Schweiz

«Ich habe auf Facebook den Frust gepostet» – wie Journalistin Anne-Sophie Keller von der Coronakrise getroffen wurde

Manchmal haben Soziale Netzwerke grosse Vorteile – so auch im Fall von Journalistin Anne-Sophie Keller.

Manchmal haben Soziale Netzwerke grosse Vorteile – so auch im Fall von Journalistin Anne-Sophie Keller.

Aufgrund der Coronakrise fiel ein grosses Projekt der Journalistin Anne-Sophie Keller ins Wasser. Ihr grosses Netzwerk und ein Facebook-Post konnten sie aber auffangen.

Anne-Sophie Keller, Journalistin, 30

Vor Corona war mein Leben perfekt. Ich hatte viel Freiheit, ging auf Reisen, lief den Jakobsweg – und dachte, ich mache ihn zu Ende. Doch dann erreichte die Krise auch Galicien und ich musste die letzten 70 Kilometer meines Wegs abbrechen. Am 1. April hätte ich mit einem Dokumentarfilm anfangen sollen, einem grossen Projekt, bei dem ich die Redaktion und Recherche gemacht hätte.

Der Auftrag hätte sicher ein halbes Jahr gedauert, für mich war die 50-Prozent-Stelle eine finanzielle Basis. Daneben wollte ich als Freelancerin weiterarbeiten. Doch sechs Tage vor Start des Projekts kam die Absage vom Sender. Jetzt einen Dokfilm zu machen mit internationalen Reisen ging schlicht nicht. Also fiel alles ins Wasser. Das hat mich zuerst sehr beschäftigt. Es kamen Ängste hoch. So viel Zeit, plötzlich, und kein Anker mehr. Doch ich habe ein grosses Netzwerk, viele Kontakte. Ich habe auf Facebook meinen Frust darüber gepostet, dass der Dokfilm ins Wasser fiel. 16 Minuten nach Absenden des Posts erhielt ich per Messenger ein neues Jobangebot. Ich bin nun bis Ende Jahr bei einem Magazin festangestellt und habe dort mein Pensum aufgestockt. Das gibt mir Halt und eine Struktur. Und ich habe wieder ein Team, was so viel wert ist!

Ich denke aber auch gerne an die Zeit im März zurück. Klar, es herrschte eine grosse Unsicherheit. Aber es eröffneten sich neue Möglichkeiten: Ich hatte plötzlich so viel Zeit. Also ging ich Einkaufen für Nachbarn, habe Leute für Jobs vermittelt oder auch Kinder gehütet – teils unentgeltlich, teils gegen einen Zustupf.

Ich habe mich kurzfristig komplett umorientiert, war nicht mehr länger die Journalistin, sondern einfach ein Teil der Gesellschaft. Das war schön. Ich war eingebunden in die Nachbarschaft, wir haben uns Briefe geschrieben, ein Kollege hat mir den Laptop geflickt. Ich konnte älteren Menschen helfen und vor allem auch Frauen unterstützen, die von der Coronakrise stark betroffen waren. Das hat mir viel gegeben.

Meistgesehen

Artboard 1