Bergsturz in Bondo

Katastrophe mit Ankündigung – Bewohner sind froh um massive Sicherheitsbauten

Nach dem verheerenden Bergsturz im Bündner Bergell sind die Bewohner des abgelegenen Val Bregaglia froh um die erst sechs Jahre alten massiven Sicherheitsbauten.

Kurz vor zehn Uhr morgens stauen sich am Dorfeingang von Promontogno die Autos. Nur eine Spur ist befahrbar. Es gibt Wartezeiten bis zu einer halben Stunde. Vor dem Hotel Bregaglia ist der Parkplatz voll. Nur wenige Meter entfernt bietet sich ein spektakuläres Bild: Eine gewaltige Schlammspur zieht sich dem Dorf entlang, die Erdmassen umspülen vier Häuser und begraben die Hauptstrasse unter sich.

Schlamm und Geröll schieben sich beim Bündner Bergdorf Bondo durchs Tal (23. August 2017)

Schlamm und Geröll schieben sich beim Bündner Bergdorf Bondo durchs Tal (23. August 2017)

Ein Bagger ist mit ersten Aufräumarbeiten beschäftigt. Das Auffangbecken ist randvoll. Grosse Gesteinsblöcke sind an den Seiten des Bachs Bondasca verteilt. Auf der Wiese versammeln sich Schaulustige und Journalisten. Auffallend sind die vielen Kinder. Sie haben schulfrei bekommen.

Auch Patrizia Guggenheim beobachtet die Szene. Sie lebt mit ihrer Familie in Bondo. Die Nacht hat sie bei den Grosseltern in Promontogno verbracht. Wann sie wieder in ihr Haus zurückkehren kann, weiss Guggenheim nicht. Noch hat es keine Entwarnung gegeben, obwohl momentan alles ruhig ist und die Sonne scheint.

Am Vortag hatten die Experten vor weiteren Murgängen gewarnt. «Ich habe Angst um die Bilder meines Vaters Varlin Guggenheim, die im Haus sind», erzählt die Bergellerin. Dann blickt sie auf die stark beschädigten Häuser. In einem der Gebäude habe ein Bekannter seinen neuen Ferrari untergebracht. Das Haus mit dem verwüsteten Garten gehöre einer Frau, die ihr Maiensäss im Val Bondasca verloren habe.

Froh um Sicherheitsbauten

Gemeindepräsidentin Anna Giacometti hat in der Nacht nicht viel Schlaf gefunden. Im Gegensatz zu den Bewohnern von Bondo konnte sie immerhin im eigenen Bett in Stampa schlafen. Die 100 evakuierten Dorfbewohner fanden bei Bekannten und Verwandten Unterschlupf, einige haben im Gesundheitszentrum übernachtet, andere in der Zivilschutzanlage.

«Ich bin dankbar für die Solidarität im Tal», sagt Giacometti. Dankbar sei sie auch für das Ausgleichsbecken in Bondo, welches im Jahr 2012 als Präventivmassnahme gebaut wurde. Damals gab es viel Kritik wegen der Dimension. «Jetzt haben wir die Bestätigung, dass diese Massnahme richtig war.»

Am Piz Cengalo sind immer noch rund eine Million Kubikmeter Material in Bewegung. Vier Millionen Kubikmeter sind am Mittwochmorgen um 9.30 Uhr abgebrochen. Murgänge aus Gestein, Schlamm, Eis und Wasser flossen in drei Hauptrinnen ins Tal. «Der Bergsturz gehört zu den grössten Bündner Bergstürzen der letzten Jahrzehnte», sagt Martin Keiser vom Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden. Die ausgelöste Erschütterung erreichte Stärke 3 auf der Richterskala.

Der bröckelnde Berg

Der Piz Cengalo ist ein alter Bekannter, was Bergstürze betrifft. Beim Felssturz im Winter 2011 wurden die Geröllmassen erst mit den Wassermassen während eines Gewitters im Sommer darauf nach Bondo gespült. Den Bewohnern wurde angst und bange, denn sie merkten, der Cengalo bröckelt.

Bergsturz in Bondo: So sieht es im Ort aus

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Der Bergsturz bei Bondo im bündnerischen Bergell hat möglicherweise doch Opfer gefordert. Sechs Personen sind als vermisst gemeldet. Die Suche nach den Vermissten ist noch am Laufen. Dabei kommen auch Helikopter der Armee zum Einsatz. Der 200-Seelen-Ort bleibt evakuiert.

Die Flanke, an der sich auch diesmal die Felsmassen lösten, ist Permafrost-Zone. Auftauender Permafrost sei nie allein verantwortlich bei solch grossen Ereignissen wie dem verheerenden Felssturz am Piz Cengalo, betont die Permafrost-Forscherin Jeannette Nötzli am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF Davos. «Risse, Wasser, das gefriert und auftaut, sowie andere potenzielle Faktoren lassen einen Berg bröckeln.»

Todeszone Talboden

Beim Gemeindehaus von Promontogno ist der Heli-Landeplatz. Die Suchaktion nach den Vermissten ist in vollem Gange. Eine zuvor vermisste Gruppe hat sich gegen Abend bei Angehörigen gemeldet. Von den übrigen acht Vermissten fehlte bis gestern Abend jede Spur. Möglicherweise handelt es sich um Berggänger, die in der Sciorahütte übernachtet hatten.

Laut dem Hüttenwart haben am Mittwochmorgen kurz nach acht Uhr vier Alpinistenpaare den Abstieg ins Tal angetreten. Das Wegstück war nicht gesperrt. Tafeln hätten aber darauf hingewiesen, dass erhöhte Gefährdung bestehe und der Aufenthalt in diesem Gebiet zu vermeiden sei. Im Gebiet, wo sich die Berggänger zum Zeitpunkt der Katastrophe möglicherweise aufhielten, liegt das Geröll nun bis zu zehn Meter hoch.

Bergsturz in Bondo: Das sagt die Polizei

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Der Bergsturz bei Bondo im bündnerischen Bergell hat möglicherweise doch Opfer gefordert. Sechs Personen sind als vermisst gemeldet. Die Suche nach den Vermissten ist noch am Laufen. Roman Rüegg von der Kantonspolizei Graubünden zum Stand der Suchaktion.

Der Helikopterlärm ist allgegenwärtig, Eine Spezialeinheit sucht nach den Vermissten. Ein Armeehelikopter war mit einer Wärmebildkamera unterwegs. Zudem wurde ein sogenannter Imsi-Catcher eingesetzt, mit dem Mobiltelefone geortet werden können. Suchhunde durchkämmen das Gebiet, wo es erreichbar ist. Bei den Vermissten handelt es sich um Deutsche, Österreicher und Schweizer. Einheimische und Kinder sind gemäss Polizei keine darunter.

Später Nachmittag: Auch Bundespräsidentin Doris Leuthard wird eingeflogen. Auf einmal wird das beschauliche Dörflein im abgelegenen Val Bregaglia zum Zentrum des Interesses. In jedem anderen Fall wäre Michael Kirchner, Direktor von Bregaglia Engadin Turismo, begeistert von so viel Aufmerksamkeit. Nun aber sind die Informationsstellen in Maloja, Soglio und Stampa damit beschäftigt, Anrufe besorgter Gäste entgegenzunehmen und Informationen über die möglichen Folgen für den Ferienaufenthalt im Tal zu erteilen.

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