Die Blutspendeorganisation SRK machte gestern keinen Hehl daraus: «Diese Lösung befriedigt nicht wirklich», sagte Anita Tschaggelar, Geschäftsleitungsmitglied. Ab 2017 sollen zumindest jene Homosexuelle Blut spenden können, die seit mindestens einem Jahr keinen Sex mit Männern hatten. Diese Regel gilt bereits in Staaten wie Frankreich, den USA oder Grossbritannien.

«Der Witz des Jahrhunderts!», war postwendend in den sozialen Medien zu lesen. «12 Monate! Wie weltfremd sind die bei der Blutspendeorganisation eigentlich?» Blutspende-SRK-Direktor Rudolf Schwabe sagt dazu: «Ich erwarte nicht, dass irgendein Mann ein Jahr lang abstinent lebt, nur um Blut spenden zu können.» Warum also dieser Schritt? «Es geht nur darum, ein Zeichen zu setzen», sagt Schwabe. Zudem habe die Zulassungsbehörde Swissmedic signalisiert, dass kurzfristig nur diese Regelung eine Chance auf Bewilligung habe. Eingereicht hat Blutspende SRK den Antrag auf eine Lockerung der Regelung für Homosexuelle noch nicht.

Die zaghafte Lockerung ab 2017 soll nur ein Zwischenschritt sein: Ab 2018 will die Organisation erreichen, dass für Homosexuelle und Heterosexuelle dieselben Regeln gelten. Dazu muss sie nachweisen können, dass das Risiko, dass dadurch mehr Blutkonserven mit übertragbaren Krankheiten wie HIV oder Hepatitis infiziert sind, nicht steigt. Das ist eine Herausforderung, da auch heute ein Homosexueller laut Schwabe ein 30-mal höheres Risiko hat, mit HIV infiziert zu sein als der Rest der Bevölkerung.

Auch Heteros mit hohem Risiko

Dennoch findet Direktor Schwabe die Ausgrenzung von Schwulen obsolet und nicht mehr zeitgemäss. Es gehe nur darum, jene Personen mit erhöhtem Risiko von der Blutspende auszuschliessen, nicht ganze Bevölkerungsgruppen. Auch bei den Heterosexuellen gebe es schliesslich solche mit erhöhtem Risiko.

Deswegen wird jeder Blutspender schon heute gefragt, ob er in den letzten 6 Monaten im Ausland war, ob er verschiedene Krankheiten gehabt habe, tätowiert sei, Blutspenden erhalten habe, Sex mit Prostituierten hatte, Drogen injiziert habe etc. Die Fragen sind zahlreich. Auch Heterosexuelle werden übrigens von der Spende ausgeschlossen, wenn sie in den letzten 12 Monaten mit wechselnden Partnern Sex hatten. Allerdings dürfen sie spenden, wenn sie in den letzten vier Monaten nur einen fixen Sexualpartner hatten.

Wenn es nach der SRK geht, soll das ab 2018 auch für Homosexuelle gelten. Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi sagt dazu: «Das bisherige System funktioniert sehr gut, deshalb müssen Änderungen wissenschaftlich gut begründet werden. Unsere Experten werden das Gesuch sorgfältig prüfen. Die Aufhebung des bisher lebenslangen Ausschlusses bei sexuellen Kontakten zwischen Männern ist denkbar.»

Alle Blutspenden werden zwar auf HIV getestet, der Virus ist jedoch erst nach einiger Zeit im Blut nachweisbar. Deshalb sind die Spendevorschriften so streng. Im letzten Jahr verzeichnete Blutspende SRK zwei Fälle von HIV-positiven Blutspenden. Diese wurden beim Test diagnostiziert, so dass kein Empfänger in Gefahr kam.