Über gott und Corona, Teil 3
Pfarrerin lädt ein, sich im Wirbelsturm der Krise an das Wesentliche zu erinnern

Die junge Frau hat mitten in der Pandemie ihren Vikariat beendet und ist nun Pfarrerin in Kleinbasel. Wie sie diese Zeit theologisch deutet, erfahren Sie hier.

Jocelyn Daloz
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Jocelyn Daloz
Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar,so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Diese Verse schrieb der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer am 19. Dezember 1944 aus dem Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts in Berlin.

Er wurde zwei Monate zuvor wegen seinen Verbindungen zu den Attentätern des 20. Juli an Hitler verhaftet. Es ist die letzte von ihm bekannte theologische Schrift. Er wurde im April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt.

Hoffnung aus den Gestapo-Gefängniszellen

Die philosophische Auseinandersetzung des bekannten evangelischen Widerstandskämpfers mit Hoffnung und Liebe während seiner Gefangenschaft hat Pfarrerin Franziska Kuhn-Häderli geprägt: «Wenn jemand noch in seiner dunkelsten Stunde aus Hoffnung Kraft schöpfen und für mutige Liebe brennen kann, so will auch ich darauf zurückgreifen.»

Seine Gedanken zum Hohelied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief begleiten sie. In dieser Auslegung der Gottesliebe liest sie eine Aufgabe in schwierigen Zeiten.

Das Wesentliche liegt nicht unbedingt im stetigen Tun

Denn obschon sich unsere jetzige Situation mit jener des zweiten Weltkrieges kaum vergleichen lässt, so befindet sich die Schweiz doch in der grössten Krise ihrer Geschichte seither. In diesen turbulenten Zeiten ist es nicht einfach, sich in ihrer Rolle als frisch gebackene reformierte Pfarrerin in Kleinbasel einzufinden: «Im Angesicht der vielen Nöte laufen wir manchmal Gefahr, in reines ‘Machen’ zu verfallen.»

Automatisiert zu funktionieren, wie in einem Zugzwang – und dabei vielleicht die Chance der tiefen Reflexion verpassen, was als Kirche essenziell ist: «Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns durch unsere zahlreichen Aktivitäten – physisch und online - selbst beweisen müssen, dass wir eine gewisse Relevanz haben», sagt die junge Frau, die frisch aus dem Vikariat kommt und seit drei Monaten in der Kirchgemeinde Kleinbasel, das mehrere Kirchen einschliesst, betreut.

Um nicht einer Hilflosigkeit zu verfallen, geht sie oft auf das für sie Wesentliche zurück:

Wir haben schon viermal Weihnachten geplant und umgeplant. Aber das einzige, in das ich wirklich investieren kann, ist in eine mutige, kräftige, trotzige Liebe zu den Mitmenschen. Wenn ich nicht mehr weiter weiss: lieben. Oder biblischer ausgedrückt: die Liebe höret nimmer auf.

Die Stille mitten in der Grossstadt

Ihre Stimme hallt im hohen Raum der Theodorskirche nach. Diese hochgotische Kirche wurde nach dem Erdbeben von 1356 nachgebaut, geht aber auf das 11. Jahrhundert zurück. Die ehemalige Dorfkirche ist nun gänzlich umgeben von der Stadt, die seit dem Bau der Rheinbrücke im Jahr 1244 über den Fluss quellt.

Heute steht sie da, im Rausch der Grossstadt, im Hintergrund wächst der zweite Roche-Turm immer höher in den Himmel. Wer sich aber dem spirituellen Himmel nähern will, ist in der Theodorskirche besser aufgehoben, glaubt die Pfarrerin Kuhn-Häderli: «Kirchen sind Überschussorte. Der Raum ist eigentlich viel zu hoch. Es tut aber vielen Menschen gut, in dieser Grosszügigkeit zu sein».

Die weiten Räume, die weihevolle Stille, laden ein zum Nachdenken und zur inneren Ruhe, obwohl der Verkehrslärm des Wettsteinplatzes durchaus die roten Steine und die bunten Kirchenfester durchdringen.

Eigentlich müssten wir gerade in diesen Zeiten, wo die Menschen zuhause eingeengt sind, die Möglichkeit bieten, etwas Weite zu spüren.

Im Moment ist die Kirche jeweils am Mittwochnachmittag offen, die Matthäuskirche öffnet ihre Türe am Dienstagnachmittag und am Sonntag den ganzen Tag von 8 Uhr morgens bis Nacht.

