Tupolew
«Ich hätte Angst, mit einer Tupolew zu fliegen»

War die Unglücksmaschine zu alt? Nein, aber der Pilot der Unglücks-Tupolew habe grobfahrlässig gehandelt, sagt Max Ungert, Chefredaktor der Fachzeitschrift «Cockpit». Denn bei Nebel dürfe man nicht einfach einen neuen Anflugversuch machen.

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Tupolew Tu-154

Tupolew Tu-154

Keystone

Philipp Mäder

Der Pilot der Unglücksmaschine hatte versucht, trotz dichtem Nebel in Smolensk zu landen. Ist das zu verantworten?

Ungricht: Nein, das ist grobfahrlässig. Denn der dortige Flugplatz hat kein Instrumenten-Landesystem. Und es gab offenbar Nebel bis zum Boden. Für eine Sicht-Landung muss der Pilot aber bereits 600 Meter über dem Boden die Piste sehen.

Tupolew Tu-154 - eine Unglücksmaschine?

Laut Aviation Safety Network gab es weltweit 66 Flugzeugunglücke mit Maschinen des Typs Tupolew-154, davon sechs in den vergangenen fünf Jahren. Der in Europa bekannteste Fall ist der Zusammenstoss einer Tupolew von Bashkirian Airlines mit einer Frachtmaschine des Paketdienstes DHL im Jahr 2002 in Überlingen am Bodensee. Dabei kamen alle 69 Insassen ums Leben.

Auch 1997 gab es einen folgenschweren Zusammenstoss. Dabei kollidierte eine Tu-154 der deutschen Luftwaffe über dem Südatlantik mit einer US-Transportmaschine vom Typ C-141 Starlifter. Grund war ein Fehler des Bundeswehr-Piloten. Bei dem Unglück kamen alle 24 Menschen an Bord der Tupolew und neun in der US-Maschine ums Leben. Die meisten verunglückten Maschinen in den vergangenen Jahren waren aber osteuropäische und iranische. Die russische Luftfahrtgesellschaft Aeroflot hat kürzlich ihre TU-154-Flotte ausser Dienst gestellt.

Der Pilot versuchte vor dem Absturz drei Mal vergeblich, die Maschine auf den Boden zu bringen. Ist das erlaubt?

Ungricht: Ja, ich habe selbst schon drei Landeversuche erlebt. Ein guter Pilot startet durch, wenn es Turbulenzen gibt oder die Maschine zu hoch fliegt. Nur ein schlechter Pilot zwingt die Maschine auf Teufel komm raus auf den Boden. Bei dichtem Nebel allerdings kann man nicht einfach einen neuen Versuch wagen, sondern muss auf einen anderen Flughafen ausweichen.

War der Druck auf den Piloten zu gross, weil die Trauerfeier in Katyn unmittelbar bevorstand?

Ungricht: Der Entscheid, auf einen anderen Flughafen auszuweichen, liegt immer beim Piloten. Aber dieser stand sicher unter einem enormen Druck - zumal nicht nur der Präsident, sondern mit dem Generalstabschef auch ein hoher Vorgesetzter des Militärpiloten an Bord war.

Hat sich der Pilot überschätzt?

Ungricht: Vielleicht. Oder er meldete dem Präsidenten, auf einen anderen Flughafen ausweichen zu müssen. Doch dann kam aus der Kabine der Befehl, es noch einmal zu versuchen.

Die Maschine war eine 20 Jahre alte Tupolew 154. Ist dieset Typ besonders gefährlich?

Ungricht: Die Maschine an und für sich ist nicht gefährlich. Denn die Russen bauen robuste Flugzeuge - nur schon wegen der holprigen Landebahnen und der tiefen Temperaturen in Sibiren. Kürzlich bin ich mit einer Tupolew 154 der ungarischen Malev nach Tel Aviv geflogen: Die Maschine war tipptopp im Stand, ich hatte überhaupt keine Angst.

Warum stürzen dann immer wieder Tupolew ab?

Ungricht: Diese Maschinen sind auf dem Occasionsmarkt sehr günstig zu haben. Deshalb fliegen viele Drittweltländer mit Tupolew. Und diese Länder warten die Maschinen oft schlecht. Auch die Piloten sind weniger gut ausgebildet. Deshalb stürzen etwa im Iran immer wieder Tupolew ab. Dort oder in Sibirien hätte ich Angst, mit einer Tupolew zu fliegen.