Gilles Marchand
Nach den Belästigungsvorwürfen: Der Oberste SRG-Chef rettet sich knapp

Gilles Marchand hat Belästigungsvorwürfe gegen
einen Kadermitarbeiter des Westschweizer Fernsehens
nicht genügend abklären lassen. Dieser Fehler sei aber nicht schlimm, hält eine Untersuchung fest. Darum darf
Marchand im Amt bleiben. Das überzeugt nicht alle.

Francesco Benini
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Gilles Marchand äusserte sich zu den Belästigungsvorwürfen.

Gilles Marchand äusserte sich zu den Belästigungsvorwürfen.

Peter Schneider / KEYSTONE

Der Chefredaktor der Fernsehnachrichten und der Leiter der Personalabteilung des Westschweizer Fernsehens (RTS) treten ab. Gilles Marchand bleibt SRG-Generaldirektor. Das hat der Verwaltungsrat der Radio- und Fernsehgesellschaft am Freitag in einer Medienkonferenz bekannt gegeben. Thema waren die Fälle von sexueller Belästigung und Mobbing bei RTS.

Die Fälle publik gemacht hatte die Zeitung «Le Temps» Ende Oktober 2020. Die Vorwürfe richteten sich vor allem gegen drei RTS-Mitarbeiter, unter ihnen der bekannte Moderator Darius Rochebin. Er arbeitet seit dem Sommer 2020 in Frankreich; sein neuer Arbeitgeber suspendierte ihn, als die Vorwürfe publik wurden.

Der Bericht über die Mehrzahl der Beschwerden folgt erst noch

Die externe Untersuchung, die der SRG-Verwaltungsrat in Auftrag gegeben hat, entlastet nun Rochebin. Keine der Zeugenaussagen liess «den Schluss zu, dass es zu Handlungen sexueller und psychischer Belästigung, Angriffen auf die Persönlichkeit oder Straftaten gekommen sei», betont der Sender RTS. Rochebin hatte die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestritten und eine Klage gegen «Le Temps» eingereicht.

Anders sieht es im Fall eines Kadermitarbeiters und eines Redaktors aus. In beiden Fällen kamen die Gutachter zum Schluss, dass die Handlungen als Belästigungen zu qualifizieren seien. Der Redaktor erhielt eine formelle Rüge; der Kadermitarbeiter, von den Westschweizer Medien «Robert» genannt, war im Herbst 2020 freigestellt worden und kehrt nun nicht mehr zu RTS zurück.

Im Fall Robert machte Gilles Marchand einen Fehler. Er war Direktor des Westschweizer Fernsehens von 2001 bis 2017 und stieg dann an die Spitze der SRG auf. Marchand gab 2014 ein externes Gutachten über den Fall Robert in Auftrag, beschränkte den Zeitraum der Untersuchung aber auf nur zwei Jahre. Somit blieb eine Reihe von Zeugenaussagen unbeachtet. Robert wurden vor allem Übertretungen in der Zeit vor dem Jahr 2012 vorgeworfen, als er noch keine Kaderposition besetzt hatte.

Im Untersuchungsbericht ist hier von einem «Managementdefizit» die Rede. Der damalige RTS-Direktor Marchand habe seine «sekundäre Aufsichtsverantwortung» zu wenig wahrgenommen. Nach Einschätzung der Gutachter stellt dies aber keinen gravierenden Fehler dar. Marchand entschuldigte sich am Freitag, und der SRG-Verwaltungsrat sprach ihm das Vertrauen aus.

Ab sofort herrscht «Nulltoleranzpolitik»

Bei der Genfer Anwaltskanzlei, welche die Untersuchung führt, machten 230 Angestellte von RTS eine Aussage. Nur 43 bezogen sich dabei auf die drei erwähnten Fälle. Die anderen 187 sprachen über weitere Vorkommnisse. Der Bericht dazu soll im kommenden Juni vorliegen. Die Anwaltskanzlei hält aber fest, dass keine der Aussagen eine eigene Untersuchung rechtfertige.

SRG-Präsident Jean-Michel Cina sagte am Freitag, dass in allen Unternehmenseinheiten ab sofort eine «Nulltoleranzpolitik» in Bezug auf sexuelle Belästigungen herrsche. Die SRG stellt einen Ombudsmann an, der sich Beschwerden aus der Belegschaft annimmt. Die Kadermitarbeiter werden künftig in Schulungen auf den richtigen Umgang mit Belästigungen sensibilisiert. Der Sender RTS hat Ende vergangenen Jahres eine Charta «für ein antisexistisches und geschlechtergerechtes öffentliches Medienhaus» veröffentlicht.

Simonetta Sommaruga bezeichnete die Belästigungen als «inakzeptabel», forderte aber keinen Rücktritt.

Simonetta Sommaruga bezeichnete die Belästigungen als «inakzeptabel», forderte aber keinen Rücktritt.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Medienministerin Simonetta Sommaruga bezeichnete es in einer Stellungnahme als «inakzeptabel», dass Mitarbeitende des Westschweizer Fernsehens belästigt worden seien. Die SRG habe eine Vorbildfunktion; es gehöre zur Verantwortung der Unternehmensleitung, sexuelle Belästigungen zu verhindern und Meldungen zu entsprechenden Vorfällen ernst zu nehmen und abzuklären.

Sommaruga sah aber davon ab, auf die Ablösung des SRG-Direktors zu drängen. «Die SRG ist ein privater Verein; die Regelung von personalrechtlichen Fragen liegt daher in der alleinigen Kompetenz der SRG», schreibt die Bundesrätin. Trotzdem ist es klar: Hätte Sommaruga klargemacht, dass sie einen Wechsel an der Spitze der SRG für angezeigt erachtet, hätte Marchand am Freitag seinen Rücktritt bekannt gegeben.

Die Mediengewerkschaft findet, dass Marchand abtreten solle

Kühl fällt die Reaktion der Mediengewerkschaft SSM aus. Sie sieht die Rolle des SRG-Direktors «weiterhin als problematisch», wie sie in einer Reaktion festhält. 2014 hatte die Gewerkschaft Marchand über den Fall Robert ins Bild gesetzt – Marchand habe aber «nicht adäquat gehandelt». Nach Bekanntwerden der Vorfälle habe er erklärt, dass er nichts gewusst habe. «Dies hat zu einem Vertrauensbruch beim Personal der SRG geführt», so der Vorwurf der Gewerkschaft an den Generaldirektor.

Der Verwaltungsrat der SRG ist trotzdem überzeugt, dass Marchand die richtige Person ist, um den geforderten Wandel in der Betriebskultur herbeizuführen. Auch beim öffentlichen Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz sind Meldungen über Belästigungen und Verletzungen der persönlichen Integrität eingegangen; der Bericht soll in zwei Monaten vorliegen. Beim Schweizer Radio und Fernsehen hingegen ist es ruhig geblieben – es gab keine Häufung von Beschwerden, die sich auf Respektlosigkeiten gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bezogen.