gegenüber ignorant?

Die Schweiz hat die UNO-Frauenrechtskonvention verabschiedet. Sie hat sich also verpflichtet, gegen Diskriminierung vorzugehen. Sie wurde aber dafür gerügt, dass sie das Abkommen schlecht umsetzt. Das hat auch damit zu tun, dass die Schweiz keine nationale Gleichstellungspolitik hat. Viele Bereiche sind den einzelnen Kantonen überlassen. Wenn dann in den kantonalen Parlamenten eine bürgerliche Mehrheit sitzt, wird eine Gleichstellungsstelle mit dem Vorwand von Sparmassnamen einfach aufgehoben. Wie im Kanton Aargau.

Stehen nicht auch die Frauen in der Pflicht, etwas zu ändern?

Sie müssen selbstbewusster werden, ganz klar. Allerdings braucht es dafür ein Problembewusstsein. Sie müssen realisieren, dass sie nicht gleich behandelt werden. Dafür braucht es Bildung. In den Schulen lernen wir nichts über die Geschlechtergeschichte. Kaum jemand weiss, wie das Frauenstimmrecht zustande gekommen ist. Dabei sind die Bibliotheken voller Bücher zur Frauenbewegung. Bloss interessiert das niemanden.

Hierzulande sind 50 000 Frauen trotz Studium Hausfrauen. Was läuft falsch?

Hausfrauenbashing finde ich falsch. Die Berufsperspektiven sind für viele Frauen nicht rosig. Als Mutter und Hausfrau ist das anders. Da bekommt eine Frau Macht und Einfluss, sie verfügt über einen ganzen Bereich. Sie erfährt eine Aufwertung, weil sie plötzlich wichtig ist für die Familie. Dass sich eine Frau dafür entscheidet, kann ich nachvollziehen.

Die #MeToo-Debatte wäre eine Gelegenheit gewesen, zu protestieren. Doch bei uns blieb es im Vergleich zu anderen Ländern still. Warum?

In der Schweiz ist Konformität wichtig. Man muss sich anpassen können, einen Konsens finden. Die Schweizerinnen sind deshalb weniger aufmüpfig als andere Frauen. #MeToo ist eine konfrontative Debatte, bei der es ums Anklagen geht, die Bereitschaft, einen Konflikt einzugehen und auszutragen. Das passt nicht zu uns. Und dann lief ja ein Jahr zuvor bereits die #SchweizerAufschrei-Aktion, bei der es um Sexismus ging. Vielleicht mochten sich viele nicht erneut engagieren.

Was hat #MeToo hierzulande bewirkt?

Die Frauen wissen jetzt, was sexuelle Belästigung und Gewalt ist. Dass Übergriffe nicht normal sind. Sie wissen auch, dass sie diese nicht hinnehmen müssen. Meine Hoffnung ist, dass dieses Bewusstsein weitergetragen wird. Dass die nachfolgenden Generationen von Frauen mehr für sich einstehen werden, als wir das tun. Das ist aber ein Prozess, der durch den Hashtag erst angestossen wurde.