Wer kennt es nicht? Da braucht man einmal den eigenen Impfausweis und findet das vergilbte Papier nicht mehr. Auch die Patientenverfügung oder ein ärztliches Attest müssen mühsam gesucht werden, gerade wenn man darauf angewiesen wäre. Und was schrieb der Chirurg nach der Operation in seinen Bericht oder wie entwickelten sich die Blutwerte über die letzten Jahre?

Was heute in Aktenstapeln Staub ansetzt oder in der Schublade zuunterst liegt, könnte auch per Mausklick verfügbar sein: für das Spital, den Hausarzt, die Apotheke, das Altersheim oder die Spitex – und vor allem für den Patienten selbst. Elektronisches Patientendossier (EPD) heisst das Zauberwort. Und die Nordwestschweiz ist ganz vorne dabei.

Ab sofort in drei Unispital-Kliniken

Am Mittwoch fiel in Basel-Stadt der Startschuss im Universitätsspital (USB). Hier werden die ersten EPD der Deutschschweiz eingeführt. Und das allererste elektronische Patientendossier eröffnete der Basler Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger im Rahmen einer Medienpräsentation. Das System ist ab sofort verfügbar, doch wird es schrittweise eingeführt. Nur, wer aktuell Patient am USB ist, wird angefragt, ob er ein EPD anlegen möchte. Und das bisher auch erst in den drei Kliniken Handchirurgie, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik. Im Laufe des kommenden Jahres sollen dann alle USB-Kliniken angeschlossen sein und bis 2020 auch weitere Gesundheitseinrichtungen aus Basel-Stadt, Baselland und Solothurn. Sie sind alle Teil des Trägervereins eHealth Nordwestschweiz.

Zwar läuft in Genf schon ein ähnliches System mit mittlerweile 30 000 Patientendossiers und es gibt unter anderem auch in den Kantonen Aargau, Zürich, Bern, Luzern oder Graubünden eHealth-Projekte, doch ist Basel-Stadt der erste Kanton, dessen System die Vorgaben des Bundesgesetzes über das elektronische Patientendossier erfüllt, das 2017 in Kraft gesetzt wurde. Die offizielle Zertifizierung durch den Bund folgt 2019. Schon bald müssen aber alle Kantone folgen, setzt das Gesetz für sämtliche Spitäler doch die Frist bis 2020, für Altersheime und Geburtshäuser bis 2022.

Von Bundesrat und Parlament im Gesetz explizit ausgenommen von dieser Pflicht wurden unter anderem Hausärzte und Apotheken. Vor allem Erstere sperren sich gegen den administrativen Aufwand, auf digitale Daten umzustellen. «Meine Erwartung an sie ist aber, dass sie sich trotzdem öffnen, wenn nötig auf gewissen Druck», sagte Engelberger am Mittwoch.

Seine Hoffnung ist klar: Die bessere Vernetzung der Gesundheitsfachleute soll Qualität und Effizienz steigern und die Kosten reduzieren. Dass dies besser funktioniert, je mehr Dienstleister mitmachen, liegt auf der Hand. Der Trägerverein stellt immerhin in Aussicht, dass die Software – technischer Partner ist die Swisscom – für Arztpraxen möglichst einfach und günstig gehalten werden solle.

Patient erhält die volle Kontrolle

Das Gleiche gilt für die Patienten, für die das Anlegen eines EPD freiwillig und gratis sein wird. Die Freiwilligkeit führt in der Basler Lösung «my EPD» so weit, dass der Patient das gesamte Dossier jederzeit mit nur zwei Mausklicks unwiderruflich löschen kann. Überhaupt behält er die grösstmögliche Kontrolle über seine Gesundheitsdaten. In seinem mit SMS-Passwort geschützten persönlichen Portal kann der Patient manuell jeder einzelnen Klinik oder Gesundheitsfachperson ein Zugriffsrecht erteilen. Und bei den einzelnen Dokumenten sorgen drei Vertraulichkeitsstufen von normal über eingeschränkt bis geheim für Sicherheit. Allerdings merkte Engelberger an, dass es wenig Sinn mache, wenn ein Patient alle Dokumente auf geheim schalte, da dann nur er sie konsultieren könnte.

Fest steht: «Ein Behandelnder Arzt kann sich nicht darauf verlassen, dass das elektronische Dossier vollständig ist.» Jeder Nutzer kann auch Dokumente selber ins System hochladen. Was das Basler EPD noch nicht kann, ist, Bilder zu speichern. Dies soll in einem Jahr möglich sein und wäre vor allem für Röntgen- oder MRI-Aufnahmen sinnvoll.

Gar keinen Zugriff erhalten Krankenversicherer oder Arbeitgeber. Gespeichert werden die Gesundheitsdaten in den Swisscom-Rechenzentren. Der am Mittwoch anwesende Swisscom-Vertreter versuchte, Datenschutz-Bedenken zu zerstreuen: «Die Sicherheitsstandards sind hoch, da gehen wir keine Kompromisse ein.»