Wie ein Tolkienfan von Herr der Ringe zitiert, liest sie von der Bibel

Kuhn-Häderli spürt die Müdigkeit der Leute: «In der ersten Welle war es Frühling. Da erinnerte uns die wieder aufblühende Natur daran, dass das Leben weitergeht. Im Moment tötelet alles vor sich hin, es ist dunkel...» An ihr jedenfalls lässt sich keine mangelnde Energie erkennen: Aus der jungen Geistlichen sprüht Enthusiasmus für den Glauben, sie spricht von der Bibel wie Tolkienfans von Herrn der Ringe, zitiert Textpassagen mit Inbrunst.

Sie sprengt regelrecht die Klischees einer reformierten Pfarrerin, mit ihren Dreadlocks, dem Schmuck in den Haaren, dem Lippenstift. Spricht unverblümt, benutzt manchmal gar derbe Worte, aber stets mit Wohlwollen und einem Sympathiefunken in den Augen.

Vor ihrem Theologiestudium hatte sie mehrere Leben, war Lehrerin in Bolivien, studierte Chinesisch und interkulturelle Kommunikation in München und arbeitete in Burkina Faso. Die Bibel war ihr stets eine Begleitung.

Kuhn-Häderli hatte viele Leben, bevor sie sich entschied, Pfarrerin zu werden.

Kuhn-Häderli hatte viele Leben, bevor sie sich entschied, Pfarrerin zu werden.

Jocelyn Daloz
Es ist ein wahnsinniges Buch. Es enthält nicht nur Botschaften der Hoffnung. Es setzt auch Worte für die tiefste Verzweiflung, wenn ich keine mehr finde, es gibt Raum für sämtliche Themen der menschlichen Existenz.

Worte als stetige Zuflucht, Gott als treuer Begleiter

Und mit diesen Worten begleitet sie die Gemeindemitglieder und die Menschen um sich herum. «Es kann sein, dass es momentan schwierig ist, göttliche Aufrufe zur Hoffnung zu sagen und zu hören. Aber die biblischen Worte nützen sich nicht ab, nur weil ich sie gerade nicht in meiner Realität sehe. Im Gegenteil: Sie laden mich ein, mich an das Gute, Lebensfördernde zu erinnern. Und dazu, das was mich umgibt, nicht als endgültig und unveränderlich anzunehmen.»

Die Coronakrise könnte auch eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Dunklen herbeiführen, glaubt Franziska Kuhn-Häderli. «Für alles gibt es eine Zeit – Zeit für jedes Vorhaben unter dem Himmel» ist eine Passage aus dem Buch «Der Prediger Salomo», die die Mystiker des 16. Jahrhunderts wiederentdeckt haben: Die Dunkelheit gehört zu unserem Leben – «Zeit zu gebären und Zeit zu sterben, Zeit zu pflanzen und Zeit, Gepflanztes auszureissen», steht in diesem weisheitlichen Buch.

Jocelyn Daloz

«Wir haben die Tendenz in unserer Gesellschaft, das Dunkle weg zu schieben, und dann ist es umso schwieriger, wenn es kommt. Früher trugen wir nach einem Todesfall ein Jahr lang schwarz, heute erhalten wir drei Tage nach einem Todesfall. So habe sie bereits vor der Krise ein «death café» organisiert: eine Veranstaltung bei welcher der Tod das zentrale Thema ist. «Nur, wenn wir mit dem Tod umgehen können, lernen wir auch das Leben schätzen.»

Und vielleicht hilft auch dieses weitere Zitat aus dem Prediger, die eigenen Probleme zu relativieren: «Ich sah mir all die Werke an, die unter der Sonne vollbracht wurden. Doch schau nur: Alles häwäl – alles sinnlos und ein Jagen nach Wind.»

Und plötzlich erscheinen die Roche-Türme nicht mehr so imposant, wenn wir sie von der Wettsteinbrücke aus betrachten; das Gezwitscher der sozialen Medien verstummt, und was bleibt, ist die Freude an – wenn auch speziellen – Weihnachten.

Über Gott und Corona, Teil 3

Dieser Artikel ist der dritte Teil einer vierteiligen Serie über Geistliche, die über Spiritualität in der Krise sinnieren und von ihren Erfahrungen in diesem belebten Jahr zurückblicken.

Teil zwei: Imam Muris Begovic aus Schlieren

Nächster Teil: Rabbi Noam Hertig aus Zürich