Herr Sheldon, die Arbeitslosenquote ist in der Schweiz von 3,2 Prozent im November auf 3,5 Prozent im Dezember gestiegen. Überrascht Sie diese Zunahme?
George Sheldon: Nein, denn diese Werte sind nicht saisonbereinigt. Es ist immer so, dass im Winter gewisse Jobs wegfallen. Die Zunahme hat also saisonale Gründe. Allerdings ist der saisonale Effekt aussergewöhnlich gross.

Wieso?
Es hat damit zu tun, dass die Feiertage in diesem Dezember für die Arbeitnehmer sehr vorteilhaft lagen. Sämtliche Feiertage fielen auf Wochentage. Für Firmen war es deshalb nicht sehr attraktiv, auf Anfang Dezember neue Leute einzustellen - weil sie diesen gleich zu Beginn aussergewöhnlich viele Ferientage hätten bezahlen müssen. Wer die Wahl hatte, wählte deshalb für den Anstellungsbeginn den Januar. Für die Statistik ist immer der Zeitpunkt des Stellenantritts massgebend und nicht der Zeitpunkt der Stellenvergabe.

Dann sind Sie für die Entwicklung des Arbeitsmarkts nach wie vor optimistisch?
Auf jeden Fall, an meiner Einschätzung hat sich nichts geändert. Unser Frühindikator zeigt seit Ende des Frühlings 2013, dass eine Trendwende zum Guten ansteht. Und seit neuestem fällt die Arbeitslosenquote saisonbereinigt denn auch. Diese Tendenz wird sich fortsetzen.

Also wird die Arbeitslosigkeit im Jahr 2014 zurückgehen?
Davon gehe ich aus, das zeigen unsere Frühindikatoren. Diese Frühindikatoren stellen rollende Prognosen dar, die monatlich erstellt werden und auf einem komplexen mathematischen Modell beruhen. Sie gelten unter der Annahme, dass die konjunkturelle Lage, die im jeweiligen Monat vorherrschte, in der Zukunft unverändert bleibt.

Gibt es Unsicherheitsfaktoren, die ihre positiven Prognosen gefährden könnten?
Natürlich, jede Menge. Die wichtigste Frage ist nach wie vor, wie sich der Euro-Raum entwickelt. Viele Länder haben ihre Banken noch immer nicht saniert, das sind teilweise lebende Leichen. Dann gibt es Staaten wie Griechenland, Spanien oder Italien, deren Wirtschaft noch immer sehr unstabil ist. Die Probleme im Euro-Raum sind noch lange nicht gelöst - und die Schweiz hängt zu einem grossen Teil vom Euro-Raum ab.

Abgesehen vom Ausland: Gibt es auch hausgemachte Risikofaktoren? Welchen Einfluss hätte beispielsweise eine Annahme der Masseneinwanderungsinitiative?
Betreffend Zuwanderung hätte die Annahme wohl gar keine Auswirkungen. Nur weil man zum Kontingentsystem wechselt, heisst das noch lange nicht, dass weniger Leute in die Schweiz kommen werden. Wenn die Schweizer Firmen Arbeitskräfte aus dem Ausland brauchen, dann werden sie diese auch bekommen. Das war schon immer so! Die Initiative ist für die Schweizer Wirtschaft aber dennoch eine Gefahr, denn es ist ungewiss, wie die EU auf eine Kündigung der Personenfreizügigkeit reagieren würde. Es ist davon auszugehen, dass dann alle sieben bilateralen Abkommen von 1999 aufgelöst würden - darunter zum Beispiel auch jenes über den Abbau technischer Handelshemmnisse. Das wäre für die Schweizer Wirtschaft sehr schädlich.