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«Momo-Challenge» verunsichert Eltern – Experten mahnen zur Vorsicht mit Youtube & Co.

Die Skulptur «Mother Bird» geistert als Momo durchs Internet. Die Panik vor dem angeblichen «Momo-Challenge» ist unbegründet.

Die Skulptur «Mother Bird» geistert als Momo durchs Internet. Die Panik vor dem angeblichen «Momo-Challenge» ist unbegründet.

Ein japanisches Kunstwerk sorgt als Verschwörungstheorie mit dem Namen «Momo Challenge» online für Aufregung. Ein Experte fordert: Youtube für Kinder nur unter Aufsicht.

Barbie, Playmobil und Brio-Bahnen sind längst nicht mehr die einzigen Objekte kindlicher Begierden. Die Digitalisierung ist in den Kinderzimmern angekommen. Jüngst hat auch die Google-Tochter Youtube ein massgeschneidertes Angebot für das junge Zielpublikum entwickelt: die App «Youtube Kids».

Weltweit wurde sie schon über 50 Millionen Mal heruntergeladen. Seit Anfang Februar ist das Programm auch im Schweizer App-Store verfügbar. Ziel des neuen Angebotes ist es, ein kindergerechtes Menü an Videos zusammenzustellen, in dem Eltern ihre Kinder sorglos herumsurfen lassen können. Doch just zum Zeitpunkt der Lancierung von Youtube Kids in der Schweiz ist die Sorglosigkeit vorbei.

Grund dafür: eine Verschwörungstheorie mit dem Namen «Momo Challenge». Auf Facebook verbreitet sich das Gerücht, dass Kindervideos auf Youtube plötzlich von einer grusligen Gestalt unterbrochen würden, welche die Kinder zu gefährlichen Handlungen auffordert. Bei der Gestalt soll es sich um die Skulptur «Mother Bird» des japanischen Künstlers Keisuke Aiso handeln.

Die Nachricht über die gefährlichen Youtube-Videos ist allerdings eine Falschmeldung. Youtube betont, es gäbe keine Beweise, dass solche Videos je auf der Plattform kursiert seien. Der Verein Mimikama, der missbräuchliche Inhalte im Internet untersucht, schreibt, erst durch die Medienberichte über den Challenge seien viele auf das Horror-Spiel aufmerksam geworden und hätten Schreckensmeldungen über die sozialen Medien verbreitet.

Kindsköpfe machen sich seither einen Spass daraus, auf Whatsapp im Namen von Momo Nachrichten zu verschicken. Einen eigentlichen Challenge aber gibt es nicht. Berichte über Suizide, die in Verbindung mit dem Horror-Biest stehen sollen, haben sich allesamt als Falschmeldungen entpuppt. Auch die am Freitag verbreitete Meldung über ein 13-jähriges Mädchen, das sich in München wegen des Momo Challenge das Leben habe nehmen wollen, dementiert die Polizei.

Die falschen Gerüchte über den Momo-Challenge lösen trotzdem reale Ängste aus. Die «Schweiz am Wochenende» hat mit mehreren Eltern gesprochen, die in dem Hype eine Gefahr für ihre Kinder sehen.

Valeria Varrese zum Beispiel. Die 30-Jährige schickte der Redaktion ein Video einer Kindersendung, in dem plötzlich das Gesicht von Momo auftaucht und die zuschauenden Kinder auffordert, sich ein «scharfes Spielzeug» zu holen und
sich damit die Pulsadern aufzuschlitzen. Auf Youtube ist das Video nicht zu finden. Auf Facebook aber versetzte es besorgte Eltern in Panik.

«Ich erschrak, als ich das Video am Freitag sah, und habe sofort das Youtube-App auf meinem Handy versteckt», erzählt Valeria Varrese. Sie wolle unter keinen Umständen, dass ihre Tochter diese schreckliche Fratze je zu Gesicht bekomme.

Varrese hat ihre ganze Verwandtschaft über das Video informiert und sie aufgefordert, ihre Tochter nie mehr unbeaufsichtigt im Internet Kindersendungen schauen zu lassen. «Ich will mir nicht vorstellen, was mit einem kleinen Kind passiert, das am Bildschirm plötzlich mit dieser HorrorFigur konfrontiert wird», sagt Varrese.

Polizei mahnt zur Vorsicht

Varrese ist mit ihren Sorgen nicht alleine. In Bayern warnte die Polizei am Donnerstag vor Kettenbriefen, die über Whatsapp verschickt werden und zur Teilnahme am Momo-Challenge aufforderten. Eine Mutter erzählte dieser Zeitung, dass das fiktive Spiel auch auf Schweizer Pausenplätzen unter Primarschülern ein Thema sei. Die Jugendorganisation Pro Juventute hat deshalb einen Katalog mit Verhaltenstipps für beunruhigte Kinder und Eltern auf ihre Homepage gestellt.

Beunruhigt ist auch Philippe Wampfler, Dozent für Fachdidaktik an der Universität Zürich und Experte für digitales Lernen; weniger über den Momo-Challenge an sich als vielmehr über den Medienkonsum von Kindern, den die Diskussion über die japanische Horrorgestalt zutage gebracht hat. «Es ist problematisch, wenn kleine Kinder alleine gelassen werden mit Youtube. Auf der Plattform finden sich viele Inhalte, die Kinder nicht verarbeiten können», sagt der 41-Jährige. «Kinder sollten bis ins Primarschulalter nur unter Aufsicht der Eltern auf Youtube surfen dürfen», findet Wampfler.

Momos Erschaffer Keisuke Aiso übrigens wurde der Internet-Hype um seine Figur letztlich selbst unheimlich. Anfang Monat hat der Japaner die Figur zerstört. «Momo ist tot, der Fluch ist vorbei», verkündete Aiso. Der digitale Spuk hat das physische Ende der Puppe aber überlebt – bis jetzt.

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