Naturereignisse

Land unter in Venedig: Hochwasser verursachen auch in der Schweiz jedes Jahr Millionenschäden

2005 setzten Hochwasser der Schweiz zu - im Bild Schattdorf im Kanton Uri.

2005 setzten Hochwasser der Schweiz zu - im Bild Schattdorf im Kanton Uri.

In den letzten Jahren sind die Schadenssummen dank gezielter Massnahmen gesunken. Rekordjahr war das schlimme Hochwasserjahr 2005 - mit drei Milliarden Franken.

Die Wassermassen kommen die Schweiz immer noch jedes Jahr teuer zu stehen, doch immerhin hat sich die Situation in den letzten zwölf Jahren verbessert. Davor wurde die Schweiz von einer ganzen Reihe von schweren Hochwassern heimgesucht, insgesamt sieben waren es zwischen 1978 und 2007. Am schlimmsten kam es im Jahr 2005.

Besonders hart trafen die Wassermassen damals den Kanton Bern und die Innerschweiz, wo die Reussebene einer Seenlandschaft glich. Sechs Menschen verloren damals ihr Leben. Insgesamt hat das Jahrhundert-Hochwasser Schäden in der Höhe von 3 Milliarden Franken verursacht. Ein Rekord, mit grossem Abstand. Und einer, der seine Folgen haben sollte.

Insgesamt haben Naturereignisse die Schweiz seit 1972 rund 14 Milliarden Franken gekostet. Im Durchschnitt sind das teuerungsbereinigt 306 Millionen pro Jahr. Der Löwenanteil davon wird durch Hochwasser verursacht. Zuletzt, im Jahr 2018, betrug die Schadensumme rund 200 Millionen. Das ist zwar der höchste Wert seit 11 Jahren – aber immer noch deutlich weniger als im langjährigen Durchschnitt. Woran liegt das?

Das Jahrhundertereignis von 2005 als Weckruf

Rolf Weingartner befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Wasser in der Schweiz. Der mittlerweile emeritierte Hydrologie-Professor sagt, dass sich beim Hochwasser-Management hierzulande nach dem Grossereignis von 2005 - einem «Weckruf für alle Beteiligten» – sehr viel getan habe. Das fängt laut Weingartner bei den präziseren Vorhersageinstrumenten an und setzt sich bei den besseren aufgestellten Zivildienst-Organisationen fort. Und dann sind da noch Massnahmen, die den Flüssen mehr Platz geben sollen - und die baulichen Eingriffe.

Ein Beispiel dafür sind verbesserte Dämme, ein anderes der Bau von Hochwasserstollen. In Thun gibt es seit 2009 einen solchen Stollen, er hat 65 Millionen Franken gekostet. Das Bauwerk ist 1,2 Kilometer lang. Wenn sich in der Region ein Hochwasser ankündet, nutzen die Behörden den Stollen, um den Pegelstand des Thunersees abzusenken. Wenn die Niederschläge kommen, gibt es im See Platz für das zusätzliche Wasser. Ähnliche Vorrichtungen wurden auch an anderen neuralgischen Punkten im Land gebaut.

Der «Königsweg», so formuliert das Weingartner, sei bei der Hochwasserprävention aber ein anderer. «Wir müssen besser darin werden, zu erkennen, wo wie viele Gebäude und Infrastrukturen durch Hochwasser bedroht sind – und an diesen Hotspots gezielt Schutzmassnahmen einsetzen. Hier besteht grosser Nachholbedarf», sagt Weingartner. Insgesamt befinden sich schweizweit 300000 Gebäude in gefährdeten Gebieten. Ihr Neuwert beträgt rund 500 Milliarden, wie eine Untersuchung der Universität Bern zeigt. Das Bauverhalten ist für Weingartner der wichtigste Grund dafür, dass die Schweiz in der Vergangenheit mit hohen Schadenssummen konfrontiert war.

Der Klimawandel erhöht das Hochwasser-Risiko

In Zukunft steigt in den Augen des Hydrologen Weingartner die Hochwasser-Gefahr in der Schweiz «ganz klar» an. Das liegt auch am Klimawandel. Der führt einerseits dazu, dass sich die Null-Grad-Grenze nach oben verschiebt. Die Folge: Niederschlag bleibt seltener als Schnee liegen, sondern fliesst direkt ab. Durch die Klimaerwärmung werden andererseits die Niederschlagsereignisse intensiver und führen zu grösseren Hochwassern. Was das bedeuten kann, zeigt die Bilanz der Unwetterschäden im Jahr 2018. Zwei Drittel der Gesamtschäden wurden durch Gewitter ausgelöst und nicht, wie etwa beim Extremereignis im Jahr 2005, von lang anhaltenden Niederschlägen.

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Autor

Dominic Wirth

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