«Covid-free-Nachweis»
Verhaltensökonom der Universität Zürich ist von Massentests überzeugt: «Man hätte das schon viel früher machen müssen»

Die ständerätliche Gesundheitskommission unterbreitet dem Bundesrat brisante Vorschläge – verteidigt aber Gesundheitsminister Berset.

Nina Fargahi
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Covid-Test in Zuoz am 11. Dezember 2020.

Covid-Test in Zuoz am 11. Dezember 2020.

Keystone

Massentests in der Bevölkerung: Das fordert die Gesundheitskommission des Ständerats. Der Bundesrat soll prüfen, ob der Bund bis Ende Juni 2021 alle 14 Tage die Kosten eines Tests pro Einwohner übernehmen und ein digitaler «Covid-free-Nachweis» geschaffen werden kann. Im gleichen Absatz spricht die Kommission dem Gesundheitsminister Alain Berset sowie den Fachleuten des Bundesamts für Gesundheit (BAG) «ausdrücklich das Vertrauen in deren Arbeit» aus.

Kontrapunkt zum Entscheid der Schwesterkommission

Was hat es mit dieser auffälligen Aussage auf sich? Kommissionspräsident Paul Rechsteiner (SP, SG) sagt, man habe einen Kontrapunkt setzen wollen zum überraschenden Entscheid der nationalrätlichen Schwesterkommission von letzter Woche, wonach der Bundesrat per dringlicher Gesetzesänderung den Lockdown aufheben sollte.

«In unserer Kommission beurteilen wir die Arbeit des Bundesrats und des BAG mehrheitlich als verantwortungsvoll und sachgerecht»,

so Rechsteiner. Man wolle nicht, im Gegensatz zur Gesundheitskommission des Nationalrats, vom Epidemiengesetz abweichen. Weiter sagt Rechsteiner, die Forderung nach Massentests gehöre in eine Reihe von Vorschlägen, die man auf dem Weg hin zu einer Öffnung in Betracht ziehe. Es seien bewusst keine verbindlichen Anträge. Statt sofort alles zu öffnen, fordere die Kommission ein breites Impfen und Testen in der Bevölkerung, so Rechsteiner.

Wie sinnvoll sind Massentests nach österreichischem Vorbild? Das Nachbarland setzt auf gewisse Anreize, damit die Bevölkerung sich zuhauf testen liess. So mussten sich die Österreicher auch für einen Coiffeur-Besuch testen lassen, was offenbar gewirkt haben soll. Jedenfalls sollen sich in Österreich täglich mehr als 200'000 Personen einem Test unterzogen haben.

Verhaltensökonom Ernst Fehr: «Man muss Anreize schaffen»

Wären Massentest hierzulande auch so erfolgreich? Ernst Fehr, Verhaltensökonom an der Universität Zürich, ist überzeugt: «Grossflächiges Testen macht absolut Sinn in der derzeitigen Situation. Man hätte das schon viel früher machen müssen.» Es sei ein grosser Fehler gewesen, diese bisher weitgehend zu unterlassen. Für Massentests spreche, dass angesteckte Personen bereits im symptomlosen Zustand andere anstecken könnten. «Das ‹medizinische Dogma›, nur jene zu testen, die Symptome haben, war deshalb immer schon falsch», so Fehr. Natürlich spielen Anreize fast immer eine Rolle. «Damit man die Bevölkerung dazu bewegt, daran teilzunehmen, muss man Anreize schaffen.»

Dazu zähle auch, dass der Kanton oder Bund die Kosten übernehme und dass es gewisse Vorteile nur gebe, wenn man Tests absolviere. Das BAG sagt, die Teststrategie des Bundes werde aufgrund der Entwicklungen im Rahmen der Covid-19-Pandemie laufend überprüft und falls erforderlich angepasst. «Der Bund übernimmt die Kosten im Rahmen der erweiterten Teststrategie, die seit Ende Januar gilt», heisst es. Bisher hätten rund 13 Kantone beim BAG ein Konzept eingereicht. Man sei mit den Kantonen in Kontakt, um sie bei der Erarbeitung dieser Konzepte zu unterstützen. «Die Kantone testen insbesondere in Schulen, gezielt auch in Betrieben.»