Fortpflanzungsmedizin
Längst überfällig oder ethisch bedenklich? Legalisierung der Eizellenspende ist im Nationalrat umstritten

Am Donnerstag berät der Nationalrat, ob die Eizellenspende auch in der Schweiz erlaubt werden soll. Mit Ausnahme von Deutschland können bereits heute in allen westeuropäischen Ländern ungewollt kinderlose Paare ihren Kinderwunsch so erfüllen. Doch in der Schweiz tut sich die Politik schwer mit der Legalisierung.

Chiara Stäheli
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Ungefähr jedes sechste Paar in der Schweiz ist ungewollt kinderlos.

Ungefähr jedes sechste Paar in der Schweiz ist ungewollt kinderlos.

Symbolbild: Fotolia

Sollen Schweizer Ehepaare, die aufgrund der Unfruchtbarkeit der Frau keine Kinder zeugen können, das Recht auf eine Schwangerschaft mit Eizellen einer Spenderin erhalten? Diese Frage diskutiert der Nationalrat am Donnerstag. Bis anhin scheiterten Versuche von links-grüner Seite, die Eizellenspende hierzulande zu legalisieren.

Nun nimmt die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur einen neuen Anlauf. In einer Motion fordert die Kommission den Bundesrat dazu auf, «die gesetzlichen Grundlagen und Rahmenbedingungen für die Eizellenspende» zu schaffen. Mit der Legalisierung der Eizellenspende will die Kommission die heute bestehende Ungleichbehandlung von Mann und Frau beheben.

2019 reisten etwa 400 Frauen für eine Eizellenspende ins Ausland

Dass diese existiert, ist augenscheinlich: Während in der Schweiz die Samenspende seit über 20 Jahren im Fortpflanzungsmedizingesetz geregelt und erlaubt ist, bleibt die Eizellenspende verboten. Liegt also die Unfruchtbarkeit beim Mann, kann ein Schweizer Paar mit Hilfe der Samenspende ein Kind zeugen. Ist allerdings die Frau unfruchtbar, ist die Keimzellenspende hierzulande keine Option.

So funktioniert die Eizellenspende

Bei einer Eizellspende spendet eine Frau freiwillig eine oder mehrere ihrer Eizellen an die Wunschmutter. Vorgängig werden die Zyklen der beiden Frauen mit einer Hormontherapie aufeinander abgestimmt. Sind die Eizellen reif, werden sie der Spenderin – meist unter Narkose – entnommen. Anschliessend werden sie mit den Spermien des Partners künstlich befruchtet und in die Gebärmutter der Patientin eingeführt. Die Erfolgsquote der Eizellspende liegt bei sofortigem Transfer der Eizellen bei etwa 50 Prozent. Werden die Eizellen nach der Entnahme tiefgefroren und später wieder aufgetaut, liegt die Erfolgsquote etwas tiefer.

Aus diesem Grund reisen viele Schweizerinnen zur Eizellenspende ins Ausland. Besonders beliebt sind Länder wie Spanien, Tschechien und Italien. Dort ist das Verfahren – wie in allen westeuropäischen Ländern mit Ausnahme von Deutschland – seit Jahren erlaubt. Eine Studie, die im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit verfasst und vor einem Jahr veröffentlicht wurde, zeigt, wie oft Schweizerinnen solche Reisen zur Erfüllung des Kinderwunsches in Angriff nehmen.

Im Jahr 2019 reisten über 400 Paare für eine Eizellenspende ins Ausland. Die Autorinnen der Studie gehen aufgrund der mangelnden Datenlage von einer hohen Dunkelziffer aus. Diese Zahlen seien deshalb lediglich als «eine Annäherung an das quantitative Ausmass der reproduktiven Mobilität» zu verstehen.

«Regelung verstösst gegen Bundesverfassung»

Eine, die sich seit Jahren für die Legalisierung der Eizellenspende einsetzt, ist Katja Christ. Die Basler GLP-Nationalrätin will, dass «Frauen und Männern der Zugang zur medizinisch unterstützten Fortpflanzung in gleichem Masse offen steht». Die aktuelle Regelung verstosse gleich in zwei Punkten gegen die Bundesverfassung: «Einerseits widerspricht das Verbot der persönlichen Freiheit, andererseits missachtet es das Gleichstellungsprinzip», so Christ. Zudem sei bereits mit der Annahme des Fortpflanzungsmedizingesetzes vor zwei Jahrzehnten der ethische Grundsatzentscheid gefällt worden: «Damals hat die Stimmbevölkerung unter anderem beschlossen, die Samenspende zuzulassen und damit einen Eingriff in den natürlichen Prozess zu erlauben», sagt Christ, deren Fraktion am Donnerstag wohl einstimmig für die Eizellenspende stimmen wird.

Auch die Freisinnigen stehen geschlossen hinter der Legalisierung. Die Diskriminierung von Frauen, die aufgrund von Unfruchtbarkeit ihren Kinderwunsch nicht erfüllen könnten, müsse korrigiert werden, heisst es auf Anfrage. Ähnlich argumentieren die Grünen. Auch sie befürworten die Legalisierung.

Konflikte in der Pubertät?

Anders tönt es von Seiten der SVP: Es gebe kein Recht auf Kinder, der «grenzenlose Egoismus der Erwachsenen» schade dem Kindeswohl, so Nationalrätin Verena Herzog. Sie ist überzeugt: «Wenn Kinder von einer Mutter geboren werden, mit welcher sie genetisch nicht verwandt sind, ist das Konfliktpotenzial spätestens in der Pubertät programmiert.» Aus diesen Gründen werde ihre Partei die Legalisierung «grossmehrheitlich» ablehnen.

In der Mitte gebe es unterschiedliche Meinungen in dieser «sehr persönlichen» Frage, wie Fraktionspräsident Philipp Matthias Bregy sagt: «Unsere Fraktion lehnt die Legalisierung mehrheitlich ab. Eine Minderheit wird sich im Rat allerdings für den Vorstoss einsetzen.» Auch bei der SP werde es «keine Einigkeit» geben, weil bei diesem Thema «ethisch-moralische Überlegungen im Vordergrund stehen», teilt Nationalrat Matthias Aebischer auf Anfrage mit:

«Die SP ist grossmehrheitlich der Meinung, dass diese Frage angegangen werden muss.»

Da das Parlament bei der gesetzlichen Verankerung der Eizellenspende schon mehrfach gescheitert sei, müsse nun der Bund den Lead übernehmen.