Hesse über Leuenberger: «Er hat einen direkten Draht zur Kulturszene»

Regisseur Volker Hesse über Moritz Leuenberger, der ihn bei der Verleihung des Hans-Reinhart-Rings gewürdigt hat...

Merken
Drucken
Teilen
Hesse

Hesse

Keystone

Marco Guetg

Herr Hesse, haben Sie Moritz Leuenberger zuerst als Politiker oder als Kulturinteressierten wahrgenommen?

Volker Hesse: Es wäre schrecklich, wenn sich die Bereiche Politik und Kulturinteresse ausschliessen würden. Moritz Leuenberger bewegt sich in beiden Bereichen und ist auch in beiden Bereichen ernst zu nehmen.

Wenn Sie Moritz Leuenberger mit all seinen Interessen und Fähigkeiten einordnen müssten, wo sähen Sie ihn eher: bei der Classe politique oder im Kulturkuchen?

Hesse: Er gehört zur Classe politique, hat aber einen ungewöhnlich lebendigen und direkten Draht zur Kulturszene. Diese Mischung ist selten und kostbar.

Wie haben Sie Moritz Leuenberger bei der Diskussion über einen Theaterabend erlebt: eher als Kulturkonsumenten oder als Analytiker?

Hesse: Seine Kunsturteile waren geprägt von analytischer Kompetenz. Ich erinnere mich an Reaktionen auf Theaterabende, in denen er Kunstverständnis, aber auch die Erfahrung des hoch geforderten, politischen Analytikers zusammenbrachte.

Und wie waren die persönlichen Begegnungen?

Hesse: Nun, Moritz Leuenberger wirkt oft distanziert, zuweilen sogar abwesend. Aus dieser Haltung kann er aber plötzlich ins Lebhafte und Dialogische ausbrechen und dann merkt man, dass er unter seiner zurückhaltenden Maske viel gearbeitet hat.

Moritz Leuenberger hielt viel beachtete Reden und war immer auch für Laudationen zu gewinnen - erst gerade im Juni dieses Jahres, als Sie den Reinhart-Ring 2010 erhielten. Viele hatten das Gefühl, Moritz Leuenberger gefalle sich in der Rolle des politischen Hofnarren.

Hesse: Das hat wohl mit seinem Stil zu tun. Moritz Leuenberger kann eine funkelnde Ironie entwickeln, in Gesprächen wie in öffentlichen Reden. Die Ironie ist wohl seine Methode, die Widersprüche und Frustrationen eines solchen Amtes zu bewältigen. Ich habe ihn auch in Situationen erlebt, wo ein beträchtlicher Teil der Anwesenden seiner Ironie nicht zu folgen vermochte. Andererseits habe ich ihm immer abgenommen, dass er bestimmte soziale und umweltpolitische Themen im Innersten konsequent verfolgt hat. Leuenberger ist kein Zyniker. Für mich ist er vielmehr ein Sozialdemokrat im guten Sinne. Ihn beschäftigen immer auch die Leiden jener Menschen, die sich im Verliererbereich der Gesellschaft bewegen.

Eine seiner jüngsten Kulturhandlungen ist ein Auftrag an Sie: Sie werden das kulturelle Rahmenprogramm beim Gotthard-Durchstich gestalten. Was erwartet uns da?

Hesse: Details darf ich noch nicht ausplaudern. Es sind Kunstakzente geplant, die über die übliche Folklore oder Firmendarstellungen hinausführen. Nur so viel - und das hat wiederum etwas mit der Haltung von Bundesrat Leuenberger zu tun. Ihm war bei der Umsetzung eine Frage wichtig: Wie kann man die Leistung der einzelnen Arbeiter zeigen? Wie kann man zeigen, wie die Menschen auch gelitten haben, um dieses Bauwerk hinzukriegen?

Sie werden das mit den Mitteln des Theaters und der Literatur und weniger mit bildender Kunst tun. Richtig?

Hesse: Nein, nicht richtig!

Zur Person

Volker Hesse (66) lebt seit vielen Jahren als freier Regisseur in Zürich. Von 1993 bis 1999 leitete er zusammen mit Stephan Müller äusserst erfolgreich das Neumarkttheater in Zürich. Bekannt geworden ist er auch durch seine Inszenierungen des «Einsiedler Welttheaters» (2000 und 2007) und als Regisseur der «Tellspiele» Altdorf (2008). Diesen Juni erhielt Hesse den renommierten Hans-Reinhart-Ring. (mz)