Tami Weissenberg heisst eigentlich gar nicht Tami Weissenberg. Das Pseudonym hat sich der Thüringer zugelegt, als er im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlichte, in dem er über jahrelange Misshandlungen durch seine Freundin spricht. Nun schützt er auf diese Weise sich selbst – und nicht zuletzt die Frau, die ihm physische und psychische Schmerzen bereitet hat. «Sie tut mir leid, denn sie ist offensichtlich krank», begründet der 37-Jährige.

Leid tat ihm Susanne (Name geändert) schon, als er sie mit Anfang 20 auf einem Online-Portal kennen lernte. Bereits während des ersten Treffens behauptete sie theatralisch, in einer Beziehung zu stecken, in der sie viel Gewalt erleide. Weissenberg glaubte ihr die Story und tröstete sie, fühlte sich als Beschützer. Er tat alles, um ihre Wünsche zu erfüllen und sie zufriedenzustellen – vor allem materiell. Schmuck, Kleidung, Luxusferien: Susanne hatte nie genug. Bekam sie nicht, was sie sich wünschte, weinte sie. «Ich war beziehungsunerfahren und dachte, das sei normal», erinnert sich Weissenberg. Der Haussegen war abhängig von seiner Zahlungskraft.

Jede Kleinigkeit brachte sie in Rage

Der junge Mann begab sich immer stärker in die Abhängigkeit von Susanne. Sie drängte ihn, bei sich einzuziehen, und verlangte, seine Möbel zu entsorgen oder zu verkaufen, da bei ihr ja schon alles vorhanden war. Weissenberg sagt:

Von der Kleidung bis zum Parfum, alles hatte er nach ihrem Gusto zu ersetzen. Das Szenario mündete schliesslich in einem gemeinsamen Konto, auf das die Gehälter der beiden Gutverdiener flossen. Praktisch, fand Susanne. Mit einem Haken für Weissenberg: Nur sie besass eine Karte. Brauchte er etwas, bekam er ein paar Euro Taschengeld.

Susannes Wünsche wurden immer mehr. Autos mussten her, ein Anbau am Haus, eine Umgestaltung des Gartens. Zufrieden war sie nur, wenn Nachbarn, Bekannte und Freunde staunten. Nur genügte das Geld bald nicht mehr – und so hatte Weissenberg mit anzupacken. Es muss zu dieser Zeit gewesen sein, als Susanne merkte, dass Gewalt ihren Partner zu Höchstleistungen antreiben kann.

Zum ersten Mal handgreiflich wurde sie auf einem Wochenendtrip. Die Unterkunft entsprach nicht ihren Vorstellungen, war ein «Drecksloch». Das teilte sie denn auch dem Hotelier mit. Weil sich Weissenberg schämte, verliess er die Rezeption. Susanne ging ihm nach, schrie ihn unentwegt an, beleidigte ihn und schlug ihn ins Gesicht.

Er wartete, bis der Ausbruch vorbei war

Von diesem Zeitpunkt an brachte sie jede Kleinigkeit so sehr in Rage, dass sie ihren Partner dauernd drangsalierte. Die falschen Blumen, Verspätung, zu heisses Wetter: Alles war Grund genug. Sie prügelte auf ihn ein, schubste ihn sogar die Kellertreppe runter, wobei er sich ein Bein brach. Anstatt auszuholen, kauerte sich Weissenberg am Boden zusammen und wartete, bis der Ausbruch vorbei war. Weissenberg sagt:

Eine Methode, die er perfektioniert habe.

Weissenberg entschuldigte Susannes Ausbrüche als Kurzschlussreaktionen. Natürlich hätte er sich wehren können – doch eine Frau schlägt man nicht. Und er hätte zur Polizei gehen können – doch einem Mann glaubt man nicht. Das dachte zumindest Weissenberg. Einmal kam seine Freundin auf ihn zu, öffnete den Bademantel und begann, ihren Körper unter Schreien blutig zu kratzen. Dann zog sie ein Aufnahmegerät aus der Bademanteltasche. Die Drohung hielt Weissenberg von der Flucht ab. Ganze sieben Jahre lang.

Eine Woche lang im Auto geschlafen

Die Wende kam eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit. Von Halsweh geplagt telefonierte er mit Susanne, die ihn auf Schritt und Tritt kontrollierte. Er überlegte, wie es ihm gelingen könnte, unbemerkt zur Apotheke zu fahren und Halspastillen zu holen. Dabei wurde ihm bewusst, dass er als erwachsener Mann nicht mehr fähig war, auch nur die kleinste Entscheidung selbst zu treffen. Weissenberg hängte auf und entschloss sich, zu fliehen. Mit nichts als einem Wagen und dem, was er am Leibe trug. Eine Woche lang schlief er im Auto auf einer Raststätte. Er eröffnete ein eigenes Konto, nahm sich nach dem ersten Lohn ein Hotel, nach ein paar Monaten eine eigene Wohnung.

Der Autor ist heute Gründer und Betreiber von zwei Männerschutzwohnungen. Insgesamt gibt es sechs davon in Deutschland. In ihnen finden Männer, die unter häuslicher Gewalt leiden, Unterschlupf. Wie verbreitet das Problem sei, zeige die sehr hohe Nachfrage der Angebote. «Männer schämen sich aber immer noch dafür, sich als Opfer zu outen», sagt Weissenberg. Auch er schämte sich, bis er seine Geschichte öffentlich machte. Angezeigt hat er Susanne trotz des neu gefassten Mutes bis heute nicht.