82,5 Milliarden Franken: So hoch waren im Jahr 2017 die Gesundheitsausgaben in der Schweiz. 477.90 Franken: So viel kostet gemäss Berechnungen des Bundesamtes für Gesundheit aktuell die durchschnittliche Standardprämie für Erwachsene. Yvette Estermann, Ärztin und SVP-Nationalrätin, will das notorische Kostenwachstum nun mit einer radikalen Volksinitiative eindämmen. Demnach soll künftig jeder Mensch das Recht haben, «Art und Umfang der Versicherung frei zu bestimmen». Und der Bund solle verschiedene Versicherungsmodelle akzeptieren. So lautet der Initiativtext, der am Dienstag im Bundesblatt publiziert wurde.

Hinter dem Anliegen steckt keine Partei, sondern Einzelpersonen. Im Initiativkomitee sitzen unter anderem der Impfkritiker Daniel Trappitsch, der Zürcher Kantonsrat Urs Hans (Grüne) und Theres Schöni vom Gesundheitsnetzwerk Freiamt. Estermann, das Aushängeschild des Komitees, kann sich sogar vorstellen, mit dem relativ offen formulierten Text das Terrain für die Abschaffung des Krankenversicherungsobligatoriums zu ebnen. Sie selber wäre dafür, ausser bei Kindern. Revolutionär sei ihr Vorschlag nicht. Schliesslich gelte der Versicherungszwang in der Schweiz erst seit 1996.

Eine mögliche Umsetzung für das Volksbegehren hat Estermann bereits formuliert. Im März reichte sie eine Motion mit dem Titel «Krankenkasse light» ein. Darin fordert sie den Bundesrat auf, die nötigen Schritte einzuleiten, damit sich Personen mit einem stark eingeschränkten Leistungskatalog versichern können. Vor allem der Mittelstand leide unter der wachsenden Prämienlast. Viele Versicherte wüssten aber genau, dass sie den umfangreichen Leistungskatalog in der Grundversicherung nie benötigen würden. Estermann ist überzeugt: Mit einer günstigeren Prämie würden sie auch weniger Leistungen akzeptieren. Nicht betroffen davon soll die Behandlung von schweren, akuten Krankheiten wie Herzinfarkt oder Lungenembolie sein. Estermann könnte sich aber vorstellen, dass Menschen bewusst auf Organtransplantationen oder Krebstherapien mit schweren Nebenwirkungen verzichten.

Urs Hans betreibt in der Zürcher Gemeinde Turbenthal einen Biobauernhof. Bei seinen Tieren setzt er voll auf Homöopathie. Auch bei den Menschen bevorzugt er alternative Medizin, das System sei in der Schweiz zu stark auf die Interessen der Pharmaindustrie ausgerichtet. Geht es nach Hans, könnten die Menschen dank der Initiative zum Beispiel ein Modell wählen, mit dem sie ausschliesslich für die Behandlung mit alternativen Methoden versichert wären. Das Versicherungsobligatorium stellt er indes nicht in Frage. Auch lebensnotwendige Behandlungen sollen weiterhin solidarisch finanziert werden.

Warnung vor Zweiklassenmedizin

Theres Schöni, die treibende Kraft hinter dem Volksbegehren, ist zuversichtlich, dass das Initiativkomitee bis zum Ablauf der Sammelfrist am 2. Januar 2021 die nötigen 100'000 Unterschriften erreichen. Sie spüre bei der Bevölkerung viel Unterstützung für das Anliegen, sagt sie. An skeptischen Stimmen wird es indes auch nicht mangeln. Für den Solothurner CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt, Kampagnenleiter der Kostenbremseinitiative seiner Partei, bedeutet eine «Krankenkasse light» einen Schritt in Richtung Zweiklassenmedizin. Aus dem gleichen Grund empfiehlt auch der Bundesrat Estermanns entsprechenden Vorschlag zur Ablehnung. Und er fragt sich, wer die Kosten tragen müsse, wenn jemand mit einem reduzierten Angebot wegen schwerer Krankheit doch wieder auf den vollen Leistungskatalog zurückgreifen müsste.