Impfgegner auf der Intensivstation
1,5 Millionen Views: Wie ein einziger Tweet Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel zum Twitter-Star machte

Davon können Schweizer Medien nur träumen: Die Mitte-Nationalrätin generierte mit einem Tweet 1012 Kommentare, 5042 Retweets und 19’752 Likes. Er zeigt, wie viele Medikamente Impfgegner auf der Intensivstation erhalten.

Othmar von Matt
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Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel zeigte in ihrem Tweet ein Bild des Kantonsspitals Baden. Es verdeutlicht, wie viel Medikamente ein Corona-Patient auf der Intensivstation benötigt.

Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel zeigte in ihrem Tweet ein Bild des Kantonsspitals Baden. Es verdeutlicht, wie viel Medikamente ein Corona-Patient auf der Intensivstation benötigt.

Bild: Severin Bigler/Kantonsspital Baden

Den Tweet, der grosse Wellen schlug im gesamten deutschsprachigen Raum, setzte Nationalrätin Ruth Humbel (Mitte) am Freitag um 14.19 Uhr ab. Er zeigt ein Bild des Kantonsspitals Baden. Auf einem Bett liegt alles, was es für eine Behandlung eines Corona-Patienten auf der Intensivstation (IPS) braucht.

Das sind bis zu zwanzig Medikamente - von Schlafmitteln über Schmerzmittel, Kreislaufmedikamente, antivirale Medikamente, Blutverdünner, Inhalativa, Cortisonpräparate, Antibiotika, Medikamente zur Muskelentspannung, Spurenelemente, Flüssignahrung und Abführmittel.

«Die Freiheit zu realem Irr-Sinn einer wohlstandsverwahrlosten Gesellschaft»

«Impfverweigerer wollen sich kein ‹Gift› spritzen lassen und reden von ihrer Freiheit», schreibt Ruth Humbel, auch Präsidentin der Gesundheitskommission des Nationalrats, im Tweet. «Bei einer schweren Erkrankung beanspruchen sie eine IPS-Behandlung mit all dem ‹Gift›, das auf dem Bild zu sehen ist.» Humbels Folgerung: «Die Freiheit zu realem Irr-Sinn einer wohlstandsverwahrlosten Gesellschaft.»

Die Härte des Bildes und die Klarheit von Humbels Text machten den Tweet zum weltweiten Renner. 1012 Kommentare, 5042 Retweets und 19'752 Likes hat er bis am Mittwoch generiert. 1,485 Millionen Menschen haben ihn sich angesehen. Und Humbels Followerzahl stieg von 2400 auf 3185.

SPD-Bundestagsabgeordneter Lauterbach schaltete sich ein

Dass er sich auch in Deutschland weit verbreitete, hat mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach zu tun. «Leider wahr: das hier erwartet die Ungeimpften, die Pech haben», schrieb der Mediziner, Gesundheitsökonom und Epidemiologe im Kommentar zu Humbels Tweet.

Lauterbach ist ein ausgewiesener Fachmann. Er wurde in Deutschland zum Gesicht der Corona-Pandemie und steht als neuer Gesundheitsminister zur Diskussion. Auch er selbst kam mit seinem Kommentar zu Humbels Tweet auf 863 Kommentare, 1729 Retweets und 11'753 Likes.

Böse Kommentare - neben viel Lob

Neben viel Lob erhielt Humbel auch bösartige Kommentare unter der Gürtellinie. Von «Pharmahure» und «entmenschlichter Faschistin» war die Rede. Humbel betont: «Ich habe keinerlei Beziehungen zur Pharma.»

Humbel ist aber gut vernetzt im Gesundheitsbereich. So ist sie Präsidentin der IG Seltene Krankheiten und erhält dafür 4000 Franken. Zudem ist sie Stiftungspräsidentin der Gesundheitsstiftung Radix, Mitglied des Forums Gesundheit Schweiz, Stiftungspräsidentin der Stiftung Vita Parcours und Verwaltungsrätin der Concordia Versicherungen.

Die IG seltene Krankheiten sei keine Pharma-Organisation, hält Humbel fest. Interpharma und die Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz (Vips) seien zwar zahlende Mitglieder, daneben gebe es aber viele weitere Akteure wie Spitäler und Patientenorganisationen.

«Totales Twitter-Greenhorn»

Humbel bezeichnet sich selbst als «totales Twitter-Greenhorn». Sie hat jeweils nur alle paar Tage einen Tweet abgesetzt oder etwas retweetet. Ihren bisherigen Like-Rekord stammt vom 24. Juni 2018. Sie verteidigte damals den Doppeladler von Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka nach dem 1:0-Sieg der Schweiz über Serbien an der Weltmeisterschaft in Russland. Dafür erhielt sie 109 Likes, elf Kommentare und zehn Retweets.

Der Erfolg hat Ruth Humbel die Bedeutung von Twitter vor Augen geführt. «Es wurde mir erst richtig bewusst, welch enorme Bedeutung der Nachrichtendienst für Wahlkämpfe hat», sagt sie. «Mit kurzen Botschaften kann eine enorme Breitenwirkung erzielt und der Bekanntheitsgrad gesteigert werden. Es braucht Zeit, kostet aber keinen Rappen.»

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