Rumänien und Bulgarien sind die EU-Länder mit der höchsten Mobilitätsrate der arbeitsfähigen Bevölkerung. Seit Anfang Juni steht die Schweiz den Arbeitsuchenden aus dieser Region uneingeschränkt offen. Was geschieht jetzt?

Boris Zürcher: Wir hatten 2018 einen Wanderungssaldo von Staatsangehörigen aus Rumänen und Bulgarien von ungefähr 3400 Personen. Das ist etwa ein Drittel der gesamten Nettozuwanderung aus dem ganzen osteuropäischen Raum der EU. Das zeigt, dass man die Bedeutung der Zuwanderung aus den genannten zwei Ländern stark relativieren sollte.

Die volle Freizügigkeit gilt aber erst seit Anfang Monat nach Aufhebung der Ventilklausel. Was erwarten Sie?

Wir gehen davon aus, dass die neue Situation an der bisherigen Zuwanderung aus diesen Ländern wenig ändern wird. Für rumänische und bulgarische Kurzaufenthalter, die weniger als ein Jahr in der Schweiz arbeiten, war der Zugang zum hiesigen Arbeitsmarkt schon vorher nicht eingeschränkt. Es ist natürlich damit zu rechnen, dass nun mehr Personen aus dieser Region direkt eine Aufenthaltsbewilligung der Kategorie B erlangen werden. Diese setzt aber eine unbefristete Anstellung oder den Nachweis ausreichender finanzieller Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhaltes voraus. Wir rechnen deshalb auch da nicht mit einer grossen Zunahme.

Aber seit die Rumänen in Italien kaum mehr Arbeit finden, wandern sie viel häufiger in die nördlichen Länder aus. Viele gingen zuletzt nach Grossbritannien. Warum sollte nicht auch die Schweiz eine bevorzugte Destination werden?

Die Höhe der Zuwanderung in die Schweiz wird im Prinzip durch die konjunkturelle Situation in der Schweiz bestimmt. Die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes wirkt da wie ein Ventil. Wir glauben nicht, dass es in unserem Arbeitsmarkt einen generellen grossen Bedarf nach Zuwanderern aus Osteuropa gibt. In gewissen Bereichen wie etwa im Gesundheitswesen ist ein Bedarf allerdings sicher vorhanden.

Welche Erfahrungen hat die Schweiz mit der Zuwanderung nach der ersten EU-Osterweiterung vor 15 Jahren gesammelt?

Die Erfahrungen waren mehrheitlich sehr positiv. Die Leute, die gekommen sind, haben sich meistens sehr gut integriert. Diskussionen um den polnischen Klempner, wie sie in Grossbritannien oder auch in Frankreich geführt wurden, hat es bei uns kaum gegeben.

Was meinen Sie mit der Diskussion um den polnischen Klempner?

Es ging um die Befürchtung, dass unqualifizierte Arbeitskräfte mit Billigangeboten das einheimische Gewerbe verdrängen könnten.

Diese Befürchtungen waren bei uns tatsächlich weniger verbreitet. Warum eigentlich?

Weil die Schweiz einen Hochleistungsarbeitsmarkt hat. Es gibt zwar auch eine Nachfrage nach Leuten, die einfachere Tätigkeiten ausführen, aber grundsätzlich stellt der Schweizer Arbeitsmarkt hohe Anforderungen an die Menschen, und es ist nicht einfach für Neuankömmlinge, sich hier zu etablieren. Dazu tragen auch die hohen Lebenshaltungskosten bei.

In der jüngeren Zeit hat die Zuwanderung aus Italien wieder stärker zugenommen. Kommt es nun zu einer stärkeren Konkurrenz zwischen Südländern und Osteuropäern auf dem Schweizer Arbeitsmarkt?

Das muss nicht sein. Die Wanderungsbereitschaft in beiden Regionen ist zwar da, aber ob sie genutzt wird, hängt wie gesagt vom hiesigen Konjunkturverlauf ab.

Die Mobilität in der EU war in den Anfängen des Binnenmarktes gering. Seit rund 15 Jahren hat sie sich verdoppelt. Wie hat das die Schweiz tangiert?

Die Zunahme der Mobilität hat sich bei uns relativ stark bemerkbar gemacht. Sie hat zu einer starken Beschleunigung des Wachstums geführt und die Zuwanderung zusätzlich angekurbelt. Die Nebenerscheinungen dieses Wachstums wurden bei der ersten Zuwanderungswelle vor etwa 15 Jahren sicher unterschätzt.

Sie reden von Nebenerscheinungen, aber nicht vom Arbeitsmarkt.

Ja, auf dem Schweizer Arbeitsmarkt selber haben wir kaum Nachteile gesehen. Die flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit mit der EU verhindern, dass bei uns zu süditalienischen Löhnen gearbeitet werden kann. Alles in allem hat die Schweizer Wirtschaft klar profitiert von der Verfügbarkeit von Arbeitskräften aus der EU. Aber unser Arbeitsmarkt ist relativ klein. In unserer Einschätzung kam es nicht zu einem Verdrängungswettbewerb oder anderen Fehlentwicklungen. Die Zuwanderung hat sehr geregelt stattgefunden.

