Jurafrage

Nach Moutiers Kantonswechsel: Berner wollen Minderheiten besser schützen

Die Jurafrage ist mit dem Kantonswechsel von Moutier gelöst: Pro-Berner und Pro-Jurassier nach der Abstimmung vom Sonntag.Jean-Christophe Bott/Keystone

Die Jurafrage ist mit dem Kantonswechsel von Moutier gelöst: Pro-Berner und Pro-Jurassier nach der Abstimmung vom Sonntag.Jean-Christophe Bott/Keystone

Der Anteil der Romands im Kanton Bern sinkt unter die 10-Prozent-Marke – mit welchen Folgen? Nach der Schicksalsabstimmung vom Wochenende in Moutier werden Stimmen laut, die fordern, Bern müsse sich vermehrt um Zweisprachigkeit und Minderheiten kümmern.

Der Wechsel von Moutier zum Kanton Jura kratzt am Berner Selbstverständnis. Seine Vertreter bezeichnen sich gerne als Brückenbauer zwischen der Deutschschweiz und der Romandie. Vor der Abstimmung hielt der Leitartikler im Berner «Bund» fest, dass eine Schwächung des Berner Juras der Zweisprachigkeit des Kantons Bern schade – und letztlich auch der Schweiz.

7700 Einwohner zählt Moutier. Im Vergleich zur Berner Gesamtbevölkerung von über einer Million ist das schon fast eine «quantité négligeable». Doch der Anteil der Berner Romands fällt mit dem Kantonswechsel unter die Zehn-Prozent-Grenze. Und betrachtet man nur den Berner Jura, wird der Bedeutungsverlust noch besser sichtbar. Das Gebiet verliert 14 Prozent seiner Bevölkerung.

Das sei verkraftbar, sagt der bernjurassische SVP-Nationalrat Manfred Bühler. «Doch als politisches Signal für den zweisprachigen Kanton gefällt mir das nicht», meint der Pro-Berner. SP-Ständerat Hans Stöckli sieht das kritischer: «Politik ist auch Arithmetik. Wenn es weniger Romands gibt, werden wir stärker für die Zweisprachigkeit kämpfen müssen.» Der ehemalige Bieler Stadtpräsident wertet das Abstimmungsergebnis ebenfalls als Signal: «Bern hat zu wenig gemacht und wurde den Erwartungen der Bevölkerung Moutiers nicht gerecht.»

Sonderstatus ist tabu

Dabei hat der Berner Jura einen Sonderstatus. Etwa einen garantierten Sitz im siebenköpfigen Regierungsrat und eine überproportionale Vertretung im Kantonsparlament. An diesen Privilegien mochte am Montag nach der Abstimmung aber niemand rütteln. «Eine Diskussion um den Sonderstatus wäre dumm», sagt der Bieler Stadtpräsident Erich Fehr.

Tatsächlich machte sich eine andere Stimmung breit: «Jetzt erst recht» lautet die Berner Reaktion. «Die Zweisprachigkeit muss gestärkt, die Minderheiten müssen besser geschützt werden», fordert Stöckli. Ähnlich tönt es beim Berner Regierungssprecher Christian Kräuch. Er bedauert den Wegzug von Moutier sehr – findet aber auch einen positiven Aspekt. «Jetzt können wir uns auf unsere Pro-Berner-Gemeinden im Jura konzentrieren. Moutier hat uns viel Energie gekostet.»

Die neue Minderheit

Selbst in Biel, der grössten zweisprachigen Stadt der Schweiz, reagiert man gelassen auf den Entscheid Moutiers. Er könne verstehen, sagt Stadtpräsident Fehr, wenn sich die Französischsprachigen im Kanton nun Sorgen machten, doch diese seien unbegründet. «Der Kanton Bern macht bereits viel für die Zweisprachigkeit. In dieser Phase braucht es allerdings einen zusätzlichen Effort. Bei der Bildung und der Kultur etwa müssen die spezifischen Angebote für die Romands gestärkt werden.» Er denkt dabei an das neue französischsprachige Theater in Biel, das derzeit aufgebaut wird. Oder an Bildungsangebote, die im Hinblick auf den Rückgang der französischsprachigen Bevölkerung nicht gekürzt werden dürfen.

Der Berner Ständerat Hans Stöckli wird eine wichtige Rolle spielen, wenn es um die Förderung der Zweisprachigkeit geht. Die Berner Regierung ernannte ihn bereits im Mai zum Präsidenten einer entsprechenden Expertengruppe. Sie muss bis in einem Jahr Massnahmen vorschlagen. Die Schaffung dieser Kommission hat ihren Ursprung in einem Bericht der Interjurassischen Versammlung. Sie hatte 2009 vorgeschlagen, entweder ein neues Kantonsgebilde zu schaffen – was die Bevölkerung ablehnte – oder die Zweisprachigkeit stärker zu fördern.

Manfred Bühler macht sich deshalb weniger Sorgen um die Bernjurassier als um die Pro-Berner der Gemeinde Moutier: «Jetzt hat der Kanton Jura ein Minderheitenproblem.»

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