Verschüttet

Gefährliche Signale: Haben sich die Lawinenwarner in Crans-Montana verkalkuliert?

Die Lawine verschüttete in Crans-Montana eine Piste. Ein Mann kam ums Leben.

In Crans-Montana ist die schwarze Piste Kandahar wieder offen. Wo letzte Woche ein gewaltiger Strom aus nassem Schnee Skifahrer auf einer geöffneten Piste unter sich begrub – ein Pistenpatrouilleur starb später im Spital –, machen Wintersportler wieder ihre Schwünge.

Bevor der Sicherheitschef des Skigebiets die Piste öffnete, musste er das Lawinenbulletin des Schnee- und Lawinenforschungsinstituts SLF in Davos konsultieren. Für jeden Wintertag gibt das SLF zwei Bulletins heraus. Eines am Vorabend um 17 Uhr und eines frühmorgens um 8 Uhr, um auf allfällige Veränderungen über Nacht zu reagieren. Steigt die Gefahr im Tagesverlauf wesentlich an, geben die Forscher pro Bulletin eigens eine Einschätzung für den Nachmittag ab. Recherchen dieser Zeitung zeigen nun: Die Lawinenwarner in Davos sandten in den Tagen um den Unglückstag, dem Dienstag 19. Februar, widersprüchliche Signale nach Crans-Montana aus.

Schweigeminute für Lawinenopfer von Crans-Montana

Schweigeminute für Lawinenopfer von Crans-Montana (21. Februar 2019)

Zwei Tage nach dem Lawinenunglück in Crans-Montana VS haben im Skigebiet zahlreiche Menschen um 14.23 Uhr mit einer Schweigeminute des Opfers gedacht. Genau zu dieser Zeit hatte sich das Unglück ereignet, das einen Pistenpatrouilleur das Leben kostete.

Erstens warnte das SLF für Montagnachmittag, dem Tag vor dem Unglück, in der Region vor einer erheblichen Lawinengefahr. "Erheblich" bedeutet Stufe 3 von 5. Das SLF spricht auch von einer "kritischen Lawinensituation". Zu den meisten tödlichen Lawinenunfällen kommt es an Tagen mit dieser Lawinenwarnstufe. Am Montagabend dann stufte das SLF die Gefahr für den Dienstagnachmittag auf Stufe "mässig" zurück. "Mässig" bedeutet zweitgeringste Lawinengefahr und aus Sicht der Experten eine "mehrheitlich günstige Situation". An jenem Nachmittag gegen halb 3 Uhr verschüttete die Lawine Teile der Piste in Crans-Montana – kurz bevor der Pistenchef sie schliessen wollte, wie CH Media berichtete.

Zweitens vollzogen die Forscher des SLF ein Hin und Her bei ihrer Wortwahl, das stutzig macht. Vom Sonntag auf den Montag, einen Tag vor dem Unglück also, rückte das SLF davon ab, explizit auf die Gefahr von Gleitschneelawinen hinzuweisen. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass eine solche Gleitschneelawine die Piste in Crans-Montana verschüttet habe, erklärte das SLF jedoch gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA nur wenige Stunden nach der Katastrophe. Im Bulletin für den Unglücks-Dienstag aber stach die Warnung vor "nassen Lawinen im Tagesverlauf" ins Auge. Erst im Bulletin von Dienstag 17 Uhr, also kurz nach dem Unglück im Wallis, rückten die Lawinenprognostiker plötzlich wieder das Wort "Gleitschneelawine" in den Vordergrund und warnten für den kommenden Tag vor solchen Ereignissen.

Fischmäuler künden Unheil an

Die beiden Lawinenarten unterscheiden sich beträchtlich: Während eine Nassschneelawine auf einer schwachen Schneeschicht abrutscht, gleitet bei einer Gleitschneelawine die gesamte Schneeschicht auf dem glatten Untergrund zu Tal, zum Beispiel auf Felsplatten oder flachgedrücktem Gras. Ausgelöst werden Gleitschneelawinen etwa wegen des warmen Bodens oder wegen des Schmelzwassers, das die gesamte Schneeschicht tränkt.

Typische Anzeichen für Gleitschneelawinen sind sogenannte Fischmäuler. Spalten, die sich wegen der langsam abrutschenden Schneedecke bis zum Boden aufgetan haben. Im Unterschied zu Nassschneelawinen können Gleitschneelawinen nicht durch Schneesportler ausgelöst werden. Gleitschneelawinen können spontan zu jeder Tages- und Nachtzeit abrutschen, schreibt das SLF. Das macht sie zur besonders unberechenbaren Gefahr für die Pistenchefs der Skigebiete.

Warum aber warnte das SLF für den Unglückstag ausdrücklich vor Nassschneerutschen, in den Tagen zuvor und danach aber vor Gleitschneelawinen? Alles nur ein Zufall? Oder unterlief den Lawinenprognostikern etwa ein Fehler und wurde ihnen durch das Unglück in Crans-Montana bewusst, dass die grössere Gefahr eben doch von Gleitschneelawinen ausging?

Nein, sagt SLF-Lawinenprognostiker Thomas Stucki. Vom Unglück in Crans-Montana habe das SLF erst via Medien vernommen. Zu dem Zeitpunkt sei das Lawinenbulletin für Mittwoch bereits fertig gewesen. "Wir hatten bereits im Lawinenbulletin von 8 Uhr morgens vor Nass- und Gleitschneelawinen gewarnt – und dass besonders Gleitschneeschneelawinen gross werden können."

Weitere Angaben zu den Bulletins im fraglichen Zeitraum kann Stucki mit Hinweis auf das laufende Untersuchungsverfahrens der Walliser Staatsanwaltschaft nicht machen. Diese gab dem SLF den Auftrag, einen Expertenbericht zu verfassen. Das Bulletin mit der expliziten Warnung vor Gleitschneelawinen ging um 17 Uhr raus, die Meldung, in der das SLF gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA aus der Ferne eine Gleitschneelawine diagnostiziert, stammt von 18.23 Uhr. Diese Abfolge ist zwar kein Beweis für die Argumentation des SLF, spricht aber auch nicht dagegen.

Crans-Montana lässt Piste bis zum Nachmittag offen

Weshalb die SLF-Forscher zum Schluss gekommen sind, am Tag des Unglücks die Gefahr durch Nassschneelawinen höher zu gewichten als jene vor Gleitschneelawinen, ist beim SLF nicht in Erfahrung zu bringen. Bestätigt sieht sich jedoch der Walliser Hotellier und Bergführer Art Furrer. Gegenüber CH Media kritisierte er vorige Woche, das SLF in Davos habe die Situation falsch eingeschätzt. "Davos hätte bloss zum Fenster rausschauen müssen", schreibt er nun in einer Antwort auf eine E-Mail dieser Zeitung.

Doch hätten die Bergbahnen in Crans-Montana die Kandahar-Piste an jenem verhängnisvollen Dienstag früher geschlossen, wenn das Bulletin die Gefahr vor Gleitschneelawinen herausgehoben hätte? In den vergangenen Tagen jedenfalls warnte das SLF wiederum prominent vor der Gefahr durch Gleitschneelawinen. Und die Piste Kandahar? Sie blieb jeweils bis 15 Uhr offen.

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