Was sind neben dem Dichtestress die anderen negativen Begleiterscheinungen der Migration?

Es gibt politische Herausforderungen. Ich denke vor allem an die gesellschaftliche Akzeptanz von Zuwanderung, die ja auch bei uns deutlich geringer geworden ist. Wir werden aber weiterhin auf Zuwanderung angewiesen bleiben, nur schon aus demografischen Gründen.

Es gibt auch Herausforderungen bei den Entsendestaaten. Ein Stichwort ist der «Brain Drain», also die Abwanderung von gut ausgebildeten Spezialisten. Ist die Schweiz Nutzniesserin dieser Entwicklung?

Auch. Das Qualifikationsniveau der Zugewanderten aus Nordwesteuropa und Osteuropa ist teilweise höher als dasjenige der Ansässigen. Diese starke Selektion der Zuwanderung ist sicher auch ein Problem für die Entsendestaaten. Die vielen deutsche Ärzte, die zu uns gekommen sind, haben in ihrem eigenen Land eine Lücke hinterlassen. Diese hat Deutschland teilweise mit Ärzten aus Polen, Rumänien oder Bulgarien gestopft. Dort sind die Knappheitserscheinungen inzwischen offensichtlich.

Wie offensichtlich?

Ich war kürzlich in Bulgarien. Das Land hat weit über eine Million Einwohner durch Abwanderung verloren. Die Folgen sind drastisch. Und wenn diese Länder den Anschluss an die reicheren Staaten in Europa wirklich schaffen wollen, dann ist die Lösung dieses Problems zentral.

Entschärfen die Rücküberweisungen der Migranten das Problem? In Bulgarien stellen dies 60 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen dar.

Diese Rücküberweisungen sind sicher wichtig für die Entsendestaaten, die mit der Abwanderung ja auch viel Steuersubstrat verlieren. Aber sie schaffen auch Probleme. Eines ist zum Beispiel, dass Kinder von Migranten, die bei den Grosseltern in Bulgarien oder Rumänien bleiben, durch die Überweisungen der Eltern von einigen hundert Franken im Monaten einen im lokalen Vergleich derart hohen Lebensstandard erreichen, dass sie keinerlei Anlass sehen, Geld und Energie in ihre eigene Ausbildung zu investieren. Ich weiss zum Beispiel aus Bulgarien, dass dies zu grossen sozialen Problemen führt.

Welche Bewegungen sieht man bei der Rückwanderung?

Es gibt interessante Erkenntnisse. Zum Beispiel sehen wir, dass aktuell wieder mehr Portugiesen zurückgehen als dass neue Migranten aus dem Land zu uns kommen. Das zeigt die Vorteile der flexiblen Personenfreizügigkeit im Vergleich zum alten Kontingentsystem mit den Saisonniers.

Inwiefern?

Damals kam man für eine Saison in die Schweiz, musste dann alle neun Monate wieder für drei Monate nach Hause reisen. Erst nach sieben Jahren als Saisonnier – üblicherweise beim gleichen Arbeitgeber – gab es dann eine Aufenthaltsbewilligung. Die Saisonniers unternahmen alles, um ihren Job zu behalten, weil am Ende die Aufenthaltsbewilligung quasi als Belohnung winkte.

Warum ist das System heute besser?

Das System ist sicher menschlicher. Heute können die Leute kommen, wenn sie einen Job haben, und wenn es ihnen nicht mehr passt oder sie den Job verloren haben, können sie wieder gehen, ohne das Recht zu verlieren, wieder zurückkehren zu können. Das führt unter anderem dazu, dass die Leute ein unverkrampfteres Verhältnis zu ihrem Arbeitsvertrag haben und sich vom Arbeitgeber auch nicht mehr alles bieten lassen, wie dies unter dem Saisonnier-Status leider oft der Fall gewesen war.

Wohin gehen eigentlich die Schweizerinnen und Schweizer?

Nach Ländern aufgeschlüsselt, kann ich Ihnen das nicht sagen. Aber es leben derzeit 760000 Schweizerinnen und Schweizer im Ausland. Zwei Drittel von ihnen in Europa, die meisten in Frankreich, vor Deutschland und Italien.

Sind das alles Rentner?

Nein, knapp 60 Prozent oder etwa 450000 Leute sind zwischen 18 und 64 Jahre alt. Das entspricht mehr als 10 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in der Schweiz. Die Zahl ist erstaunlich hoch.

Warum erstaunlich, sollten die Schweizerinnen und Schweizer nicht auswandern?

Sicher sollten auch wir über unsere Landesgrenzen hinwegschauen. Die Schweiz ist Teil von Eures, dem europäischen Online-Portal zur Förderung der beruflichen Mobilität. Erstaunlich ist die hohe Mobilität unserer Landsleute vor dem Hintergrund der guten wirtschaftlichen Lage der Schweiz. Allerdings ist hoch qualifiziertes Personal überall in Europa und darüber hinaus sehr gesucht, und diese Leute werden überall sehr gut bezahlt.