Der Zürcher Oberstaatsanwalt Andreas Brunner gab der Ärztin Erika Preisig vor acht Jahren einen Rat. Sie solle sich aus der Suizidhilfe heraushalten. Denn sie sei zu jung und zu weit von der Pensionierung entfernt. Solche Aktivitäten solle sie Ärzten überlassen, die über sechzig Jahre alt seien. Dann sei es nicht so tragisch, wenn einem die Praxisbewilligung entzogen würde.

Damals war Preisig 53 Jahre alt und als Konsiliarärztin für die Freitodorganisation Dignitas tätig. In der Zwischenzeit hat sie die drittgrösste Freitodorganisation der Schweiz aufgebaut, Eternal Spirit, und sich einen Namen als international präsente Aktivistin gemacht. Und mit 61 Jahren ist nun eingetroffen, wovor Brunner teilweise gewarnt hat: Preisig wurde verurteilt.

Das Baselbieter Strafgericht hat sie wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das Heilmittelgesetz und das kantonale Gesundheitsgesetz für schuldig erklärt und zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten verurteilt. Die Strafe ist bedingt. Preisig müsste also nur ins Gefängnis, wenn sie rückfällig würde.

In der vierjährigen Bewährungsfrist verhängt das Gericht zudem ein Tätigkeitsverbot: Preisig darf in dieser Zeit kein Sterbemittel mehr für Personen verschreiben, die in den Krankenakten eine psychische Störung oder eine Verhaltensstörung aufweisen.

Das Urteil ist für Preisig aus zwei Gründen ein Problem. Erstens haben viele todkranke Patienten gerade wegen des bevorstehenden Lebensendes psychische Probleme. Preisig wird deshalb einige Patienten ablehnen müssen. Zweitens ist ihr Renommee beschädigt. Ab jetzt wird sie die Sterbehelferin sein, die gegen das Gesetz verstossen hat. Das Urteil ist allerdings nicht rechtskräftig. Ihr Verteidiger hat Berufung angekündigt.

Die Geschichte einer verzweifelten Seniorin

Darum geht es im Fall konkret: Vor drei Jahren suchte eine 66-jährige Patientin Hilfe bei Preisig. Sie litt an undefinierbaren Schmerzen, mit denen sie nicht mehr leben wollte. Die Ärzte fanden keine eindeutige körperliche Ursache und nahmen deshalb an, die Krankheit sei psychisch bedingt.

Die Patientin stufte den Kampf als hoffnungslos ein und wollte sterben. Zuerst versuchte sie es mit Exit, der grössten Freitodorganisation der Schweiz. Exit hat strenge Richtlinien: Menschen mit psychischen Krankheiten werden nur in den Tod begleitet, wenn ein Spezialist die Urteilsfähigkeit begutachtet. Ein Psychiater oder ein Neurologe muss also bestätigen, dass die Patienten einen rationalen Entscheid gefällt haben. Bei der 66-Jährigen fehlte ein Gutachten. Exit machte nicht mit.

Preisig entschied, den Sterbewunsch dennoch zu erfüllen. Aus ihrer Sicht genügte es, dass sie selber und ein Zweitarzt die Urteilsfähigkeit bestätigten. Nach einem Psychiater suchte sie nicht, da sie zuvor eine grundsätzliche Absage von führenden Fachleuten erhalten hatte.

Die Staatsanwaltschaft warf Preisig gestützt auf ein psychiatrisches Gutachten vor, eine urteilsunfähige Person in den Tod begleitet zu haben. Sie klagte die Ärztin wegen vorsätzlicher Tötung an, was eine Mindeststrafe von fünf Jahren Gefängnis bedeutet. Die Staatsanwältin räumte allerdings selber ein, dass diese Strafe zu hart wäre.

Die Ärztin zeige eine Gleichgültigkeit im Umgang mit dem Sterbemittel

Das Gericht hat sich nun für einen Mittelweg entschieden. Es spricht Preisig vom Tötungsvorwurf frei und verurteilt sie nur im Nebenpunkt. Es wirft ihr vor, das Rezept für das Sterbemittel ausgestellt zu haben, ohne den Gesundheitszustand der Patientin zu kennen. Der Gerichtspräsident sagt, dies wäre schon nur strafbar, wenn ein Patient wegen des falschen Medikaments eine Woche Durchfall erhalten würde. Umso gravierender sei das Vorgehen, wenn es sich um ein letales Medikament handle. Als Ärztin zeige sie eine «nicht nachvollziehbare und nicht akzeptable Gleichgültigkeit» im Umgang mit dem Sterbemittel. Er habe zudem gewisse Zweifel, dass sie sich durch das Urteil beeindrucken werden lasse.

Der Gerichtspräsident wählt harte Worte für die Begründung eines relativ milden Urteils. Damit zeigt er Preisig die Grenzen auf. Das Gericht habe zwischen Grundwerten abgewogen. Nur Nuancen hätten den Ausschlag für den Freispruch gegeben.

Exit begrüsst das Urteil in einer Stellungnahme. Eine Gefängnisstrafe wäre zu hart gewesen, findet der Verein. Er lobt vor allem, dass das Gericht die Patientenautonomie wertschätzt.