Covid-19

Martin Bäumle fordert schärfere Corona-Einschränkungen und kritisiert seinen Parteikollegen Pietro Vernazza

GLP-Nationalrat Martin Bäumle sieht schwarz für die Schweiz, wenn sie jetzt nicht handelt.

GLP-Nationalrat Martin Bäumle sieht schwarz für die Schweiz, wenn sie jetzt nicht handelt.

Der Zürcher Grünliberale ist ETH-Chemiker und Atmosphärenwissenschaftler. Bei einem starken Ausbruch könnte er sich vorstellen, seinen Wohnort Dübendorf ZH abzuriegeln.

Martin Bäumle hat im März begonnen eigene Berechnungen zum Verlauf der Corona-Pandemie aufzustellen. Der Zürcher Grünliberale und Finanzvorsteher von Dübendorf ist zur Zeit in den Ferien. Dennoch füttert er seine Modelle weiter mit Zahlen und kommt zum Schluss: Die Schweiz muss viel mehr tun, um die Ausbreitung der Seuche einzudämmen. Sonst würden die Todeszahlen wieder ansteigen.

Der Bund vermeldete am Mittwoch 2823 neu registrierte Corona-Infektionen. Überrascht sie das?

Nein, grundsätzlich hat mich der Anstieg nicht überrascht. Ich stelle seit Beginn der Corona-Krise meine eigenen Berechnungen und Prognosen an. Seit langem war klar, dass das Virus sich wieder exponentiell ausbreitet. Was mich aber schon erstaunt: Nun haben wir mehr Infektionen als im schlimmsten Szenario, das ich im September berechnet habe.

Was sagen Ihre Berechnungen darüber, wie es weitergeht?

Man wird mutmasslich täglich über 2000 Fälle haben. Und wenn wir nicht sofort rigoros reagieren, läuft die Situation aus dem Ruder. Wir befinden uns bezüglich potenziell ansteckender Personen in einer vergleichbaren Situation wie vor dem Lockdown im März.

Der Unterschied ist doch, dass die Dunkelziffer nun tiefer ist als damals. Es gibt also de facto weniger Infektionen als im März.

Ja. Die Dunkelziffer ist nun kleiner. Das Tempo, mit dem sich das Virus ausbreitet, ist zudem noch klar langsamer. Dies, weil wir heute die Ansteckungsketten besser zurückverfolgen (Contact Tracing). Es ist also auch einfacher, das Virus wieder unter Kontrolle zu bringen. Wenn wir aber nicht schnell handeln, droht uns am Ende doch wieder ein Lockdown. Wir haben zum Glück noch etwas Zeit, um zu reagieren.

Was muss nun geschehen?

Jetzt reicht es nicht mehr, über eine Maskenpflicht in Läden zu diskutieren. Es braucht ein Maskenobligatorium für alle öffentlich zugänglichen Gebäude. Im Restaurant muss die Maske getragen werden, bis man am Tisch sitzt. Bars und Clubs, die nicht durch Messungen nachweisen können, dass sie eine gute Durchlüftung haben, müssen geschlossen werden. Versammlungen von über 50 Personen dürfen nur noch im Ausnahmefall stattfinden. Bund und Kantone sollten zudem wieder Homeoffice empfehlen und von nicht notwendigen Reisen in Risikogebiete – auch innerhalb der Schweiz – abraten. Zudem müssen wir uns überlegen, welche wirtschaftlich nicht notwendigen Bereiche mit hohen viralen Risiken wir herunterfahren können.

Sie als Grünliberaler fordern derart autoritäre Massnahmen? Würde ein dringlicher Appell an die Eigenverantwortung nicht reichen?

