Entwicklung

Jobs, Gesundheit, Sicherheit: Hier sieht der Experte die grössten Schweizer Digitalisierungs-Probleme

Je grösser die Abhängigkeit von der digitalen Infrastruktur, desto wichtiger wird die Cybersicherheit. (EPA/S. Steinbach)

Je grösser die Abhängigkeit von der digitalen Infrastruktur, desto wichtiger wird die Cybersicherheit. (EPA/S. Steinbach)

Heute ist der dritte nationale Digitaltag, doch wo hat die Schweiz Nachholbedarf, und was kommt auf sie zu? Markus Christen von der Digital Society Initiative der Universität Zürich schaut in die Zukunft.

Markus Christen, Digital Society Initiative der Universität Zürich.

Markus Christen, Digital Society Initiative der Universität Zürich.

300 Talks an 12 Standorten, unter den Rednern mit Ueli Maurer, Guy Parmelin und Simonetta Sommaruga gleich drei Bundesräte: es geht heute in der ganzen Schweiz um die Digitalisierung. Anlass ist der dritte Digitaltag. Markus Christen sagt, vor welchen Herausforderungen die Schweiz steht. Christen ist Geschäftsführer der Digital Society Initiative der Universität Zürich. Dort wird über die Digitalisierung nachgedacht - und darüber, wie sie sich auswirkt auf verschiedene Bereiche unseres Lebens. Christen streicht vier Punkte heraus, die er als Baustellen für die Schweiz sieht.

Arbeitsmarkt: Die Arbeitnehmer fit halten

Wir kennen es alle, und auch die steigende Zahl der gestressten Arbeitnehmer unterstreicht es: die Digitalisierung hält uns ganz schön auf Trab, gerade am Arbeitsplatz. «Digitale Technik war schon immer schnelllebig, und dieses Tempo überträgt sich in die Arbeitswelt, je mehr sie in unsere Berufe einsickert», sagt Markus Christen. Er sieht die Schweiz vor der Herausforderung, die «berufliche Fitness» ihrer Arbeitskräfte zu erhalten.

Christen sieht Anzeichen dafür, dass dieser Handlungsbedarf erkannt ist - etwa die gesteigerte Bedeutung des Fachs Informatik im Lehrplan 21. In der beruflichen Weiterbildung, findet Christen, gibt es aber noch einiges zu tun. Insbesondere wünscht er sich koordiniertere Anstrengungen, um die Arbeitnehmer fit zu machen für den Arbeitsmarkt der Zukunft.

Gesundheit: Die Datenfülle sinnvoll nutzen

Die Digitalisierung bringt eine Fülle von Daten mit sich. Markus Christen sagt, dass das auch Gefahren birgt: etwa jene einer «digitalen Bevormundung», zum Beispiel im Gesundheitsbereich. Dort wird die Messbarkeit unseres Lebens dafür sorgen, dass viel mehr Möglichkeiten für gezielte Diagnosen und Therapien zur Verfügung stehen.

Doch die Datenflut wird laut Christen – in Kombination mit der Kostendebatte – auch noch einen anderen Effekt haben. Nämlich jenen, dass der Druck, sich gesundheitskonform zu verhalten, steigt. Das birgt für Christen die Gefahr, dass der individuelle Spielraum kleiner wird. «Die Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen, wie sie leben wollen. Je mehr ihre Gesundheit vermessen wird, desto stärker wird sich rechtfertigen müssen, wer ungesund lebt», sagt er.

Sicherheit: Die digitale Infrastruktur schützen

Je mehr Lebensbereiche von der Digitalisierung erfasst werden, desto grösser wird auch unsere Abhängigkeit von der digitalen Technik. Dazu kommt, dass wenige Firmen die Herstellung von Hardware, Software und den Betrieb von Plattformen dominieren. «Eine solche Monokultur ist anfälliger für Zwischenfälle und Angriffe», sagt Christen. Cybersicherheit ist deshalb für ihn ein Thema, das in Zukunft noch stark an Bedeutung gewinnen wird.

Das Risiko dabei ist aber, dass man sich auf die rein technischen Aspekte fokussiert. «Cybersicherheit wird aber vermehrt auch ethische, psychologische und rechtliche Aspekte berücksichtigen müssen», so Christen. So bestünden beispielsweise Spannungsfelder im Recht, weil etwa der Datenschutz eine effektive Verteidigung in bestimmten Fällen behindert und damit das Risiko für weit schlimmere Verletzungen der Privatsphäre steigt.

Politik: Die Demokratie digitalisieren

Wenn es um den Einfluss der digitalen Welt auf die Demokratie geht, stehen oft die Gefahren im Zentrum der Debatte, ein Stichwort sind Fake News. Markus Christen sagt, gerade die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie müsse sich vermehrt damit befassen, welche Chancen die Digitalisierung für politische Prozess mit sich bringt. «Es gibt viel Spielraum für Experimente», sagt Christen - und fügt an, dass es dabei nicht ausgerechnet um den sensibelsten Bereich, nämlich das Wählen oder Abstimmen, gehen soll.

Er schlägt vor, statt über das umstrittene E-Voting auch etwa darüber nachzudenken, Vernehmlassungen künftig digitaler durchzuführen und einem breiteren Publikum zu öffnen. Oder das Sammeln von Unterschriften via E-Collecting zu prüfen.

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Autor

Dominic Wirth

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