Manchmal läuft Balthasar Glättli im Nationalratssaal drei Schritte nach hinten. Dann diskutiert der Fraktionschef der Grünen Umweltthemen mit Tiana Angelina Moser. Oder die Fraktionschefin der GLP kommt ans Pult von Glättli. «Mit der GLP sprechen wir uns punktuell und sehr informell ab», sagt Glättli. «Damit man uns in Umweltfragen nicht gegeneinander ausspielen kann.»

In Sachen Umwelt haben Grüne und Grünliberale, die beiden Parteien mit dem Begriff «grün» im Namen, einen ganz klaren Berührungspunkt, wie es Glättli formuliert. Das sieht auch Jürg Grossen so. «In den Zielen unserer Umweltpolitik sind wir weitgehend deckungsgleich», sagt der GLP-Präsident. «Wir wollen der nächsten Generation keine Schulden überwälzen.»

Dann hat es sich aber mit den Gemeinsamkeiten der Parteien, die bei den Wahlen 2019 am stärksten von den Klimastreiks der Jugend profitieren könnten. Das SRG-Wahlbarometer prophezeite den Grünen im Februar einen Anstieg des Wähleranteils von 7,1 auf 9,4 Prozent (+2,4 Prozent) und den Grünliberalen von 4,6 auf 6,4 Prozent (+1,8). Grüne und GLP kämen zusammen auf 15,9 Prozent und wären fast gleich gross wie die FDP (16,4 Prozent).

Rund 1000 Schüler protestieren in Aarau und Baden für mehr Klimaschutz

Rund 1000 Schüler protestieren in Aarau und Baden für mehr Klimaschutz

Den beiden Klimastreiks in Aarau und Baden schlossen sich diesmal auch Politiker an – die jungen Organisatoren der Demonstration wollen mit ihrer Hilfe erreichen, dass der Grosse Rat im Mai für den Kanton Aargau den Klimanotstand ausruft.

Soziale Vision versus Markt

Unterschiedlich ist vor allem das Narrativ. Die Grünen gehen in ihrem Versprechen an die Wähler davon aus, dass der Ausstieg aus den fossilen Energien zu einem grundlegenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel führt. «Dieser Ausstieg bietet die Chance, dass die Wirtschaft künftig für den Menschen da ist und nicht mehr der Mensch für die Wirtschaft», sagt Glättli. «Die Gewinne im Welthandel werden gerechter verteilt und bleiben nicht mehr wenigen vorbehalten.» Die Grünen legen den Fokus bei der Umweltfrage auf die soziale Gerechtigkeit, im eigenen Land wie auch global.

Das Narrativ der GLP hört sich nüchterner an. «Wir haben ein hohes Vertrauen in den Markt», sagt Grossen. «Wir wollen unsere Umweltziele mit der Wirtschaft erreichen, nicht gegen sie.» Im Vordergrund stünden lustvolle Ansätze für den Wandel. «Elektroautos, gespeist mit Solarstrom vom eigenen Hausdach, sollen neuer State of The Art werden», sagt Grossen. «Wir stellen die modernsten Forderungen auf. Im Verkehr zum Beispiel machen wir
uns für intelligente Verkehrsleitsysteme und selbstfahrende Fahrzeuge stark statt für immer mehr Beton.»

Die Grünen wollten ihre Ziele eher mit Verboten erreichen, analysiert der GLP-Präsident. Sie seien skeptisch gegenüber dem Markt, setzten sich für einen bevormundenden Staat ein. Der Grünen-Fraktionschef seinerseits sieht die GLP als Partei, die sagt: «Umweltschutz tut gar nicht weh. Anreize sorgen dafür, dass sich der kreative Kapitalismus in die nächste Phase rettet.»

Der Smartspider von Smartvote zeigt die Unterschiede zwischen GLP und Grünen exemplarisch auf, am Beispiel des Kantons Bern bei den Nationalratswahlen 2015. Die Kurve der Grünen beginnt beim ausgebauten Umweltschutz mit 95 Prozent und geht schneckenförmig zurück auf 85 Prozent beim ausgebauten Sozialstaat, 30 Prozent bei der restriktiven Finanzpolitik, 20 Prozent bei Law & Order und 5 Prozent bei der restriktiven Migrationspolitik.

Die GLP liegt beim ausgebauten Umweltschutz bei hohen 80 Prozent. Anders als die Grünen setzt sie aber stark auf eine liberale Wirtschaftspolitik und eine restriktive Finanz- und Migrationspolitik.

Die Grünliberalen entwickeln sich mit ihrem offenen Politlabor GLP-Lab immer stärker in Richtung Mitmach-Partei. Und die Grünen versuchen, ihre Wählerbasis über Netzwerke zur Medienpolitik, zu Netzpolitik und zu Frauen in der Partei auszuweiten.

Gleichzeitig wollen die Jungen Grünen Jugendliche aus der Klimastreik-Bewegung, der Bewegung der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) und der veganen Bewegung gewinnen.

Zum Bruch war es 2004 gekommen. Als Glättli anstelle von Martin Bäumle zum Präsidenten der Zürcher Grünen gewählt wurde, gründete dieser die GLP des Kantons Zürich. 2007 entstand die nationale GLP, die heute 19 Kantonalsektionen umfasst. Inzwischen haben sich die Beziehungen längst normalisiert. «Dank den beiden Parteien spricht man mehr von der Umwelt», sagt Glättli. «Mit einer Fusion würden wir fünf Prozent verlieren.»

Die Zusammenarbeit geht kaum über die Umwelt hinaus. Eine Bundesrats-Kandidatur in Form einer GrünenKoalition ist vom Tisch. «Ein gemeinsamer Sitzanspruch mit einer anderen Partei nur wegen eines gemeinsamen Themas kommt nicht infrage», sagt Grossen.

Glättli sagt: «Das Wahlgremium macht eine solche Operation kaum mit.» Sollten die Grünen nach den Wahlen über 10 Prozent und vor der CVP liegen, wollen sie angreifen. Kandidatinnen mit Exekutiverfahrungen hätten sie. Etwa Präsidentin Regula Rytz. Oder Ex-Regierungsrätin Susanne Hochuli.