Schweiz

Nach Kritik am Alleingang: Bund gründet Beratungsgremium mit Wissenschaftlern zur Bewältigung der Pandemie

Eine Aufnahme des neuen Coronavirus, aufgenommen in den USA mit einem Elektronenmikroskop.

Eine Aufnahme des neuen Coronavirus, aufgenommen in den USA mit einem Elektronenmikroskop.

Epidemiologen, Virologen und Forscher aus anderen Fachgebieten sollen Bundesbern künftig bei «Ad-hoc-Fragen» zur Eindämmung des neuen Coronavirus beraten.

Nun also doch. Nachdem sich Schweizer Epidemiologen, Virologen und andere Forscher während Wochen beklagt hatten, dass der Bund sie nicht in die Bekämpfung der Coronapandemie einbeziehe, machen die Verantwortlichen in Bern jetzt einen Schritt auf sie zu. Gegenüber CH Media kündigt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Gründung eines wissenschaftlichen Beratungsgremiums an. Der Bund wolle damit das Potenzial der Wissenschaftsgemeinschaft in der aktuellen Krise noch stärker nutzen und gemeinsam mit den Forschenden «den besten Ansatz zur Bewältigung der Pandemie finden». Das Beratungsgremium werde dem Bund «Ad-hoc-Fragestellungen» beantworten. Ein Mandat an verschiedene wissenschaftliche Institutionen sei in Vorbereitung: «Die ganze Universitätenlandschaft wird darin vertreten sein.» Namen einzelner Forscher nennt das BAG keine.

Noch vor zwei Wochen hatte der Lausanner ETH-Epidemiologe Marcel Salathé gegenüber der «Schweiz am Wochenende» zu Protokoll gegeben, er und andere Forschende hätten dem Bund erfolglos ihre Hilfe angeboten: «Das BAG involviert uns Wissenschaftler nicht in die Bekämpfung der Epidemie.» Er beobachte, dass die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsbehörden und Wissenschaftlern in anderen Ländern «viel enger» sei. Zahlreicher Forscher schlossen sich seinem Ruf nach einer Taskforce an.

Das Umdenken in der BAG-Zentrale im Berner Liebefeld dürfte auch mit dem grossen medialen Interesse an den Einschätzungen der Wissenschaftler zusammenhängen. Epidemiologe Salathé kritisierte beispielsweise schon sehr früh, dass die Schweiz zu wenig Menschen auf das neue Coronavirus teste. Daniel Koch, der ranghöchste Pandemieexperte beim Bund, musste bei Pressekonferenzen regelmässig zu diesem und anderen Kritikpunkten Stellung beziehen.

Sand im Getriebe der Pandemiezentrale

Der stärkere Einbezug der Wissenschaft reiht sich ein in eine Serie von Blitzreformen, welche die Abteilung Übertragbare Krankheiten des BAG seit dem Ausbruch der Pandemie einleiten musste. Michael Jordi, Generalsekretär der kantonalen Gesundheitsdirektoren, bezeichnet die Zusammenarbeit mit dem Bund zwar als direkt und unkompliziert: «Aber es gibt Bereiche, bei denen man spürt, dass Sand im Getriebe ist. Zum Beispiel bei der Dokumentation von Krankheitsfällen, der Aufarbeitung der Daten und dem Meldesystem.»

Tatsächlich gilt die Modernisierung des Prozesses, mit dem Spitäler, Labors und Ärzte die Informationen zu positiv getesteten Patienten ans BAG übermitteln, als dringend. Derzeit müssen die Gesundheitsdienstleister für jede bestätigte Ansteckung ein Formular ausfüllen und nach Bern schicken. In vielen Fällen geschieht dies per Fax. Mitarbeiter des Bundes müssen die Formulare von Hand in eine Datenbank übertragen. Die Folge war ein zeitweise unpräzises und um Tage hinterherhinkendes Lagebild der Pandemie. Das BAG gelobt gegenüber CH Media Besserung. Auf die Frage, ob eine bessere Lösung in Planung sei, schreibt eine Sprecherin: «Ja.» Die Digitalisierung erfolge schrittweise.

Alle zwei Tage findet eine Telefonkonferenz zwischen Bund und Kantonsärzten statt

Der Druck auf die Abteilung Übertragbare Krankheiten des BAG bleibt indes gross. Ob Geschäftsschliessungen, Versammlungsverbote oder Grenzkontrollen – alle Massnahmen, die der Bundesrat zur Eindämmung der Ansteckungen beschliesst, erfolgen gestützt auf Analysen und Einschätzungen der 60 Mitarbeitenden. Die Amtsführung hat die Pandemiezentrale inzwischen mit Personal aus anderen Abteilungen aufgestockt. Leiter Daniel Koch berät den Bundesrat direkt in Sachen Pandemiebekämpfung. Alle zwei Tage informieren er oder sein Stellvertreter Patrick Mathys die Kantonsärzte in einer anderthalb- bis zweistündigen Telefonkonferenz über die neuesten Entwicklungen und Massnahmen. Es sind Entscheide, die einen direkten Einfluss auf den Alltag von 8,6 Millionen Menschen haben.

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