Ich bin immer für Freiwilligkeitsappelle. Aber jetzt ist die Zeit knapp und wir können nicht jeden bäbelen. Bei Reisen in Gebiete mit stark steigenden Ansteckungszahlen wie aktuell der Kanton Schwyz muss es jetzt heissen: Wer nicht muss, der soll nicht. Autoritär durchsetzen lässt sich das sowieso nicht. An Ostern hat man gesehen, dass bestimmte Appelle ausreichen. Stichwort: Symbolische Polizeikontrollen am Gotthard, als das Tessin vor Reisen warnte. Und wenn Sie mich als Grünliberalen ansprechen, möchte ich noch etwas anfügen.

Bitte.

Ich schlage nicht nur Verschärfungen vor, sondern auch Lockerungen. Die Quarantänezeit für Einreisende könnte man auf fünf Tage kürzen, wenn man die Leute zwei Mal testet: einmal zu Beginn und dann nach fünf Tagen. Für die Wintersaison schlage ich zudem vor, dass Touristen mit einem Corona-Test, der nicht älter ist als 48 oder 72 Stunden auch aus Risikogebieten einreisen dürfen. Mit Stichproben könnte man ein solches Regime überwachen und so den Wintertourismus ermöglichen.

In einigen deutschen Bundesländern dürfen Personen aus Risikogebieten nicht mehr beherbergt werden. Was halten Sie davon?

Wenn sich das Virus weiter ausbreitet, müssen wir auch solche Massnahmen prüfen. Nehmen wir als Beispiel Dübendorf, wo ich Finanzvorstand bin. Wenn wir im Ort einen starken Ausbruch hätten, müssten wir den Leuten sagen, «bleibt zuhause!». Lokale Lockdowns können einen nationalen Lockdown verhindern.

Es gibt Probleme mit der Rückverfolgung der Ansteckungen. Wie könnte man das in den Griff bekommen?

Die Smartphone-App muss besser genutzt werden. Der Datenschutz treibt uns noch in den Lockdown. Es kann nicht sein, dass wir freiwillig unsere Daten an Google und Apple geben, aber sie nicht einmal den Virus-Detektiven zur Verfügung stellen dürfen, wenn wir das wollten. Der Bundesrat soll per Notrecht ermöglichen, dass Standortdaten mit der Corona-App kombiniert werden können. Zudem muss es möglich sein, Menschen den Zutritt zu Altersheimen oder Clubs zu verweigern, wenn sie das App nicht nutzen wollen.

Das würde doch die App untergraben. Aus Datenschutzbedenken würde viele Leute die App nicht mehr installieren wollen.

Schon heute gibt es wenig Anreiz, die App zu installieren. Man hat fast nur Nachteile. Darum braucht es konkrete Anreize, um das App zu nutzen. Zum Beispiel Zugang zu gewissen Veranstaltungen. Ich kann mir aber auch monetäre Anreize vorstellen. Warum verlosen wir nicht einen Tesla unter den App-Nutzern? Oder Anreize wie im Gewerbe. Bei der Cumulus-Karte geben die Leute ihre Daten ja für kleine Preisreduktionen her.

Ihr Parteikollege Pietro Vernazza sagt, wir sollten nicht mehr so viel testen und nur noch eine Abschwächung der Ausbreitung (Mitigation) und nicht mehr eine komplette Eindämmung (Containment) anstreben.

Das ist völlig verantwortungslos. Oder übernimmt er die Verantwortung für die zusätzlichen Toten, wenn seine Thesen falsch sind? Zudem habe ich von ihm noch nie konkrete Zahlen gesehen, mit denen er seine Thesen belegen könnte. Seine Meinung hat er zudem schon mehrfach geändert. Klar ist, bei einer Durchseuchung, wie sie ihm offenbar vorschwebt, wird es mehr Tote geben als bei einer Eindämmungsstrategie. Wir sollte aber tatsächlich einmal in Ruhe die Diskussion führen, wie viel Aufwand und Kosten wir in Kauf nehmen, um einzelne Menschenleben zu retten. Aber das sollten wir nicht mitten in einer laufenden Pandemie tun. Und solange wir nicht anders entschieden haben, sollten wir möglichst viel Leid verhindern.

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