Statistik

Nicht der Pass bestimmt, ob jemand kriminell wird – mit einer Ausnahme

Ausländer begehen mehr Straftaten als Schweizer. Macht die Herkunft also kriminell? Oder ist das eine von der SVP geschürte Angst?

Ausländer begehen mehr Straftaten als Schweizer. Macht die Herkunft also kriminell? Oder ist das eine von der SVP geschürte Angst?

Ausländer in der Schweiz sind überdurchschnittlich kriminell - aber auch über 1,75-grosse Menschen sind krimineller als andere. Und Schweizer sind krimineller als Briten. Was sich alles mit Hilfe der Statistik sagen lässt.

«Endlich mehr Sicherheit!» Mit diesem Slogan wirbt die SVP für ihre Durchsetzungsinitiative. Ihr Rezept: Ausländer, die eines schweren Verbrechens für schuldig befunden oder wiederholt wegen eines geringfügigen Delikts verurteilt wurden, sind auszuschaffen. Die Massnahme ist hart, wirke aber abschreckend auf die hierzulande ansässigen Ausländer, sagen Politiker der grössten Schweizer Partei. Sie suggerieren damit, Ausländer seien krimineller als Schweizer.

Problemfall junger Mann

Prima vista stützen die Zahlen des Bundesamtes für Statistik diesen Befund: 37 487 Schweizer und 41 582 Ausländer wurden 2014 einer Straftat beschuldigt – obschon sie nur 25 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Doch die Zahlen werden der Realität nicht gerecht. Zum einen gibt es «den Ausländer» nicht. Deutsche Ärzte, portugiesische Gastarbeiter und syrische Flüchtlinge lassen sich nicht in einen Topf werfen.

Zum anderen, so Christian Walburg, Kriminologe an der Universität Münster, seien die wichtigsten Merkmale «Alter, Geschlecht und soziale Teilhabe».

Männer und Frauen sind in der Bevölkerung etwa gleich stark vertreten. Ein Blick in die Kriminalstatistik aber zeigt: 76 Prozent aller einer Straftat Verdächtigten sind Männer, nur 23 Prozent Frauen. Junge verstossen häufiger gegen das Gesetz: «Weltweit begehen junge Männer die meisten Delikte», sagt André Kuhn, Professor für Kriminologie und Strafrecht an den Universitäten Neuenburg und Genf.

In der Schweiz begehen unter 35-Jährige etwa die Hälfte aller Straftaten – dabei machen sie bloss etwa 30 Prozent der Bevölkerung aus. Walburg: «Die allermeisten Jugendlichen testen im Rahmen ihrer Sozialisation Grenzen und begehen Bagatell-Delikte.» Nur selten entstehen daraus kriminelle Karrieren.

Schliesslich hängt – auch bei Schweizern – das Kriminalitätsrisiko vor allem mit Bildung, Integration und sozialer Herkunft zusammen. Überproportional viele Straftaten gehen auf das Konto von Angehörigen unterer sozialer Schichten.

Der typische Delinquent ist ein junger, wenig gebildeter Mann, der am Rande der Gesellschaft lebt. Dieser Typus ist in der migrantischen Gesellschaft statistisch häufiger anzutreffen als in der einheimischen. Vor allem junge Männer suchen ihr Glück in der Fremde. Auch ist der durchschnittliche Schweizer besser gebildet und hat ein höheres Einkommen.

Schweizer sind nicht die Bravsten

Weiter gilt: Die Risikofaktoren verteilen sich ungleich auf verschiedene Immigrantengruppen. Männer aus Afrika kassieren etwa sechsmal mehr Strafanzeigen als Schweizer. Doch in der Schweiz lebende Briten, Holländer und Dänen geraten mit dem Gesetz noch weniger in Konflikt als die Schweizer.

Der Zusammenhang zwischen der Farbe des Passes und Kriminalität trügt. Kriminologe Kuhn illustriert dies so: Erwachsene, die grösser als 1,75 Meter sind, begehen häufiger Straftaten, als solche mit geringerer Körpergrösse.

Dieser Erkenntnis aus der Kriminalitätsstatistik liegt zugrunde, dass Grossgewachsene hauptsächlich Männer sind. Männer begehen wiederum die meisten Straftaten.

Dass Erwachsene mit einer Körpergrösse von über 1,75 häufiger kriminell sind, hat nichts mit der Grösse, sondern vielmehr mit dem Geschlecht zu tun. Niemand käme auf die Idee, Kriminalität mit Wachstumshormonen zu bekämpfen.

Hat die kulturelle Herkunft tatsächlich keinen Einfluss auf die Kriminalität? Doch. Eine Ausnahme gibt es. Bei Flüchtlingen, die aus Kriegsgebieten stammen, reichen Geschlecht, Alter, Bildung und soziale Teilhabe nicht aus, um ihr Kriminalitätsrisiko zu erklären.

Verantwortlich dafür ist eine gewisse «Verrohung»: Sind Gewalt, Folter und Hinrichtungen in einem Staat an der Tagesordnung, kann dies auf den einzelnen Bürger enthemmend wirken. Deswegen laufen Bürger aus Konfliktgebieten Gefahr, im kleinen Massstab selber gewalttätig zu werden und die Gewalt in ihr Gastland zu exportieren.

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