Interview

Impfbeginn und sinkender Zahlen sei Dank: Oberste Schweizer Intensivmedizinerin sieht einen «Silberstreifen am Horizont»

Auf den Schweizer Intensivstationen hat sich die Situation zuletzt etwas entspannt.

Auf den Schweizer Intensivstationen hat sich die Situation zuletzt etwas entspannt.

Antje Heise, die Co-Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin, gibt sich mit Blick auf die Intensivstationen vorsichtig optimistisch. Weitere Verschärfungen fordert sie im Vorfeld der Bundesratssitzung nicht.

Frau Heise, seit einer Woche wird geimpft, die Zulassung des Moderna-Impfstoffes ist soeben erfolgt. Was heisst das für die Intensivstationen?

Wir sind zuversichtlich, dass die Impfungen Druck wegnehmen, und wir gehen davon aus, dass dies auch passieren wird – allerdings natürlich mit einer gewissen Verzögerung.

Wie sieht der typische Patient, der aktuell mit Covid-19 auf die Intensivstation kommt, aus?

Er ist zwischen 60 und 70 Jahre alt, ein so genannter Golden-Ager, oft noch sehr aktiv und rüstig. Zudem sind es zunehmend auch Menschen ohne schwere Vorerkrankungen. Generell sehen wir auch immer öfter jüngere Patienten mit schweren Verläufen.

Das heisst aber, dass die Impfungen auf den Intensivstationen vorderhand keine grosse Erleichterung bringen – zuerst sollen ja Leute über 75 und solche mit schweren Vorerkrankungen geimpft werden.

Die Impfungen werden uns dennoch helfen, weil sie einen breiteren Effekt entfalten werden. Die Herdenimmunität ist hier ein Stichwort. Dazu kommt: Wenn chronisch Kranke geimpft werden, schützt es sie vor einer schweren Infektion. Denn wenn sie an Covid-19 erkranken, müssen sie erfahrungsgemäss häufiger hospitalisiert werden und auch öfters auf die Intensivstation.

Generell hat sich die Lage anscheinend etwas beruhigt: Derzeit gibt es rund 30 Prozent freie Intensivbetten, der Anteil der Covid-19-Patienten liegt wieder bei unter 40 Prozent – das sind Werte, wie wir sie zuletzt Anfang November hatten.

Über das ganze Land gesehen ist in den letzten Tagen tatsächlich eine leichte Entspannung, ein Silberstreifen am Horizont erkennbar. Allerdings immer noch mit erheblichen regionalen Unterschieden was die Anzahl von Patienten auf den verschiedenen Intensivstationen betrifft.

Dann ist gar etwas Optimismus angebracht, wenn man die aktuellen Zahlen aus den Spitälern betrachtet und den Beginn der Impfkampagne dazu nimmt?

Ja, ich bin derzeit tatsächlich vorsichtig optimistisch. Noch vor zwei Wochen, zwischen Weihnachten und Neujahr, hätte ich das nicht so gesagt. Aber der Festtagseffekt, das können wir mittlerweile sagen, scheint nicht so schlimm, wie wir das befürchtet haben. Im Moment sieht es so aus, als ob sich die Situation etwas entspannt hätte. Aber das ist eben eine Momentaufnahme. Wie sich die Lage entwickelt, ist nur schwer abzuschätzen, gerade mit Blick auf die Virusmutationen.

Am Mittwoch entscheidet der Bundesrat, ob er weitere Massnahmen ergreift. Es geht um die Verlängerung des Gastro-Lockdowns, aber auch um neue Massnahmen wie Ladenschliessungen oder eine Homeoffice-Pflicht. Braucht es weitere Verschärfungen?

Die aktuell sinkenden Zahlen sprechen dafür, dass die zuletzt verschärften Massnahmen gewirkt haben, weshalb es wahrscheinlich Sinn macht, diese zu verlängern. Weitere Verschärfungen wären aufgrund der aktuellen Entwicklung wohl schwierig zu vermitteln. Es geht letztendlich immer auch darum, wie die Menschen die ergriffenen Massnahmen akzeptieren und sich verhalten.

Im November wurde regelmässig der Kollaps des Gesundheitswesens vorausgesagt, von Bundesvertretern, von der Taskforce, auch von Ihrer Fachgesellschaft. Zum Zusammenbruch ist es dann nie gekommen. Weshalb?

Einerseits haben unsere Warnungen ihre Wirkung gezeigt. Andererseits hat die vielerorts vorgenommene Verschiebung nicht dringender Eingriffe und Behandlungen massgeblich dazu beigetragen, eine schweizweite Überlastung der Intensivstationen zu verhindern. Zudem haben sich die Spitäler untereinander sehr geholfen, die Solidarität war unglaublich. Es gab immer wieder Intensivstationen, die an ihre Aufnahmegrenze kamen, aber sie konnten, oft auch dank der nationalen Koordinationsstelle mithilfe der Rega, diese Patienten in ein anderes Spital verlegen. Eine Triage war nie notwendig. Somit konnten die Patienten mit den erforderlichen Standards betreut werden, im Unterschied zu anderen Ländern. Das haben wir unserem hervorragenden Gesundheitssystem zu verdanken – und dem Personal, das sehr viel geleistet hat und noch leistet und entsprechend müde ist.

Waren die Warnungen Ende letztes Jahr übertrieben – oder waren sie genau richtig, weil sie den nötigen Effekt erzielt haben?

Mitte November war es sehr eng auf den Intensivstationen, das System am Anschlag, die zertifizierten Betten praktisch vollständig belegt durch kritisch kranken Patienten mit und ohne COVID-19. Zusätzlich haben die Modellberechnungen gezeigt, dass wir das Ruder herumreissen müssen. Das ist uns gelungen, auch dank der Kommunikation der offiziellen Stellen und unserer Fachgesellschaft. Diese ist stets eine Gratwanderung. Man muss aufpassen, dass man die Leute nicht müde macht, sie nicht abstumpfen. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, dass sachlich, aber auch deutlich informiert wird, bevor eine Situation eskaliert.

Autor

Dominic Wirth

Meistgesehen

Artboard 1