Der Schweizer Kunsthändler Louis Kaiser hat nicht einmal mit seinen Freunden darüber gesprochen. Er schämt sich dafür, Opfer eines Trickbetrugs geworden zu sein. Hier tritt er deshalb mit fiktivem Namen auf. Sein einziger Trost: «Der Bluff war kunstvoll gemacht.» Er bewundert die Täter sogar und stellt sich vor, wie es wäre, wenn alles nur gespielt gewesen wäre: «Wenn es sich um eine Prüfung in Verbrecherarbeit gehandelt hätte, müsste ich anerkennen: Die Täter haben sie mit Bravour bestanden.»

Das Verhängnis nahm seinen Lauf an der Kunstmesse Frieze in London. Dort traf Kaiser auf einen Mann, der vorgab als Vermittler für einen vermögenden Kunstkäufer tätig zu sein. Mit seinen Hintermännern hatte er ein Lügenkonstrukt aufgebaut: eine Scheinfirma mit eigener Website, bedienter Telefonnummer und gefälschten Ausweispapieren. Dass der Mann kein reicher Engländer, sondern ein armer Rumäne war, merkte Kaiser nicht. Auch als er ihn ein zweites Mal in einem vornehmen Hotel in Mailand traf, liess er sich vom Schauspiel überzeugen.

Kaiser erinnert sich: «Er sprach ein perfektes Upper-Class-Englisch, kleidete sich todschick und beherrschte die Codes der Kunstwelt.» Der Vermittler gab an, sein Auftraggeber wolle mehrere Galerien in Europa eröffnen und suche nun eine Zusammenarbeit mit spezialisierten Händlern.

Ein Geldkoffer als Provision

Der Schweizer Galerist liess sich vom versprochenen Deal blenden. Der Vermittler gab an, zwei Dutzend Kunstobjekte für 3,5 Millionen Euro kaufen zu wollen. Doch er verlangte eine Gegenleistung: Als Provision wolle er eine halbe Million Euro in bar. Spätestens jetzt hätte Kaiser stutzig werden sollen. Doch er liess sich sogar auf die Bedingung ein, zu beweisen, dass er das Geld bereithalte.

An einem Dezembermorgen empfing Kaiser einen anderen Vertreter der Kunstfirma, um die Übergabe der Provision zu klären. Sie trafen sich in Basel in der Bar des Kunstmuseums und führten Smalltalk über ihre Skiferien in Zermatt. Kaiser nahm seinem Gegenüber die Rolle ab, ein russischer Oligarch zu sein. Auch seine Bankberater, welche die Personalien vorgängig überprüft hatten, schöpften keinen Verdacht.

Kaiser liess sich von seinem persönlichen Unternehmensberater begleiten und betrat um zehn Uhr mit dem russischen Kunsthändler die UBS-Filiale am Bankenplatz in Basel. Sie liessen sich von einem Bankangestellten in einen Diskretionsraum führen. Kaisers Berater holte aus seinem Safe Couverts mit einer halben Million in 500er-Euronoten und brachte sie in den Diskretionsraum. Dort zählte sie Kaiser und der Vermittler verpackte sie in zehn Couverts, die er versiegelte. Ein Bankangestellter überwachte den Vorgang und merkte nicht, dass der Gauner im schicken Anzug später zehn andere, gleich aussehende Couverts im Safe hinterliess. Dieser hatte für Ablenkung gesorgt, indem er mehrmals mit seinen Auftraggebern telefonierte.

Kaiser erzählt: «Erst als alles vorbei war, spürte ich, dass etwas faul sein könnte.» Er öffnete die versiegelten Couverts und stiess auf einen Haufen Papierschnipsel. Zehn Minuten nachdem der Mann mit einem Koffer voller Geld durch den Hauptausgang der Bank spaziert war, schlug Kaiser Alarm. Die Polizei startete umgehend eine Fahndung und überprüfte den Flughafen. Doch der Mann war verschwunden.

Betrüger steigern ihren Erfolg

Bei diesem Trickbetrug handelt es sich um einen sogenannten Rip-Deal; rip bedeutet entreissen. Besonders verbreitet ist er in der Immobilienbranche. Die Bundespolizei Fedpol warnt seit Jahren davor, doch der Rip-Deal bleibt ein Klassiker. Denn die internationalen Banden agieren immer professioneller. Das zeigen die jüngsten Fedpol-Zahlen. 2016 registrierte die Bundespolizei 22 erfolgreiche Rip-Deals. Das sind mehr als in den Vorjahren: 14 waren es 2015 und 20 im Jahr 2014. Gleichzeitig ging die Zahl der versuchten, aber nicht vollendeten Taten deutlich zurück. Die Banden sind effizienter geworden.

Die Schadensumme betrug 2016 fast zehn Millionen Franken. Das ist doppelt so viel wie im Vorjahr. Die Dunkelziffer ist gemäss Fedpol allerdings hoch, weil viele Opfer keine Anzeige erstatten würden. Ein Grund dafür ist, dass sich einige selber strafbar gemacht haben, etwa indem sie mit unversteuerten Geldern handelten. Oft findet die Bargeldübergabe zudem in Norditalien statt. Summen über 10 000 Euro müssten am Zoll aber deklariert werden.

Bei den Tätern handelt es sich meistens um Angehörige von Clans aus Rumänien. Die Männer und Frauen, welche als Schauspieler bei den Deals auftreten, gehen ein hohes Risiko ein, verdienen aber wenig. Das Geld landet bei den Hintermännern.

Der Mann, der Kaiser um eine halbe Million erleichtert hat, wurde kürzlich von der Polizei zufällig gefasst. In einer Woche steht er vor dem Basler Strafgericht. Kaiser sagt: «Ich gehe nicht davon aus, dass ich das Geld zurückerhalte. Das ist wohl alles verpulvert.» Er habe ein Jahr lang doppelt so viel gearbeitet, um den Verlust auszugleichen. Für ihn persönlich sei es ein traumatisches Erlebnis: «Es wird mich immer verfolgen.»