Landessprachen
In der Bundesverwaltung sind die Italienischsprachigen knapp genügend vertreten - dank Übersetzern und Secondos

Eine neue Studie hat den Gesundheitszustand der dritten Landessprache in der Schweiz unter die Lupe genommen. Sie macht Defizite in der Bundesverwaltung aus - und andernorts.

Gerhard Lob
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Dank Ignazio Cassis ist die italienischsprachige Schweiz seit drei Jahren wieder im Bundesrat vertreten.

Dank Ignazio Cassis ist die italienischsprachige Schweiz seit drei Jahren wieder im Bundesrat vertreten.

Sandra Ardizzone / INL

Dass Italienisch neben Deutsch, Französisch und Rätoromanisch eine Landessprache ist, ist weitgehend bekannt. Auch die Tatsache, dass Italienisch im Tessin und in den italienisch-bündnerischen Tälern (Misox, Calanca, Bergell, Puschlav) die offizielle Amtssprache ist. Gemeinsam bilden diese Regionen die italienische Schweiz. Weniger bekannt ist, dass in der deutschen und französischen Schweiz zahlenmässig mehr Menschen mit Italienisch als Haupt- oder Zweitsprache leben als in den genannten Stammterritorien. Gemäss den Bundesstatistikern gibt es 320‘000 Muttersprachler. Dazu kommen viele Tausend Personen mit Italienisch als Zweitsprache. Es handelt sich zum Grossteil um die zweite oder dritte Generation italienischer Auswanderer, die in den 1960er Jahren in die Schweiz kamen. Nur eine Minderheit sind Tessiner oder Italienisch-Bündner, die in die Romandie oder die Deutschschweiz gezogen sind.

Quote erfüllt, aber nur dank den Übersetzern

Diese statistischen Erwägungen sind von hoher Wichtigkeit. Denn der Gesamtanteil von Italienischsprachigen an der Schweizer Bevölkerung ist mit 8 Prozent rund doppelt so hoch wie der Anteil der Bevölkerung, die im Tessin und den Bündner Südtälern lebt (4 Prozent). Das hat Folgen. So bezeichnet sich gerade das Radio und Fernsehen italienischer Sprache (RSI), mit Verweis auf die grosse Sprachgemeinschaft ennet des Gotthards, als nationaler Sender. Und konkrete Auswirkungen hat dies beispielsweise auch auf die Quoten der unterschiedlichen Sprachgemeinschaften in der Bundesverwaltung gemäss der Sprachenverordnung, wie eine vor kurzem erschienene Studie zur «Position des italienischen in der Schweiz» aufzeigt.

Gemäss dieser Verordnung sollte der Anteil der Italienischsprachigen in der Bundesverwaltung in einer Bandbreite von 6,5 bis 8,5 Prozent liegen. Im Moment wird diese Vorgabe mit einem Mittel von 6,6 Prozent knapp erfüllt, doch nur dank der Bundeskanzlei, zu welcher der Sprach- und Übersetzungsdienst gehört, sowie des Eidgenössischen Finanzdepartements mit höheren Anteilen.

Italienischsprachig sind viele Secondos

Wie die vom «Forum für die italienische Sprache» in Auftrag gegebene Studie aufzeigt, sind Italienischsprachige in den höheren Gehaltsklassen immer noch stark untervertreten. Gleichwohl hält die Studie fest:

«Aus rein gesetzgeberischer Sicht ist Italienisch in der Schweiz auf Bundesebene die wohl am stärksten geschützte Minderheitssprache der Welt.»

Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass unter die italienische Sprachgemeinschaft in der Bundesverwaltung auch viele Secondos fallen, die im Alltag praktisch nie Italienisch sprechen, da sie zweisprachig sind. Die neue Studie hat zudem einmal mehr aufgezeigt, dass Italienischsprachige in der oberen Lohnklassen der Bundesverwaltung stark untervertreten sind.

Viele Kinder der Auswanderergeneration geben heute Italienisch als Zweitsprache an, allerdings ist bisher nicht zu eruieren, wie gut diese Personen Italienisch tatsächlich beherrschen. Hingegen zeigen die Statistiken auf, dass Italienischsprachige in der Deutschschweiz durch Lektüre und Filme eine starke Verbindung mit ihrer Hauptsprache aufrechterhalten: 81 Prozent nutzen italienischsprachige Medien. Etwas weniger stark ausgeprägt ist diese Bindung in der französischen Schweiz.

Sensibilisierungskampagne geplant

Der Tessiner Staatsrat Manuele Bertoli, Präsident des 2012 von den Kantonen Tessin und Graubünden gegründeten Forums, ist insgesamt zufrieden mit dem «Gesundheitszustand» des Italienischen:

Manuele Bertoli.

Manuele Bertoli.



«Viele Fortschritte wurden gemacht, aber es gibt noch viel zu tun.»

So hat die Studie beispielsweise aufzeigt, dass in vielen Museen der deutschen und französischen Schweiz kein Informationsmaterial auf Italienisch vorliegt, obwohl es sich eben um eine Landessprache handelt. Hier soll eine spezielle Sensibilisierungskampagne erfolgen, damit auch Schweizer Bürger italienischer Sprache sich in ihrer Muttersprache informieren können. Im Tessin und italienisch Graubünden ist es selbstverständlicher, dass Infos in deutscher Sprache gegeben werden.

Ein Mangel an italienischsprachiger Präsenz ist auch auf einer Reihe von Internet-Auftritten nationaler Organisationen festzustellen, ein Beispiel ist der schweizerische Gewerbeverband sgv. Neben Deutsch existiert nur Französisch. Andere Webseiten setzten zusätzlich auf Englisch, während das Italienische nicht existiert. Zudem scheint das Angebot von Kultur- und Sprachkursen in italienischer Sprache ausserhalb des Stammterritoriums eher dünn zu sein. Dabei liesse sich gerade in diesem Bereich, so die Ansicht des Forums, viel zur Stützung der italienischen Landessprache in der Schweiz tun.

Die Liste

Italienischsprachige in Schlüsselpositionen

Bis zu seiner Pensionierung Ende 2018 war der Tessiner Mauro Dell’Ambrogio als Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation einer der wenigen Italienischsprachigen in einer Schlüsselposition der Bundesverwaltung. Erwähnt werden muss aber auch der Diplomat Roberto Balzaretti, der zuletzt als Chefdiplomat die Verhandlungen mit der EU leitete. Dank der Wahl von Ignazio Cassis (FDP) ist die italienischsprachige Schweiz seit drei Jahren wieder im Bundesrat vertreten. Seit August 2020 präsidiert der Tessiner Ständerat Marco Chiesa die nationale SVP. Der Tessiner CVP-Nationalrat Fabio Regazzi wurde vor kurzem zum Präsidenten des Schweizerischen Gewerbeverbandes (sgv) gewählt, der Tessiner Roberto Cirillo ist seit 2019 Chef der Schweizerischen Post AG. Die Tessiner SP-Ständerätin Marina Carobbio Guscetti präsidiert seit diesem Oktober den Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverband (SMV). Weit über die Schweiz hinaus bekannt ist der Tessiner Sergio Ermotti, der von 2011 bis November 2020 die UBS als CEO leitete. (gl)