Verschwendung

Helfen höhere Preise, dass weniger Lebensmittel weggeschmissen werden?

Bis zu 40 Prozent der Nahrungsmittel gehen ausserdem auf dem Weg vom Feld in den Laden verloren – jetzt stehen höhere Preise für Lebensmittel zur Debatte. Ist das hilfreich?

Die Schweizer feiern sich gerne als Meister des Recyclings. In manchen Bereichen funktioniert die Wiederverwertung von Abfallprodukten auch sehr gut. Glas wird beispielsweise zu 96 Prozent rezykliert. Auch Altpapier und Karton entsorgt die Bevölkerung zu 97 Prozent separat. Und bei den PET-Flaschen kommen jeweils vier von fünf in die Recycling-Box.

Doch trotz der Sammel- und Trennwut der Schweizer ortet das Bundesamt für Umwelt (Bafu) Handlungsbedarf. Gestern veröffentlichte es die «Erhebung der Kehrichtzusammensetzung 2012» und hält mit der Studie der Schweizer Gesellschaft den Spiegel vor: Mit 694 Kilogramm pro Person und Jahr produziert die Bevölkerung mehr Abfall als andere europäische Staaten. Immerhin wird etwa die Hälfte davon wiederverwertet; der Rest wird verbrannt.

Mehr Grünabfälle im Kehricht

Um zu diesen Ergebnissen zu kommen, hat das Bafu 500 Kilogramm Hauskehricht aus 33 repräsentativ ausgewählten Gemeinden sortiert, gewogen, registriert und auf die Bevölkerung hochgerechnet. Die Untersuchung ergibt, dass viele Stoffe im Abfall landen, die eigentlich nicht dort hingehören, wie Batterien oder Elektroschrott. Mengenmässig bilden diese einen kleinen Anteil.

Ganz im Gegensatz zur Grünabfuhr: Rund ein Drittel aller Haushaltsabfälle sind biogen. Garten- und Rüstabfälle wie Fruchtschalen oder Käserinden machen knapp die Hälfte davon aus. Die andere Hälfte, also 15 Prozent des Haushaltsabfalls, sind Lebensmittel, die eigentlich noch geniessbar sind. Umgerechnet auf Kopf und Tag landen 320 Gramm Fleisch, Brot und Gemüse, die eigentlich zum Verzehr geeignet wären, im Abfall.

Im Vergleich zur Kehrichterhebung vor zehn Jahren hat der Anteil biogener Abfälle von 27 auf 32 Prozent zugenommen, wie Bafu-Chef Bruno Oberle gestern an der Pressekonferenz sagte. Und die Menge der weggeworfenen Lebensmittel sei noch grösser, wenn man den gesamten Verarbeitungsprozess betrachte, so Oberle.

Denn längst nicht alles, was die Schweiz produziere und verarbeite, werde auch gegessen. «Bis zu 40 Prozent der Nahrungsmittel gehen auf dem Weg vom Feld in den Magen verloren.» Verluste passieren bei der Ernte, der Lagerung, der Verarbeitung und im Vertrieb – doch am meisten Essen geht zu Hause beim Konsumenten verloren.

Oberle führt das auf den Wohlstand des Landes zurück. «Die Konjunktur läuft gut, die Menschen leisten sich mehr – auch beim Essen.» So werfe man ein Brot, das nicht mehr so knusprig sei, weg und kaufe stattdessen ein neues. Denn Lebensmittel seien in der Schweiz verhältnismässig billig. «Zum Beispiel im Vergleich zu den Ausgaben für Versicherungen geben wir wenig Geld fürs Essen aus», sagt Oberle.

Massnahmen sind schwierig

Politisch ist das Problem erkannt. Was gegen die Verschwendung von Essen unternommen werden soll, diskutieren derzeit vier Bundesämter gemeinsam. Massnahmen abzuleiten sei nicht einfach, sagte Oberle. «Der Entscheid, was gegessen und was weggeworfen wird, passiert am Küchentisch. Das ist etwas Privates.» Er persönlich setze deshalb auf Information und Sensibilisierung, um der Bevölkerung einen sorgfältigeren Umgang mit dem Essen zu lehren. Zur Diskussion stünden aber auch höhere Preise für Lebensmittel – zumal Menschen auf Zusatzkosten reagierten, wie die Einführung der Sackgebühr gezeigt habe.

Weitere Ansatzpunkte liefert der Aktionsplan Grüne Wirtschaft, der ursprünglich von einer Initiative der Grünen Partei in Gang gesetzt und vor bald einem Jahr vom Bundesrat verabschiedet wurde. Dabei geht es grundsätzlich darum, Rohstoffe effizienter zu nutzen und möglichst im Stoffkreislauf zu halten. Das heisst: immer wieder neu zu verwerten. Bruno Oberle spricht von der Vision, dass dereinst jedes einzelne Abfallprodukt recycelt werde, also kein Abfall mehr verbrannt werden soll. Zunächst gilt es aber, die Ergebnisse der Projektgruppe der Bundesämter abzuwarten.

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