Basel
Kampf für Unabhängigkeit

Die Kinder benötigen im Spital mehr Betreuung durch das Pflegepersonal. Die Kinderspitäler befürchten, dass dieser Mehraufwand durch die neuen Fallpauschalen nicht gedeckt wird.

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Spital

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Aargauer Zeitung

ESTHER JUNDT

Die Einführung von Fallpauschalen (DRG) für die stationäre Behandlung in den Schweizer Spitälern wird von den unabhängigen Kinderspitälern mit grosser Sorge verfolgt. In Deutschland mussten alle universitären Kinderspitäler ihre Selbständigkeit aufgeben und wurden in Erwachsenenspitäler integriert, weil sie mit den DRG finanziell unter die Räder gekommen sind. Sie verzeichneten bis zu 25 Prozent weniger Ertrag. Der Grund dafür liegt bei den Personalkosten, die in einem Kinderspital viel höher ausfallen, weil Kinder eine intensivere Betreuung benötigen.

Die Fallpauschalen beschäftigen auch die Verantwortlichen des Universitätskinderspitals beider Basel (UKBB). «Wir sind seit bald 150 Jahren unabhängig und wollen die Selbständigkeit nun nicht aufgeben, weil wir als unabhängige Institution die Interessen und Bedürfnisse der Kinder besser durchsetzen können», sagte Conrad E. Müller, CEO des UKBB, zur bz. Gemäss seinen Angaben haben in allen Staaten die DRG zur Unterfinanzierung der Kindermedizin geführt. Der Grund dafür liegt darin, dass in diesen Ländern die Kosten der Erwachsenenmedizin auf die Kindermedizin übertragen wurden. Das ist zwar für die Berechnungen die einfachste Lösung, hält aber den Realitäten in den Kinderspitälern nicht stand.

In den Spitälern werden stationär vor allem Kinder unter drei Jahren und chronisch kranke behandelt, die eine intensivere Betreuung durch das Personal benötigen als Erwachsene. Laut Müller brauchen Kinderspitäler 20 bis 30 Prozent mehr Personal im Pflegebereich als andere Spitäler. Mehr Pflegeleute werden beispielsweise für Routine-Untersuchungen benötigt, weil Kinder öfters als Erwachsene narkotisiert werden müssen, damit die Untersuchung überhaupt durchgeführt werden kann. Diese zeitaufwändigen Untersuchungen werden durch die Pauschalen nicht gedeckt, weil vor allem die Gerätekosten berechnet werden.

Selbst wenn die Eltern dabei sind, benötigen die kleinen Patienten eine intensivere Betreuung durch medizinisches Personal. «Wir können die Kinder nicht einfach in ihren Betten liegen lassen», erklärt Müller. Kosten verursachten auch Lehrpersonen oder Spieltherapeuten. Personalintensiver ist die Kindermedizin auch deshalb, weil die Aufenthaltsdauer im Spital viel kürzer ist als bei Erwachsenen. Laut der «Charta für Kinder im Spital» müssen die kleinen Patienten so schnell wie möglich nach Hause entlassen werden. Diese kurze Aufenthaltsdauer müsste bei der Berechnung der Fallpauschale berücksichtigt werden, fordern die Kinderspitäler.

Die Argumente der Kinderspital-Verantwortlichen sind plausibel. Sie wollen verhindern, dass in der Schweiz die gleichen Fehler gemacht werden wie in Deutschland und Australien. Deshalb spannen die drei unabhängigen schweizerischen Kinderspitäler - das UKBB, das Kinderspital Zürich und das Kinderspital Ostschweiz - beim weiteren Vorgehen bezüglich der DRG zusammen. Deutsche Verhältnisse sollen verhindert werden. Es dürfe nicht sein, dass die Kindermedizin als kleine Gruppe im «grossen medizinischen Kuchen» untergeht, sagt Müller. «Das Ziel dieser Kinderspitäler ist es, eine schwarze Null zu schreiben», sagt Müller. Es dürfe nicht sein, dass Kindermedizin in Zukunft nur defizitär betrieben werden könne.

Simon Hölzer von Swiss DRG sagte auf Anfrage, die Sorgen der drei Kinderspitäler seien nicht unberechtigt. Das schweizerische System sehe jedoch Verbesserungen vor. Eine Altersdifferenzierung bei Kindern bestehe bereits. Er wies darauf hin, dass die Tarifpartner Leistungen aus dem Katalog herausnehmen können, die nach ihrer Meinung nicht über DRG vergütet werden sollen.

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