In der Wandelhalle herrscht ein Gewusel wie in einem Bienenstock. Mittendrin steht der Walliser Christdemokrat Roberto Schmidt. Gut gelaunt schäkert er mit einer Schar linker Politikerinnen. Es ist Internationaler Frauentag und wer etwas auf sich hält, strickt an einer pinken Wollmütze. Schmidt strickt mit.

Da kreuzt Parteikollege Thomas Egger seinen Weg. Schmidt begrüsst ihn siegessicher mit «Hallo Herr Nachfolger». Noch ist zu diesem Zeitpunkt das Rennen nicht gelaufen. Mittlerweile steht fest: Schmidt hat einen Sitz im Walliser Staatsrat ergattert. Davon profitiert Egger. Denn der Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) übernimmt Schmidts Mandat in der grossen Kammer und lanciert seine Karriere als Bundespolitiker. Zwei Jahre hat der gebürtige Visper nun Zeit, um aus dem Schatten des Lobbyisten zu treten und sich dem Stimmvolk zur Wiederwahl zu empfehlen. Eine kurze Zeit.

Walliser Staatsräte gewählt: Favre gewinnt, Freysinger verliert

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(20. März 2017)

Schmidt ist jovial und volksnah, er kennt keine Berührungsängste – und seien es feministische Politikerinnen in rosaroten Gewändern. Egger ist von ganz anderem Naturell, er tritt diskret auf und wirkt manchmal distanziert. Lenkt er die Aufmerksamkeit aber auf die Sorgen und Nöte des Berggebiets trumpft der 50-Jährige auf. Keiner kennt sich bei diesem Thema besser aus als er. «Das Berggebiet ist mein Programm», sagt Egger. «Von A wie Agrarwirtschaft bis Z wie Zweitwohnungen.»

Wolf? Nein, danke

Egger redet schnell, pointiert und ist nie um eine Antwort verlegen. Aus seinen Augen blitzt eine Portion Schalk. Nur bei einem Thema versteht er – wie die meisten Walliser – keinen Spass: dem Wolf. Das Grossraubtier sei mit dem Berggebiet einfach nicht kompatibel. Punkt. Ende der Diskussion. Will Hardliner Egger das Tier nun im Nationalrat unter Beschuss nehmen? Nein, es gäbe wichtigere Themen, beschwichtigt er. Seinen ersten Vorstoss als Nationalrat hat er bereits im Köcher: Er will «durchsetzen», dass sich der Bund endlich um eine koordinierte Politik für die Berggebiete kümmert.

Konstanz ist Egger wichtig. Der Cheflobbyist ist seit 20 Jahren mit der SAB liiert und damit erst der dritte Direktor in der 74-jährigen Geschichte der Organisation. Früher als ein versprengtes Grüppchen von Bergbauern belächelt, hat sich die SAB unter seiner Ägide zu einer schlagkräftigen Lobbytruppe entwickelt. Neben ihm sitzen auch Präsidentin Christine Bulliard-Marbach und Vizepräsident Martin Candinas für die CVP im Nationalrat. Betreffend politischem Einfluss rangiert die SAB in einer Liga mit dem Gewerbe- und Bauernverband. Der Gang zur CVP, «der Bergpartei par excellence», lag für Egger nahe.

Lange dabei ist er aber noch nicht: Der gewiefte Stratege ist ein politischer Quereinsteiger. Erst zwei Jahre vor den letzten Wahlen trat er der Christlichsozialen Volkspartei Oberwallis (CSPO) bei. Der Oberwalliser witterte seine Chance: Aufgrund der Volkszählung hatte das Wallis Anspruch auf einen zusätzlichen Nationalratssitz, zugleich war absehbar, dass Jean-Michel Cina aus dem Staatsrat zurücktreten würde. Eggers Kalkül: Schmidt wechselt in den Staatsrat, sodass er bei den Nationalratswahlen auf dem ersten Ersatzplatz landen muss, um bald ins Parlament einzuziehen. Der Plan ging dank seiner Bekanntheit als SAB-Direktor auf. Politisch lasse er sich nicht so leicht kategorisieren, meint Egger. Er sei konservativ, aber auch liberal. Sein Rezept für das Berggebiet sei es nicht, mehr Subventionen zu fordern, sondern Bürokratie abzubauen. «Die Gemeinde Blatten im Lötschental ist zu 92 Prozent unter Schutz gestellt», sagt Egger. Dieses Korsett erdrücke die Kommune, sie sei faktisch handlungsunfähig geworden. Egger ist aber nicht nur konservativ und liberal, er hat auch eine soziale Ader. In der Manier eines Patrons kümmert er sich um seine Angestellten, heisst es aus der SAB.

Zieht europaweit die Fäden

Was kaum einer weiss: Egger kämpft längst nicht nur innerhalb der Landesgrenzen für die Interessen des Berggebiets. Den europäischen Zusammenhang hat er längst verinnerlicht. Ob in den Karpaten, im Aostatal oder Südtirol: Egger gibt in der Gebirgszusammenarbeit den Takt vor. Seine so scharfsinnigen wie schonungslosen Analysen sind bekannt und gefürchtet. So manche Projektleiche wurde dank ihm zu neuem Leben erweckt.

Bei seinem Besuch im Bundeshaus fühlt sich Egger pudelwohl. Hier ein Zunicken, da ein Händedruck. «Oh, der Post-Lobbyist ist auch da – ein ganz schlechtes Zeichen», meint Egger lachend. Wie fast jeden Mittag hat er auch heute in einem Restaurant nahe des Bundesplatzes einen Tisch reserviert. «Ich pflege mein Netzwerk», sagt Egger. Er kennt den politischen Prozess genau, weiss, wo und wie man Druck aufsetzt. Mal sanft, mal deftig.

Was aber bewog den Chef-Lobbyisten dazu, aus dem Hintergrund zu treten, wo er gekonnt seine Netze spann und manch einen Vorstoss verfasste, bevor er ihn einem Parlamentarier unterschob? Egger zögert keine Sekunde: «Im entscheidenden Moment selber mitdiskutieren und -bestimmen können, darin unterscheidet sich der Politiker vom Lobbyisten.» So ärgert sich Egger masslos darüber, dass in der Finanzkommission Entscheide zuungunsten der Regionalpolitik gefallen sind. Ahnungslos hätten die Mitglieder Beiträge gekürzt, moniert er. Am liebsten würde er in der Wirtschafts- oder Umweltkommission Einsitz nehmen, sagt er, doch das bestimme die Partei.

Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Der ledige Heimweh-Walliser wohnt in Visp und arbeitet in Bern. Nur für das Geografie-Studium in Zürich unterbrach Egger sein Leben im Alpenhochtal – eine zwiespältige Erfahrung: «Im November in das graue Nebelmeer einzutauchen, war ein Schock für mich.» Seine Freizeit verbringt Egger auf dem Rennvelo oder Mountainbike. «Bergauf lautet auch da das Motto.» Hin und wieder trifft er sich mit Kollegen im Briger Ausgang – «als Ausgleich zum komplexen Beruf», wie er sagt. Wobei Egger nicht daran gemessen werden möchte, wie viele Runden Bier er spendiert. Nein, er will im Parlament etwas für das Berggebiet bewegen. Also, liebe Städte, seid gewarnt.